Spendenbereitschaft gestiegen Deutsche spenden 15,5 Milliarden Euro im Jahr – viel mehr als bislang bekannt

Exklusiv | Berlin · Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist trotz der Inflation im vergangenen Jahr gestiegen – und nach neuen Berechnungen auch viel größer als bekannt. Frauen geben häufiger als Männer – und vor allem junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren spenden im Schnitt doppelt so viel wie die Älteren. Zu Weihnachten ist die Bereitschaft besonders hoch.

 Vier Frauen aus Nordrhein-Westfalen spenden 2000 Euro für die Rheinberger Tafel, links die Tafel-Koordinatorin Tanja Braun, rechts ihr Stellvertreter Rolf Lange.

Vier Frauen aus Nordrhein-Westfalen spenden 2000 Euro für die Rheinberger Tafel, links die Tafel-Koordinatorin Tanja Braun, rechts ihr Stellvertreter Rolf Lange.

Foto: Tafel

Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist trotz der Inflation und eigener wirtschaftlicher Sorgen deutlich gestiegen: Insgesamt spendeten die Menschen im vergangenen Jahr rund 15,5 Milliarden Euro für gemeinnützige, humanitäre oder ökologische Zwecke – rund 2,6 Milliarden Euro mehr als 2021. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor.

Das Institut stützt sich dabei auf eigene Berechnungen, die auf einer Befragung von knapp 5000 repräsentativ ausgewählten Personen im Frühjahr beruht. Zudem haben die Forscher auf Daten des Sozio-oekopnomischen Panels am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zurückgegriffen, der größten sozial-ökonomischen Datenbank.

Das Spendenaufkommen liegt mit über 15 Milliarden nach Angaben des Instituts noch deutlich über der Summe von 12,9 Milliarden Euro, die im Sommer vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) auf der Basis von Angaben der Spendenorganisationen veröffentlicht worden war. Über eine Milliarde Euro sammelten die Organisationen laut DZI 2022 allein für Hilfen an die Ukraine ein. Die höhere Summe bei der IW-Erhebung im Vergleich mit dem DZI ergibt sich unter anderem daraus, dass das Institut auch Großspenden bis 30.000 Euro berücksichtigt hat.

„Etwa jeder zweite Deutsche (50,6 Prozent) gibt in der IW-Personenbefragung an, im Jahr 2022 gespendet zu haben – über zehn Prozentpunkte mehr als vor 15 Jahren“, schreibt das Institut. „Unter den Spendern vermerkt jeder Dritte, etwas oder deutlich mehr gespendet

zu haben als im Vorjahr. Umgekehrt haben nur 15 Prozent einen etwas oder deutlich geringeren Betrag weggegeben.“ Erwartungsgemäß hänge die Spendenhöhe vom Einkommen ab. So spendeten Menschen aus Haushalten mit Null bis 1.500 Euro monatlichem Nettoeinkommen über das gesamte Jahr 2022 im Durchschnitt 108 Euro und damit rund 0,99 Prozent des Jahreseinkommens. Befragte aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen zwischen 2.500 und 4.000 Euro spendeten mit 306 Euro hingegen nur rund 0,75 Prozent ihres Jah-reseinkommens. „Die höchsten Spenden von 738 Euro geben Menschen aus Haushalten mit einem monatlichen Einkommen von über 4.000 Euro an. Allerdings machen auch diese nur 0,92 Prozent ihres Jahreseinkommens aus. Über alle Haushalte ergibt sich eine durchschnittliche Spendenhöhe von 404 Euro“, heißt es in der Studie.

Besonders großzügig seien jüngere Menschen. Die durchschnittliche Spendenhöhe in der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen habe 2022 bei durchschnittlich 638 Euro gelegen. Diese Werte seien im Vergleich zu anderen Altersgruppen doppelt so hoch. „Ob sich angesichts der Krisen- und Nachhaltigkeitsdebatten und der zu erwartenden Erbschaften daraus ein dauerhafter Trend entwi-ckelt, werden kommende Studien untersuchen“, so das Institut.

Die Spendenbereitschaft sei bei Frauen um 4,2 Prozentpunkte höher als bei Männern, und bei Westdeutschen um zehn Punkte höher als bei Ostdeutschen. Wer die allgemeine Hochschulreife hat, spendet eher als jemand mit mittlerer Reife (plus 7,8 Prozentpunkte). „Menschen mit einem hohen Bildungsniveau geben 164 Euro mehr als solche mit einem mittleren.“ Große Einkommensunter-schiede gingen mit einer Spendendifferenz von über 400 Euro einher. „Interessanterweise geben Männer – wenn sie denn spenden – rund 142 Euro mehr als Frauen“. so das IW.

 ARCHIV - 06.01.2023, Schleswig-Holstein, Kiel: Ein Mitarbeiter des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur steckt im Foyer des Ministeriums einen Geldschein in eine Spendendose der Sternsinger aus der katholischen Kirchengemeinde St. Ansverus Ratzeburg. Der Deutsche Spendenrat zieht am Mittwoch, 01.02.2023 seine «Bilanz des Helfens» zum Spendenaufkommen von Privatleuten im Jahr 2022. Foto: Marcus Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Foto: dpa/Marcus Brandt

Auswertungen von Bevölkerungsumfragen ergeben laut dem Institut, dass unabhängig von Einkommen, Alter und Familienstand Menschen, die anderen etwas schenken, eine signifikant höhere Lebenszufriedenheit aufweisen. „Auch laut unseren Berechnungen spenden Menschen, die einem Ehrenamt nachgehen oder mit Ihrem Leben insgesamt be-sonders zufrieden sind, deutlich häufiger und mehr“, schreiben die Forscher. Das deutsche Spendensiegel des DZI zeige die vertrauenswürdigsten Institutionen auf und benennt auch deren Kostenanteile für Marketing und Verwaltung. „Die effizientesten Organisationen kommen dabei auf eine Verwaltungsquote (unter anderem für Werbung und Verteilung) von rund zehn bis 20 Prozent, die vom DZI als angemessen bezeichnet wird“, heißt es. Auf der Internetseite dzi.de lasse sich die passende Organisation für eine Spende nach den eigenen Wünschen bezüglich der Bereiche und der Länder am besten auswählen.

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