Bundesregierung unzufrieden Bahn rollt bei Pünktlichkeit in „historisches Tief“

Exklusiv | Berlin · Zuletzt gab es viel Chaos bei der Bahn. Das wirkt sich auch auf die Pünktlichkeit aus - die Quote ist laut Bundesregierung so schlecht wie nie. Die Union sorgt sich nun nicht nur um die Passagiere, sondern auch um den Wirtschaftsstandort.

 Laut Antwort der Bundesregierung ist die Bahn im Fernverkehr so unpünktliche wie nie.

Laut Antwort der Bundesregierung ist die Bahn im Fernverkehr so unpünktliche wie nie.

Foto: dpa/Christoph Schmidt

Bahnreisende werden wieder starke Nerven haben müssen. Auch im Weihnachtsreiseverkehr kann es zu Verspätungen und Zugausfällen kommen. Und nun zeichnet sich ab: Die Bahnbilanz bei der Pünktlichkeit könnte in diesem Jahr so schlecht wie nie ausfallen.

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Selbst die Bundesregierung ist frustriert: „Die aktuelle Pünktlichkeitsentwicklung ist nach Auffassung der Bundesregierung nicht zufriedenstellend“, heißt es in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Unionsfraktion, die unserer Redaktion vorliegt. De facto rollen zum Teil nur noch zwischen 50 und 60 Prozent der Fernverkehrszüge wie angekündigt in die Bahnhöfe ein – im September etwa waren laut Regierung im Westen des Landes nur 55 Prozent der ICEs und ICs pünktlich (August: 48 Prozent), im Süden und Norden 63 Prozent (August: 56/59 Prozent), im Osten knapp 68 Prozent (August: 63) und in der Mitte des Landes 58 Prozent (August: 53). Die Bahn listet ihre Quoten nach Regionen und nicht nach Bundesländern auf.

Seit 2020 ist demnach die Pünktlichkeit in den einzelnen Landesteilen in den Vergleichsmonaten und im Jahresdurchnitt drastisch gesunken. Im Nahverkehr sieht es hingegen deutlich besser aus. Dort liegen die Quoten laut Regierungsantwort fast durchgehend noch deutlich über 90 Prozent.

Bahnchef Richard Lutz hatte bereits angekündigt, dass in diesem Jahr wohl weniger als 70 Prozent der Fernzüge pünktlich sein werden. Für 2023 habe man sich aber eine deutliche Erhöhung vorgenommen, so Lutz kürzlich. Das eigentliche Ziel des Unternehmens sind 80 Prozent. Probleme gibt es vor allem in den „hoch belasteten Eisenbahnknoten“ Hamburg, Köln und Mannheim oder auf den Strecken durchs Ruhrgebiet. Beginnen mit der notwendigen Korridorsanierung will die Bahn 2024.

Um die Probleme zu lindern, hat der Konzern in diesem Jahr schon mehr neue Mitarbeiter eingestellt als geplant. Statt 21.000 sollen es am Jahresende 26.000 neue Beschäftigte sein. Mit 80 zusätzlichen Zügen an Weihnachten und Silvester will man zudem auf den stark nachgefragten Verbindungen etwa zwischen Berlin und Stuttgart/München oder zwischen Köln, Düsseldorf und Berlin das Angebot erhöhen.

Der verkehrspolitische Sprecher der Union, Thomas Bareiß (CDU), betonte, die dramatische Verschlechterung bei der Pünktlichkeit im Vergleich zu den letzten Jahren sei nicht mehr nachvollziehbar. „Die Pünktlichkeitsquoten der Bahn haben ein historisches Tief erreicht“, so Bareiß zu unserer Redaktion. Das Unternehmen verliere „von Tag zu Tag Vertrauen“. Ändere sich nicht bald etwas, „werden die hohen Belastungen im Schienenverkehr auch schwerwiegende Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland haben“. Unions-Experte Michael Donth (CDU) ergänzte: „Das Schienenjahr 2022 war für Mitarbeiter der Deutschen Bahn wie für Bahnkunden sehr schwierig.“ Das habe auch fatale Folgen für die Mitarbeiter gehabt, die häufiger krank geworden seien.

2021 wurden im Nah- und Fernverkehr insgesamt 38,2 Millionen Euro an Entschädigungen an die Passagiere ausbezahlt. Experten gehen davon aus, dass wegen der Verspätungen und der Zugausfälle die Summe in diesem Jahr deutlich höher ausfallen wird.

(has)
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