Deutsche Angestellte machen 2,1 Milliarden Überstunden

Zehn-Jahres-Hoch: Deutsche machen 2,1 Milliarden Überstunden

Im vergangenen Jahr leisteten die Beschäftigten so viel Mehrarbeit wie seit 2007 nicht. Doch die Hälfte der Überstunden wurde nicht vergütet. Linke und Gewerkschaften sprechen von einem Skandal, die Arbeitgeber halten dagegen.

Die Arbeitnehmer in Deutschland haben 2017 deutlich mehr Überstunden gemacht als in den Jahren zuvor. Sie häuften 2,127 Milliarden zusätzliche Stunden an, das ist der höchste Wert seit einer Dekade. Doch nur die Hälfte der zusätzlich geleisteten Stunden wurde vergütet, rund eine Milliarde Stunden blieben unbezahlt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

In seinen Angaben bezieht sich das Bundesarbeitsministerium von Hubertus Heil (SPD) unter anderem auf Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). In dessen Berechnungen fließen Daten etwa aus dem Sozio-ökonomischen Panel und dem Mikrozensus ein, auch Betriebsbefragungen des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung werden berücksichtigt. Das IAB ist eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.

Dem Ministerium zufolge hat die Zahl der Überstunden von Voll- und Teilzeitbeschäftigten damit um rund elf Prozent im Vergleich zu 2016 zugenommen. Damals waren es noch knapp 1,9 Milliarden. Den zuletzt höchsten Wert gab es 2007 mit 2,131 Milliarden – vier Millionen Überstunden mehr als heute. Durchschnittlich machte jeder abhängig Beschäftigte im Jahr 2017 jeweils knapp 27 bezahlte und unbezahlte Überstunden, insgesamt entspricht das etwa 0,6 pro Woche. Der Trend scheint sich fortzusetzen: Im ersten Halbjahr 2018 lag die Zahl der Überstunden bereits bei 1,1 Milliarden.

Die meisten Beschäftigen arbeiteten im vergangenen Jahr mehr als vereinbart, weil es ihrer Ansicht nach nicht anders ging. In einer Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gaben 33 Prozent der Personen mit mehr als zwei Überstunden pro Woche an, dass die Arbeit in der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit nicht zu schaffen sei. Ein weiteres Drittel nannte andere betriebliche Gründe, 14 Prozent beriefen sich auf betriebliche Vorgaben. Aus Spaß an der Arbeit leisteten nur 15 Prozent zusätzliche Stunden, für einen Mehrverdienst blieben lediglich fünf Prozent länger am Arbeitsplatz.

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Die Linken-Arbeitsmarktpolitikerin Jessica Tatti, die die Bundesregierung befragte, sieht deswegen dringenden Handlungsbedarf. „Die Zahlen sind skandalös und legen offen, dass sich viele Arbeitgeber auf dem Rücken ihrer Beschäftigten bereichern“, sagte sie unserer Redaktion. Für Unternehmen zahle sich das aus. Allein im Jahr 2017 hätten sie über 36 Milliarden Euro gespart, weil die Beschäftigten Überstunden zum Nulltarif geleistet haben, so die Bundestagsabgeordnete. „Die Anti-Stress-Verordnung ist überfällig“, sagte Tatti. Um den Missbrauch von Überstunden zu stoppen, brauche es eine Verkürzung der gesetzlichen Wochenhöchstarbeitszeit von 48 auf 40 Stunden.

Dabei sind einzelne Wirtschaftszweige besonders betroffen von Mehrarbeit. Angeführt wird die Liste von Unternehmensdienstleistern, zu denen beispielsweise auch Unternehmensberater gehören. In Informations- und Kommunikationsberufen werden ebenfalls vergleichsweise viele Überstunden gemacht, gleiches gilt für die Land- und Forstwirtschaft sowie für den Handel und das Gastgewerbe. In all diesen Branchen hatten Überstunden einen Anteil von mehr als vier Prozent an allen geleisteten Arbeitsstunden.

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund ist man alarmiert. „Die Zahl der geleisteten Überstunden hat in 2017 ein unerträgliches Maß erreicht und bedeutet ein hohes gesundheitliches Risiko für die Beschäftigten“, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann unserer Redaktion. „Ein regelrechter Skandal ist die Tatsache, dass die Hälfte der Überstunden nicht bezahlt wird“, fügte er hinzu. Das sei nichts anderes als Lohndiebstahl und müsse endlich wirksam sanktioniert werden. Hoffmann sagte, dass das Arbeitszeitgesetz nicht gelockert werden dürfe, wie es die Arbeitgeber forderten. Arbeits- und Gesundheitsschutz müssten „gerade in der digitalen Arbeitswelt“ gestärkt werden, betonte Hoffmann.Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände sieht in den neuen Daten hingegen keinen Skandal. „Obwohl die Wirtschaft seit Jahren boomt und viele Branchen zunehmend über Fachkräftemangel klagen, ist und bleibt die Zahl der Überstunden auf konstant niedrigem Niveau“, teilten die Arbeitgeber mit. Sie verwiesen auf eine Studie des Statistischen Bundesamtes aus diesem Jahr, in der fast 90 Prozent der befragten Erwerbstätigen angeben hatten, mit ihrer Arbeit zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. „Insofern sollten wir keine Probleme herbeireden, wo keine sind“, hieß es von der BDA.

(jd)
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