20 Jahre Bad Kleinen: Der Zugriff geriet zum Desaster

20 Jahre Bad Kleinen : Der Zugriff geriet zum Desaster

Der Einsatz in Bad Kleinen sollte zum Triumph der RAF-Fahnder werden. Doch die Aktion am 27. Juni 1993 ging komplett daneben. Es gab zwei Tote, BKA und GSG 9 standen da wie blutige Amateure. Bis heute spukt das Gerücht vom Staatsmord am Terroristen Wolfgang Grams durch die Welt.

Der 27. Juni 1993, Bad Kleinen, ein Provinzbahnhof zwischen Schwerin und Wismar: Die Spezialeinheit GSG 9 stürmt eine Tunnelunterführung. Die Elite-Polizisten sollen die mutmaßlichen RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams festnehmen. Doch die Aktion geht komplett daneben. Es kommt zum Tumult, in nur wenigen Sekunden fallen insgesamt 39 Schüsse. Am Ende sind zwei Menschen tot: Grams und der erst 25-jährige GSG-9-Beamte Michael Newrzella.

Die Ereignisse vor 20 Jahren katapultierten den mecklenburgischen 3500-Seelen-Ort Bad Kleinen in die Schlagzeilen, erschütterten das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat und stürzten die damalige Bundesregierung und die Sicherheitsbehörden in eine Krise.

Fast alles ging schief

Nach und nach kam ans Licht, was alles schief gelaufen war. Die Polizei hatte mit rund 100 Beamten Stellung bezogen. Zwar gelang es ihnen, Hogefeld im Bahnhofstunnel zu überwältigen. Dass sie vom ebenfalls gesuchten RAF-Mitglied Grams begleitet wurde, war den Polizisten aber offenbar nicht bewusst. Grams stürmte auf den Bahnsteig, eröffnete das Feuer, traf den Ermittlungsakten zufolge den Polizisten Newrzella und wurde schließlich selbst von mehreren Kugeln niedergestreckt. Tödlich war ein Kopfschuss, den sich der damals 40-jährige Grams selbst gesetzt haben soll. Viereinhalb Zentimeter oberhalb seiner Schläfe.

Die Elitepolizisten der GSG 9 trugen bei dem Einsatz keine schusssicheren Westen, ihre Kommunikation untereinander war unzureichend, ein Notarzt war nicht vor Ort. Es folgten gravierende Pannen bei der Spurensicherung: Grams Leiche soll vor der Sicherung von Schmauchspuren gewaschen worden sein, Reisende fanden Tage später am Bahnhof Geschossteile. Hinzu kam eine chaotische Informationspolitik in den Tagen nach dem Einsatz.

Gerüchte über eine Exekution

"Es dauerte und dauerte - Klarheit ließ auf sich warten", schrieb der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) in seinen Memoiren. "Tagelang gab es keine neuen Erkenntnisse über den Tod des Terroristen, die Sicherheitsbehörden schoben die Verantwortung hin und her."

In Medienberichten tauchten Zeugenaussagen auf, wonach ein Polizist dem schwer verletzten Grams die Waffe abgenommen und ihn dann mit einem gezielten Kopfschuss umgebracht haben soll. Mit anderen Worten: Eine Exekution durch staatliche Hand.

Die Schilderungen der Augenzeugin Joanna Baron erschüttern die Republik in ihren Grundfesten. Von ihr hieß es, sie habe von ihrer Würstchenbude auf dem Bahnsteig gesehen, haben, wie einer der Männer der GSG-9 auf Grams losging, der Terrorist schon am Boden liegend. "Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss, aus nächster Nähe, wenige Zentimeter vom Kopf des Grams entfernt", sagte sie einem Reporter des ARD-Magazins Monitor.

Die Medienberichte lösten in der Öffentlichkeit große Aufregung aus. Die These vom Staatsmord war in die Welt gesetzt. 20 Jahre später ist mehrheitlich von einem Medienskandal die Rede, einem von übereifrigen Reportern kreierten Phantom. Auch der Investigativ-Journalist Hans Leyendecker zählte dazu. Seinen damaligen Bericht im Spiegel mit dem Titel "Der Todesschuss" bezeichnet er inzwischen als sein persönliches Versagen.

In linken Kreisen wird die Theorie von der Exekution durch die Staatshand bis heute weitergetragen. Die Spekulationen bekamen auch ihren Nährboden, weil offizielle Stellen zunächst kaum zur Aufklärung beitrugen. "Ich konnte es nicht fassen, was hier vor sich ging", schrieb Kohl und klagte über ein "Informationswirrwarr" und eine skandalöse Kommunikation der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Zwei Rücktritte folgten

Der damalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl überstand die Krise nicht und musste seinen Posten räumen. Bundesinnenminister Rudolf Seiters trat dagegen aus eigenen Stücken ab: Wenige Tage nach der Schießerei erklärte der CDU-Mann überraschend seinen Rückzug.

"Mein Rücktritt war ein doppelter Akt der Schadensbegrenzung", sagt Seiters, der heute Präsident des Deutschen Roten Kreuzes ist. Der Schritt sollte "in dieser aufgeregten Diskussion das Vertrauen der Bevölkerung stärken, dass nichts vertuscht wird". Außerdem habe er die Regierung "vor einem langwierigen und unwürdigen Prozess der gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Ministerien und Behörden bewahren" wollen. Schmerzlich sei das gewesen, aber unausweichlich.

Aufarbeitung in 31 Aktenordnern

Die Aufarbeitung des Juni-Tages in Bad Kleinen dauerte lange. "Der Fall wurde von oben nach unten, von rechts nach links und auch diagonal geprüft, das Verfahren danach eingestellt", sagt der Sprecher der Schweriner Staatsanwaltschaft, Stefan Urbanek. Die Ermittlungsergebnisse seien in 31 Aktenordnern gesammelt. Für die Spekulationen über eine "Hinrichtung" von Grams durch die GSG 9 habe sich kein haltbarer Beleg finden lassen, betont Urbanek. Gründe, die Akten wieder zu öffnen, seien nicht erkennbar. Mehrere Beschwerden gegen die Verfahrenseinstellung seien zurückgewiesen worden.

Auch Grams Eltern, die sich mit dem Selbstmord-Szenario nicht zufriedengeben wollten, strengten mehrere Prozesse an, um die Schuld der Staatsmacht feststellen zu lassen - ebenfalls ohne Erfolg.

Heute erinnern meist nur noch Jahrestage wie diese an ein Kapitel der deutschen Geschichte, in dem die Rote Armee Fraktion (RAF) das Land mit ihren Morden, Entführungen, Überfällen und Anschlägen in Atem hielt. Die Gruppe löste sich zwar erst 1998 komplett auf. In Bad Kleinen endete aber ein Teil des Kapitels: Dort fielen die letzten Schüsse zwischen der RAF und der Polizei.

Hier geht es zur Infostrecke: Spektakuläre Einsätze der GSG 9

(dpa/pst)
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