Der Unbeirrbare - unterwegs mit EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

Porträt des EVP-Spitzenkandidats : Der unbeirrbare Manfred Weber

In Madrid spricht er Englisch, in München Hochdeutsch - und zu Hause freut er sich auf sein Niederbayerisch. Manfred Weber, der „Anti-Krawallo der CSU“, will Klartext reden, ohne den Populisten hinterherzulaufen. Und er will EU-Kommissionspräsident werden.

In Hofkirchen steht ein bayerisches Wirtshaus wie aus dem Bilderbuch: Die Tischreihen im Gasthof Buchner sind eng gestellt, jeder Platz ist besetzt. Die Menschen trinken Weißbier, essen Brezeln und Würste, in der Ecke wartet eine Blaskapelle auf ihren Einsatz. Im niederbayerischen Hofkirchen feiern sie Ende Januar die Pauliskirta, die Verleihung der Marktrechte mehr als 600 Jahre zuvor. Damals war Europa geprägt vom 100-jährigen Krieg der Franzosen gegen die Engländer.

Heute geht es um den Brexit, auch in Hofkirchen. Manfred Weber ist gekommen, der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei für die Europawahl am 26. Mai und möglicher neuer Chef der EU-Kommission. In Niederbayern sind sie stolz auf den hohen Besuch. Weber ist einer von ihnen. Sein Heimatort Wildenberg liegt nur anderthalb Autostunden entfernt. Der 46-jährige studierte Ingenieur, der wegen seines ausgleichenden Wesens auch als „Anti-Krawallo der CSU“ wahlweise als „Anti-Dobrindt“ oder „Anti-Söder“ beschrieben wird, genießt das Heimspiel. „Am Freitag habe ich in Madrid Englisch gesprochen, am Samstag in München Hochdeutsch, jetzt spreche ich endlich Niederbayrisch“, ruft er in den Saal und reckt den Arm.

Die CSU ist in diesem Europawahlkampf gänzlich auf der Linie ihres Spitzenkandidaten. Der örtliche CSU-Politiker Josef Kufner, der Bürgermeister werden möchte, begrüßt Weber mit dem Hinweis, dass man die EU nicht auf die Krümmung der Gurke reduzieren dürfe. Das haben viele in der CSU lange anders gesehen. Doch nach den verheerenden Verlusten bei der Landtagswahl im Oktober ist die Partei zu Maß und Mitte bekehrt. Der höfliche und kompromissbereite Weber hat sich in den eigenen Reihen gegen die innenpolitischen Scharfmacher und die europapolitischen Miesmacher durchgesetzt. Für einen verantwortlichen Job in Brüssel ist das keine schlechte Grundlage. Auch dort braucht man einen langen Atem in der Auseinandersetzung mit den widerstreitenden und den destruktiven Kräften. Der 46-Jährige hat es immer vermieden, seine Parteifreunde öffentlich zur Ordnung zu rufen. Nur hinter den Kulissen mahnte er im Krisen-Sommer immer wieder: Hört auf mit dem Wahnsinn. „Er ist Weltmeister im Vermeiden von Konflikten“, sagt einer, der ihn aus Brüssel gut kennt.

In Abgrenzung der CSU zur AfD war Weber schon immer klar: „Jeder Versuch der Union, die AfD zu kopieren, würde ins Desaster führen. Wir müssen Klartext reden, wir dürfen den Populisten aber nicht hinterherlaufen“, sagt er. Das sei in der CSU angekommen. Weber grenzte sich auch stets klar gegenüber dem rechtsnationalen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán ab. Aus der EVP-Fraktion indes will er Orbáns Partei nicht werfen. Ein solcher Schritt könnte nationale und rechtsextreme Kräfte im Parlament einen, womit eine Mehrheitsbildung in der politischen Mitte noch schwieriger würde. Zu den radikalen Parteien zieht er eine harte Trennlinie: „Wenn Europa ein neues Kapitel für die Zukunft aufschlagen will, dann kann es keine Zusammenarbeit mit radikalen Kräften geben.“ Es werde keine Gespräche mit den Rechtsextremen geben.

Weber hält vor seinem heimischen Publikum eine Rede, wie er sie in Variationen oft in diesem beginnenden Euopawahlkampf formuliert. Niemand in Europa finde, dass der Austritt der Briten aus der EU eine clevere Idee sei, sagt er. Bevor er selbst die Errungenschaften und die Notwendigkeit der Gemeinschaft hervorhebt, geht er auch auf die Zersetzungserscheinungen ein: die Populisten in Frankreich und Italien, die aufgeheizte Stimmung in Polen. Dann verbreitet er Optimismus: 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum bei nur 0,8 Prozent Neuverschuldung, 13 Millionen neue Arbeitsplätze seit der Finanzkrise. Europa brauche seine Stärke, auch um sich vor der Marktmacht Chinas zu schützen. Und Europa müsse seine Marktmacht nutzen, um die Einfuhr in Kinderarbeit gefertigter Produkte zu verhindern. Der Punkt ist Weber besonders wichtig. Schon auf dem Weg zum Termin im Auto spricht er über die katholische Soziallehre als eine Grundlage seiner Politik. „Wenn der Papst in der Enzyklika schreibt: ,Diese Wirtschaft tötet’, muss man darüber nachdenken und handeln“, sagt er.

Das Christentum ist für ihn ein Fixpunkt in dem so vielfältigen Europa in einer globalisierten Welt. Zu dieser Erkenntnis ist er schon als junger Mann gekommen, als er mit Freunden per Interrail-Ticket über den Kontinent tourte: Jede Stadt, jedes Dorf hat im Mittelpunkt eine Kirche. Auf dieser Tour lernte er in Großbritannien auch einen alten Briten kennen, mit dem er über Nazi-Deutschland und den Umgang der Nationen miteinander sprach. „Für mich war das ein Schlüsselerlebnis.“ Seine Erfahrungen sollten möglichst viele junge Europäer machen, findet Weber, und setzte sich deshalb in der EU für das kostenlose Interrail-Ticket für 18-Jährige ein.

Auch wenn die CSU die Sache mit der Gurke verstanden hat, kennt Weber doch zu gut die Skepsis gegen die Bürokraten in Brüssel, abgehoben von den Nöten der Menschen in Europa. So tritt er bewusst als Politiker aus der Provinz auf. Als er für seine Spitzenkandidatur mit dem früheren finnischen Ministerpräsidenten, dem weltmännisch auftretenden Alexander Stubb, einen Herausforderer bekam, ließ er beim entscheidenden EVP-Kongress in Helsinki die typischen Oktoberfest-Lebkuchenherzen mit seinem Namenszug verteilen. In seiner Bewerbungsrede erzählte er von Wildenberg, wo er herkommt und heute noch lebt. Der 1200 Seelen-Ort ist seitdem von Kamerateams belagert. Die Einwohner versichern immer wieder, dass Weber ein netter und bodenständiger Typ geblieben sei. Es fällt auch schon mal der Begriff „Gentleman“. Sein folkloristisches Bekenntnis zur Heimat zog jedenfalls: Weber gewann die Kampfabstimmung mit 79 Prozent.

Mit CSU-Klischees kommt man bei Weber sonst aber nicht weiter. Seine Kritiker finden eher Eigenschaften, die auch Angela Merkel zugeschrieben werden. Fachpolitisch sei er „sattelfest“, „verlässlich, aber nicht mutig“. Die EVP-Fraktion führe er defensiv. Weber steht zu diesem Stil. Als er EVP-Chef geworden war, mussten sich die Fraktionsmitglieder auf eine Methode einlassen, die er auch schon in der katholischen Jugendarbeit in seiner Heimatgemeinde genutzt hatte: Alle sollten ihre Positionen auf Zettel aufschreiben. Gegenfragen, was der Kindergarten solle, ließ Weber nicht gelten. Die eigene Verortung hat aus seiner Sicht geholfen, sich strategisch aufzustellen.

Weber, der nach dem Studium mehrerer Wahlprogramme mit 16 Jahren in die CSU eintrat, ist ein unbeirrbarer Typ. Wenn es möglich ist, zieht er sich einmal im Jahr in der Karwoche ins Benediktinerkloster Weltenburg zurück. Dort tut er, was Politiker nur selten machen: schweigen – - und sich an Ostern über das Fastenbrechen freuen. „Das erdet mich“, beschreibt er in drei Worten seine Gründe für diese Woche Auszeit.

2019 wird Weber keine Zeit für einen Klosteraufenthalt haben. Er will nach der Wahl am 26. Mai EU-Kommissionspräsident werden. Mit welcher Strategie das angesichts der wohl unübersichtlichen Mehrheiten im nächsten Europaparlament gelingen soll? „Ich bin auf dem Weg“, sagt er. Aus seiner Sicht wird Merkel im Juni „weiter eine zentrale Rolle“ für die politische Stabilität in Europa spielen. „Sie hat die Kraft und die Autorität, die EU nach der Europawahl zusammenzuhalten“, betont Weber. Sie werde im Juni maßgeblich das Puzzle zusammensetzen, wenn es um die neuen Spitzen des Europäischen Rates, der EZB und der Kommission gehe. Die Lage in Brüssel ist kompliziert, weil die Stimmen der Konservativen und der Sozialdemokraten nicht mehr reichen werden, um den Kommissionschef zu wählen. Man wird auch die Liberalen, zu denen der französische Präsident Emmanuel Macron gehört, und möglicherweise auch die Grünen brauchen. Der frühere Parlamentspräsident Martin Schulz sagt: „Merkel und Macron sind die Schlüsselfiguren, wenn es um den Kommissionschef geht.“ Ob Angela Merkel es wegen Weber zum Konflikt mit Macron kommen lasse, sei offen.

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