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Der SPD-Politiker Sigmar Gabriel möchte zurück auf die große Bühne

Sigmar Gabriel : Nach Berlin, bitte

Sigmar Gabriel hat Phantomschmerzen. Nach seinem Abgang aus der ersten Reihe der Politik vor fast einem Jahr drängt es ihn zurück.

14 Jahre? Oder doch nur 14 Monate? Neben Sigmar Gabriel sitzt sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow, ein alter Haudegen in der Welt der Außenpolitik. Seit 2004 zieht Lawrow im Auftrag der Russischen Föderation diplomatisch die Strippen. Gabriel ist an diesem Februartag des vergangenen Jahres nur noch geschäftsführend deutscher Außenminister. Eine neue Regierung wird gesucht, ist aber noch nicht gefunden. Gerade hat er vor dem Hotel der Münchner Sicherheitskonferenz verkündet, dass der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel nach mehr als einem Jahr Haft nun endlich freikommt.

In Anspielung auf die Debatte, wer künftig Außenminister in Deutschland wird, sagt Gabriel auf Lawrows lange Amtszeit: „Er ist 13 Jahre, bald 14 Jahre im Amt. Ich bin nicht sicher, dass ich 14 Monate schaffe.“ Gabriel schafft 15. Dann war seine Zeit in der ersten Reihe der Politik, auf großer Bühne – national wie international vorbei.

Gabriel war raus aus dem großen Spiel – letztlich gescheitert auch an sich selbst. Dabei galt er lange als größtes politisches Talent der SPD. 1999 in Niedersachsen mit gerade 40 Jahren damals jüngster Ministerpräsident, später acht Jahre Bundesminister, davon vier Jahre auch Vizekanzler, noch dazu sieben Jahre Parteichef, was in der SPD etwas heißen will. Der Lebenslauf eines politischen Schwergewichts.

Mit seiner impulsiven Art hatte sich der einstige Vorsitzende auch im Willy-Brandt-Haus einige Feinde gemacht. Erst verkündete er in einem Interview-Alleingang ohne jegliche Rückkoppelung in die Partei seinen Verzicht auf eine eigene Kanzlerkandidatur – vor allem nach Art und Weise sehr zum Verdruss der eigenen Genossen. Im Februar 2018 dann wollten ihm auch führende SPD-Genossen nicht verzeihen, dass er seine Tochter Marie mit einem Zitat in den Machtkampf gegen seinen Nachfolger als Parteichef Martin Schulz eingespannt hatte. Gabriel sagte damals: „Meine kleine Tochter Marie hat mir heute früh gesagt: du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“ Gabriel hat sich mit Schulz, beide Verlierer der Regierungsbildung vom März vergangenen Jahres, inzwischen ausgesprochen.

Dass sich aber ein Kaliber wie Gabriel mit seiner aktuellen Rolle eines stellvertretenden Mitgliedes im Europaausschuss des Bundestags oder einer Lehrtätigkeit an der Uni Bonn zufrieden geben würde, konnte sich ohnehin kaum jemand vorstellen. Erst konzentrierte er sich auf die Familie, mit der er in Goslar wohnt. Aber jetzt will er wieder eine Fahrkarte nach Berlin lösen.

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Der einstige Lehrer für Englisch in der Erwachsenenbildung sucht erkennbar nach einem größeren Spielfeld. Zu umtriebig, zu agil, zu viel zu sagen. Unlängst erst saßen Gabriel und Schulz bei der Klausur der SPD-Landesgruppen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in Osnabrück wieder miteinander im Saal. Gabriel war aktiv, ergriff ein ums andere Mal das Wort. Warum sich so viele Menschen von der SPD abwendeten? Er wusste Antwort: „Dass der, der dreißig Jahre gearbeitet hat, am Ende genauso viel kriegt, wie der Balalaika-Spieler in der Fußgängerzone, das finden die scheiße.“ Bei der Frage nach einem schnellen Kohleausstieg geriet der frühere Umweltminister prompt mit dem Parteilinken Matthias Miersch aneinander. Es sei schlicht falsch zu glauben, dass die Frage, „ob man im Jahr 2035 oder 2037-einhalb aus der Braunkohle in Deutschland aussteigt, hätte irgendeinen Einfluss auf die Klimaschutzpolitik“.

Gabriel hat für dieses Jahr gern Einladungen zu Neujahrsempfängen angenommen. Hier kann er glänzen, auf den Putz hauen, sich lustig machen. Auch wieder über die eigene Parteispitze. Seine Zuhörer juchzen und jubeln. Wie neulich in Hamburg. Gabriel lobte eine „Hamburger Meditationsmethode“. Wenn es zu unübersichtlich werde, gehe man zu den Poldern, den eingedeichten Hochwasserschutzflächen und meditiere auf diese Weise: „Polder hocken, Schiffe gucken, Schnauze halten.“ Das könnte man doch gut mal US-Präsident Donald Trump oder AfD-Chef Alexander Gauland entgegenhalten: „Polder hocken, Schiffe gucken, Schnauze halten.“ Beifall.

Das hätte vielleicht auch der Hamburger und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) beherzigen sollen, als er erklärte, er traue sich die Kanzlerkandidatur zu, sagte Gabriel noch. Und schob an den im Publikum sitzenden und ihm sympathischen FDP-Vize Wolfgang Kubicki gerichtet nach: „Oder Wolfgang, wenn wir beide Andrea Nahles begegnen, denken wir beide kurz:…“ Gabriel musste die Polder, die Schiffe und die Schnauze nicht mehr erwähnen. Es wurde sowieso schon laut gelacht.

Der 59-Jährige hat immer noch Truppen in der Bundestagsfraktion. Mancher würde sich wünschen, SPD-Chefin Nahles würde ihren Vorvorgänger wieder stärker in die Arbeit einbinden. Gerade in diesem Wahljahr. Doch Gabriel und Nahles, die nur dem Mitgliedsausweis nach Parteifreunde sind, verbindet tiefes Misstrauen. Nahles hält Gabriel bewusst auf Distanz. Dabei könnte der Mann aus Goslar mit seinem rhetorischen Vermögen der siechen SPD vor der Europawahl, den Kommunalwahlen und den Wahlen in Bremen, Sachsen, Brandenburg und Thüringen wieder auf die Beine helfen.

Aber Gabriel schafft es immer wieder, die Genossen zu verärgern. Mit Blick auf sein Buch „Zeitenwende in der Weltpolitik“ verwies er unlängst auf ein Zitat von Kubicki. Dieser sagte mit Blick auf das 2018 erschienene Buch voraus: „Sigmar Gabriel wird mit der eigenen Partei mächtig Ärger bekommen.“ Ärger mit der SPD ist der Ex-Parteichef gewohnt. Daran würde er eine Rückkehr nicht scheitern lassen.