FDP straft Dirk Niebel und Daniel Bahr ab: Der "Quartalsirre" Wolfgang Kubicki triumphiert

FDP straft Dirk Niebel und Daniel Bahr ab : Der "Quartalsirre" Wolfgang Kubicki triumphiert

Er wurde als Quartalsirrer und Quertreiber diffamiert. Doch auf dem Parteitag der FDP schlägt der schleswig-holsteinische Fraktionschef Wolfgang Kubicki im Rennen um einen Posten im Präsidium überraschend Gesundheitsminister Daniel Bahr und Entwicklungsminister Dirk Niebel.

Er hatte eigentlich keine Chance. Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki kann nur einen relativ kleinen Landesverband aufbieten, sein Rückhalt in anderen Landesverbänden ist nicht gerade üppig. Ebensowenig sind die Mitglieder der Parteiführung als Unterstützer des Fraktionsvorsitzenden aus dem hohen Norden bekannt.

Wolfgang Kubicki gilt als Quertreiber, als Störenfried, der gerne und oft aus Kiel gegen die Parteispitze in Berlin schießt. Im Dezember 2010 hatte Kubicki das Ende der Ära Westerwelle eingeleitet, in dem er den Zustand der Partei mit der Spätphase der DDR verglich. Den Parteikollegen Andreas Pinkwart und Cornelia Pieper warf Kubicki einst vor, sie hätten "keinen Arsch in der Hose". Manchmal scheint es, als sei Kubickis einziger Freund in der Partei er selbst.

Doch eines kann der 61-jährige Anwalt und Volkswirt mit den weißen Haaren wie kaum ein anderer: begeistern. In nur zehn Minuten reißt Kubicki in seiner Bewerbungsrede die Delegierten zu Jubelstürmen hin. "Die FDP leidet nicht an einem zuviel an Charakteren, die ihre Meinung sagen", ruft Kubicki und rechtfertigt damit seine mitunter unbequeme Art.

"Arme Sau"

Den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, den Kubicki aus gemeinsamen Studientagen in Kiel gut kennt, nennt Kubicki fast mitleidvoll "arme Sau", der nun als SPD-Spitzenmann Thesen und Positionen vertreten müsse, die Steinbrück eigentlich für "grundfalsch" hält.

Dann schlägt ausgerechnet Kubicki, der seine chauvinistische Ader nie geleugnet hat, eine Initiative zur besseren Bezahlung von Frauen vor. Auch die Banken bekommen noch ihr Fett weg. Kubicki mahnt eine Insolvenzordnung für Finanzinstitute an, die sich verspekuliert haben und vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Für populäre Positionen ist Kubicki in der FDP hinlänglich bekannt.

Den Delegierten gefällt's offenbar. Kubicki bekommt schon im ersten Wahlgang die meisten Stimmen. Dirk Niebel fällt als Drittplatzierter raus. Viele Delegierte nehmen Niebel dessen scharfe Kritik an Parteichef Rösler kurz vor den niedersächsischen Landtagswahlen übel.

Aber auch den erfolgreichen Minister Daniel Bahr wirft Kubicki aus dem Rennen. Im zweiten Wahlgang erhält Kubicki 402 von 631 Stimmen. Überraschend stark sei die Rede Kubickis gewesen, räumt der unterlegene Gesundheitsminister später ein. Jetzt gehört Kubicki, der einst in einem Interview einen führenden Posten in der Bundespartei abgelehnt hatte, weil er in Berlin zum "Hurenbock und Trinker" werden würde, zum engsten Machtzirkel der Partei.

Streitlust und rhetorische Schärfe

Den wieder erstarkten Parteichef Philipp Rösler dürfte die Personalie nur bedingt gefallen. Immerhin hatte auch Kubicki vor einigen Monaten gegen den Vorsitzenden gewettert, in einer TV-Comedyshow bekannte er gar, dass er Rösler nur wählen werde "wenn kein anderer kandidiert".

Doch es sind wohl die unbequeme Art, die Streitlust und die rhetorische Schärfe des früheren Freundes von Jürgen Möllemann, die die FDP-Delegierten sechs Monate vor der Bundestagswahl zur Wahl Kubickis ermuntert haben.

Der erste Tag des FDP-Bundesparteitag endet am späten Abend somit mit mehreren Überraschungen. Der viel gescholtene Parteichef Philipp Rösler ist wieder da, der vermeintliche Hoffnungsträger Christian Lindner ist deutlich gestutzt. Entwicklungsminister Dirk Niebel ist der große Verlierer.

Und Wolfgang Kubicki, der Mann, der seit 42 Jahren in der Partei ist und wohl mindestens so lange auch polarisiert, ist der Überraschungssieger des Tages.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Rösler feiert 40. Geburtstag

(brö)