Scharping verliert Parteivorsitz: Der Putsch des Oskar Lafontaine

Scharping verliert Parteivorsitz: Der Putsch des Oskar Lafontaine

Düsseldorf (rpo). Oskar Lafontaine hatte hoch gepokert. Zweimal hatte er den Parteivorsitz ausgeschlagen, am 16. November 1995 nutzte er seine letzte Chance und putschte gegen den amtierenden Vorsitzenden Rudolf Scharping.

Nachdem Willy Brandt 23 Jahre die SPD regiert hatte, war das Amt zu einem Schleudersitz geworden. Hans-Jochen Vogel zerrieb sich am Machtkampf mit Oskar Lafontaine, Björn Engholm musste nach einer Falschaussage zurücktreten. Mit der Wahl von Rudolf Scharping im Juni 1993 sollte endgültig Ruhe in den innerparteilichen Machtkampf kommen. Doch Scharping, der seit 1988 dem SPD-Bundesvorstand angehörte und sich in einer Mitgliederbefragung mit 40,3 Prozent gegen Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul durchgesetzt hatte, war von Anfang an ein schwacher Vorsitzender.

Der mit 45 Jahren jüngste SPD-Vorsitzende nach dem Krieg erhielt auch bei seiner Wahl im Juni 1993 das mit rund 79 Prozent schlechteste Ergebnis einer SPD-Vorsitzendenwahl seit 1949. Die Bestätigung als SPD-Chef auf dem Wiesbadener Parteitag fünf Monate später war immer noch das zweitniedrigste Ergebnis der Nachkriegszeit.

  • Alle gegen Lafontaine

Dennoch kürten die Delegierten des Wahlparteitags den ambitionierten Rennradfahrer im Juni 1994 mit 95,4 Prozent offiziell zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl. Als die SPD am 16. Oktober 1994 mit 36,4 Prozent einen Zuwachs von knapp drei Prozent gegenüber der Wahl 1990 verbuchen konnte, schien sich das Blatt gewendet zu haben. Schon zwei Tage später wurde Scharping mit über 98 Prozent als Nachfolger von Hans-Ulrich Klose sogar zum Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gewählt.

Doch die Querellen um den Parteivorsitz gingen weiter. Auf dem Parteitag vom 14. bis 17. November sollte Scharping diesen Machtkampf beenden und die Partei auf sich einschwören, doch die Stimmung blieb lau - bis Oskar Lafontaine das Wort ergriff. Der Saarländer schaffte innerhalb einer Rede, was Scharping drei Tage nicht vermocht hat: Er riss die Delegierten mit und machte ihnen Mut. Der Ausgang der nachfolgenden Kampfabstimmung war absehbar: Mit 321 gegen 190 Stimmen setzte sich der Herausforderer am 16. Oktober 1995 gegen den Amtsinhaber durch.

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