Der Parlamentskreis Pferd und keine Spinnerei

Ernstes Anliegen : Worum es bei dem Parlamentskreis Pferd wirklich geht

Über die Gründung des Parlamentskreises Pferd wird kräftig gespottet. Dabei geht es um vier Millionen Menschen. Und Leidenschaft.

Das Besondere an dieser Runde ist, dass sie einem alle etwas vom Pferd erzählen wollen. Ganz ehrlich. SPD-Chefin Andrea Nahles, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), FDP-Mann Pascal Kober und  weitere 14 Parlamentarier aus ihren Bundestagsfraktionen. Es geht um Milliardensummen, deutsches Kulturgut, Millionen von Menschen und eine spezielle Fünf-Prozent-Hürde. Und natürlich um Leidenschaft und Liebe. Einfach um das Pferd.

Deswegen haben sie im November den gleichnamigen Parlamentskreis gegründet. Und dafür gehörig eins aufs Dach bekommen. Es wird gespottet auch in den eigenen Parteien. Die Union kämpfe gegen die ihre Spaltung, die SPD gegen schlechte Umfragewerte und die FDP gegen Bedeutungsverlust – da werfe der neue Zusammenschluss doch Fragen auf: „Vier Hufe für den Wahlsieg?“, „Im Galopp in den Untergang?“, „Transportalternative bei Dieselfahrverboten?“, „Ja, haben die denn keine anderen Sorgen?“

Doch, haben sie. Eben drum. Sie beschäftigen sich mit Mindestlohn, Migration und Integration, Solidaritätszuschlag und europäischer Finanzpolitik, mit Pannen-Flugzeugen, Berateraffären und Kriegen. Drei, vier Mal im Jahr möchten sie sich Gedanken über Themen machen, zu denen sie einen ganz persönlichen Zugang haben. Sie stecken tief im Stoff. Die Ideen sprudeln, die Arbeit fällt ihnen leicht. Warum also nicht?

Wenn es gut läuft, sitzt Andrea Nahles zweimal im Monat auf ihrem Pferd. Ein Friesenwallach - das sind diese schwarzen, gewaltigen Rösser mit den langen Mähnen. Bildschön und meistens sanftmütig. Siebke heißt das Pferd der SPD-Chefin. Nahles ruft ihn aber nur Sibi. Wer nicht genau hinhört, könnte auch Siggi verstehen und meinen, Nahles hätte gute Lust, ihrem SPD-Widersacher Sigmar Gabriel mal ordentlich die Sporen zu geben. Aber ein Pferdefreund würde sein Pferd niemals wie seinen Feind nennen. Nach dem Motto: „Das Pferd kann Dir alles brechen außer Dein Herz.“ Das ist unter Parteifreunden anders.

Ursula von der Leyen kann im hohen Dressursport mithalten. Sie reitet auf S-Niveau. S wie schwer. Bei der Eröffnungsfeier der Pferdesport-EM in Aachen 2015 war sie Teil einer Quadrille der zehn deutschen Landgestüte mit 68 Hengsten. „Im Sattel vergisst man alles um sich herum und kann richtig abschalten“, sagte sie einmal der „Bild“-Zeitung.

Es gibt auch andere fraktionsübergreifende Parlamentskreise. Den Parlamentskreis Fahrrad zum Beispiel. Aber Vergleiche geziemen sich nicht. Sonst könnte man ja auch fragen, ob jemand so etwas über sein Rad sagen kann: „Ein Pferd galoppiert mit seiner Lunge, hält durch mit seinem Herzen und gewinnt mit seinem Charakter.“ Deutschland ist eine Reiternation, es gibt vier Millionen Reiter und 300.000 Beschäftigte in rund 10.000 Betrieben. Die Pferdewirtschaft macht einen Umsatz von geschätzt rund sieben Milliarden Euro pro Jahr. Die Pferdezucht ist ein eigener Wirtschaftszweig. Es gibt Hannoveraner, Holsteiner, Rheinländer, Württemberger – und auch Araber. Jedes Jahr gibt es Medaillen in der Dressur, im Springen, in der Vielseitigkeit. Und Galopp- und Trabrennen ziehen Besucher an, wenngleich das Brot der Trainer oft hart ist. Überall tauchen auch Tierquäler auf. Sie schnüren die Pferde zusammen, hetzen sie bis zum Zusammenbruch oder prügeln sie ins Ziel.

Pascal Kober sitzt in seinem kleinen Büro im Abgeordnetenhaus in Berlin. Viel Licht fällt nicht durch das Fenster. Nur eine Kaffeetasse mit Pferden weist auf die Leidenschaft des evangelischen Theologen hin. Kober macht eine einfache Rechnung auf: „Vier Millionen Menschen in Deutschland sind Reiter. Das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Auf eine Partei übertragen, ist die Fünf-Prozent-Hürde existenziell.“ Er will damit nur sagen, dass der Parlamentskreis Pferd keine Spinnerei ist. Er schwärmt von der Eleganz, der Schönheit, dem Freiheitswillen der Pferde.  „Es ist eine einzigartige Verbindung zwischen Mensch und Tier. Es wiegt 700 Kilo und reagiert doch sensibel auf eine Fliege. Wenn man gut reiten kann, ist es ein Tanzen.“ Zwang, Schläge, Druck lehnt er ab, sagt der 47-Jährige. Und nennt ein Wort, das in der heutigen Zeit im Umgang miteinander oft fehlt: Achtsamkeit.

Kober erklärt, dass es zwar wie in jedem Sport Eliten gebe, Reiten aber trotzdem nicht elitär sei: „Reiten ist ein Breitensport, nicht jeder betreibt Turniersport und nicht jeder hat ein Pferd. Auch mit einem Bruttoeinkommen von 2000 Euro monatlich gehen Menschen diesem Hobby nach. Reitbeteiligungen bekommt man auch schon für unter 50 Euro im Monat, manchmal gar umsonst.“ Kober selbst hat auch kein eigenes Pferd. Er leiht sich ein deutsches Sportpferd. Aber oft reicht es ihm, im baden-württembergische Haupt- und Landgestüt Marbach, das seine Lebensgefährtin Astrid von Velsen-Zerweck leitet, einfach nur da zu sitzen und zuzuschauen: „Wenn die Herde der weißen Araber-Stuten in der Morgendämmerung über die Wiese galoppiert, sieht das aus wie eine weiße Welle. Traumhaft.“ Pferde verbinden – auch Politiker. Und im Reitsport wie in der Politik gilt: Im Fall eines Falles ist richtig fallen alles.

(kd)
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