Biografie: Der nette Herr Rösler

Biografie: Der nette Herr Rösler

(RP). Vom vietnamesischen Waisenjungen zum Wirtschaftsminister und Vizekanzler – der junge FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler aus Niedersachsen hat eine außergewöhnliche Karriere vorzuweisen. Tatsächlich? Das fragt eine neue Biografie unseres Hauptstadtkorrespondenten Michael Bröcker.

(RP). Vom vietnamesischen Waisenjungen zum Wirtschaftsminister und Vizekanzler — der junge FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler aus Niedersachsen hat eine außergewöhnliche Karriere vorzuweisen. Tatsächlich? Das fragt eine neue Biografie unseres Hauptstadtkorrespondenten Michael Bröcker.

Am 6. November 1973 landet ein Charterjet der Hilfsorganisation Terre des Hommes auf dem Düsseldorfer Flughafen. An Bord des Flugzeugs ist ein Dutzend Kriegswaisen aus Vietnam. Eines der Kinder, ein stark abgemagerter, etwa neun Monate alter Junge, wird von den Betreuern seinen aus Hamburg angereisten Adoptiveltern übergeben. Ein Jahr lang haben der Bundeswehr-Pilot Uwe Rösler und seine Frau Sigrid, eine Krankenschwester, auf diesen Moment warten müssen. Zwei leibliche Töchter haben sie bereits und nun auch einen Sohn.

Wer also ist Philipp Rösler?

So beginnt die Geschichte des Philipp Rösler. Es ist eine Lebensgeschichte, die Deutschland seit Röslers Auftauchen in der Bundespolitik vor gut zwei Jahren bewegt und interessiert. Erst recht, seit der heute 38 Jahre alte Rösler vor vier Monaten von Guido Westerwelle nicht nur den FDP-Vorsitz, sondern auch das Amt des Vizekanzlers übernahm, während er gleichzeitig vom Gesundheits- ins Wirtschaftsministerium wechselte. Nun legt Michael Bröcker, Leiter der Berliner Parlamentsredaktion unserer Redaktion, die erste Rösler-Biografie vor. Wer also ist Philipp Rösler?

Der Titel von Bröckers Buch ist der Versuch einer Antwort auf diese Frage: "Glaube. Heimat. FDP". Bundeskanzlerin Angela Merkel wird das Buch über ihren Stellvertreter am Dienstag, 27. September, in der Katholischen Akademie Berlin vorstellen. Auch sie wird aufmerksam registriert haben, welches Bild Bröcker nach zahlreichen Gesprächen mit Rösler, dessen Frau Wiebke und politischen Weggefährten wie Gegnern von dem jungen Liberalen zeichnet. Es ist keines ohne Schatten.

Abgelegt am Eisentor

Nicht einmal sein Geburtsdatum kennt der Politiker. Er wurde wahrscheinlich im Frühjahr 1973 vor dem Eisentor des katholischen Waisenhauses in Khanh Hung abgelegt. Die Nonnen einigen sich mit den vietnamesischen Behörden auf den 24. Februar 1973 als offizielles Geburtsdatum. Eltern unbekannt, möglicherweise tot. Rösler wird später nicht nach ihnen suchen. Eine einzige Vietnam-Reise führt ihn 2006 "als besonders interessierten Touristen" nur zu Sehenswürdigkeiten, nicht aber ins südvietnamesische Khành Hung.

Als Rösler vier Jahre alt ist, trennen sich seine Adoptiveltern in Hamburg. Zu seiner Mutter, einem Mitglied der Adventistengemeinde, die heute bei einer ihrer Töchter in Chile lebt, verliert sich der Kontakt. Rösler bleibt bei seinem Vater und wächst quasi in der Kaserne auf. Dass etwas mit ihm anders ist und doch alles gut, macht ihm der alleinerziehende Adoptivvater deutlich, als er den Fünfjährigen vor einen Spiegel stellt: "So, schau dich mal an, und dann schau mich mal an — wir sehen unterschiedlich aus. Aber egal, was passiert, und egal, was die Leute sagen: Ich bin dein Vater." So entsteht eine bis heute innige Vater-Sohn-Beziehung.

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Innige Vater-Sohn-Beziehung

Bundeswehr-Offizier Uwe Rösler tritt schließlich sogar von den Sozial- zu den Freidemokraten über, bei denen sein Sohn eine rasante Karriere durchläuft, nachdem ihn Schulfreunde zu den Jungliberalen bringen. Mit 27 Generalsekretär in Niedersachsen, FDP-Landeschef mit 33, Landes-Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident mit 36. Zum zweiten wichtigen Menschen in seinem Leben wird 1998 eine junge Parteifreundin aus Goslar, Wiebke Lauterbach.

Sie stammt aus einer Liberalen-Dynastie und ist eine engagierte katholische Christin. Sie überzeugt Rösler auch, sich 2000 taufen zu lassen. 2002 heiratet der bei der Bundeswehr ausgebildete Arzt seine fünf Jahre jüngere Freundin, die wie er Medizin in Hannover studiert hat. 2008 kommen die Zwillinge Gesche Marie und Grietje Helen auf die Welt. Heute ist Rösler Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken.

"Glaube. Heimat. FDP" stellt uns einen konservativen Liberalen vor. Es fehlen in diesem Leben jegliche Eskapaden. Das mag auch daran liegen, dass dem Asiaten Rösler ein Enzym zum Alkoholabbau fehlt und er daher extrem vorsichtig mit Wein und Bier umgeht. Wegbegleiter wie der langjährige FDP-Politiker Walter Hirche vermuten hinter Röslers wenig liberalem Lebensstil aber vor allem die aus seiner verworrenen Herkunft herrührende Sehnsucht nach Beständigkeit. Er bleibt auch als Politiker ein Familienmensch.

Telefonisch zugeschaltet

So ist er in diesem Jahr nur telefonisch zugeschaltet, als die liberale Boygroup aus NRW-Landeschef Daniel Bahr und Generalsekretär Christian Lindner Guido Westerwelle in dessen Berliner Wohnung zum Verzicht auf den FDP-Vorsitz zwingt. Rösler ist daheim in Isernhagen bei Hannover nicht abkömmlich. Seine Frau hat ihre Facharzt-Prüfung und der Babysitter keine Zeit.

Es sind Geschichten wie diese, die im hartgesottenen Berliner Politikbetrieb die Einschätzung vom Leichtmatrosen, der so gerne Kapitän sein möchte, haben entstehen lassen. Bröckers Buch kann und will das nicht widerlegen, relativiert den Eindruck vom allzeit netten Herrn Rösler jedoch. Er ist, etwa in der Möllemann-Affäre, durchaus entschieden und nicht zimperlich. Eine von ihm initiierte Anti-Möllemann-Resolution hilft, dessen antisemitische Irrlichtereien zu beenden.

Unklar bleibt aber auch nach den süffig geschriebenen 150 Seiten der ersten Vizekanzler-Biografie, wofür Rösler steht. Wenn der Schleier der Exotik vor diesem Lebenslauf weggezogen wird, bleibt die Sicht auf eine glatte politische Laufbahn. Das überzeugende Argument, warum er dort richtig ist, wo er ist, muss Rösler erst noch liefern.

(RP)
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