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Kommentar: Der hohe Preis des Mindestlohns

Kommentar : Der hohe Preis des Mindestlohns

In Deutschland soll ab 2015 nahezu kein Arbeitnehmer mehr weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdienen. Der neue staatlich festgelegte Mindestlohn ist historisch: Jahrzehntelang hatte sich eine demokratische Mehrheit immer wieder dagegen entschieden. Die von der Verfassung garantierte Tarifautonomie, die Lohnverhandlungen an die Tarifpartner delegiert, galt dieser Mehrheit stets als ein heiliges Gut, das nicht entscheidend geschwächt werden sollte.

Diese Zeiten sind nun endgültig vorbei. Eine zu große Zahl an Unternehmen - und übrigens auch an öffentlichen Arbeitgebern - hat sich aus der Tarifgemeinschaft verabschiedet und so die Wirkungskraft der Tarifverhandlungen ausgehöhlt. Der Mindestlohn ist die Antwort auf diese ungute Entwicklung. Nichts macht die geringe Verhandlungsmacht der Gewerkschaften deutlicher als ihr lauter Ruf nach dem gesetzlichen Mindestlohn.

Der Mindestlohn wird Millionen Geringverdienern dann ein höheres Einkommen bescheren, wenn die Konjunktur und die Inlandsnachfrage mitspielen und sich die Jobverluste in Grenzen halten. Die in den kommenden Jahren deutlich steigende Zahl der Älteren, die aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden werden, spricht dafür, dass viele Mindestlohn-Bezieher ihren Arbeitsplatz behalten werden.

Trotzdem wird der Preis für den Mindestlohn ein hoher sein. Es ist eine nicht zu leugnende, simple ökonomische Wahrheit, dass der Mindestlohn Hunderttausende Jobs im Niedriglohnsektor bedroht. Vom Mindestlohn können laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin 4,5 Millionen Menschen profitieren.

Unvorstellbar, dass alle diese Jobs erhalten bleiben. Die Personalkosten der Arbeitgeber steigen, und nicht jeder von ihnen wird höhere Verbraucherpreise durchsetzen können. Der Durchschnittslohn der Aufstocker im Hartz-IV-System beispielsweise liegt derzeit bei nur sieben Euro pro Stunde. Nur wenige werden es mit dem Mindestlohn aus dem Hartz-IV-System heraus schaffen. Die Zahl der Aufstocker, die ihre Jobs verlieren werden, wird voraussichtlich höher sein.

Umso wichtiger, dass der Mindestlohn in Zukunft nicht automatisch an die Steigerungen der allgemeinen Tariflöhne gekoppelt wird. Dass die Tarifkommission, die alle ab 2017 geltenden Mindestlöhne festlegen soll, unabhängig von politischer Einflussnahme wird agieren können, ist leider eine naive Vorstellung. Doch Anhebungen des Mindestlohns merklich oberhalb der Inflationsrate dürften auch in späteren Jahren noch viele Jobs bedrohen.

Hier geht es zur Infostrecke: Fragen und Antworten zum Mindestlohn

(mar)