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Der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück wird am 10. Januar 75 Jahre alt.

Peer Steinbrück wird 75 Jahre alt : Scharfe Rhetorik als Markenzeichen

Peer Steinbrück glänzte als Bundesfinanzminister in der großen Krise 2008/2009, wurde aber als NRW-Ministerpräsident abgewählt. Der Jubilar ist noch immer streitbar.

Der Mann liebt den Streit. Besonders mit Journalisten ging Peer Steinbrück gern liebevoll ruppig um. „Nehmen Sie das gefälligst zur Kenntnis“, raunzte der frühere Bundesfinanzminister dem Autor an, als er ihm auf dessen kritische Frage nach dem Zustand der Finanzstabilität aus dem Stegreif zehn Institutionen und Abkommen nannte, die genau diese sicherstellten.

Der gebürtige Hamburger und Wahl-Rheinländer war und ist durch und durch ein Homo Politicus. Der Kampf um Positionen, die Konfrontation mit dem politischen Gegner und der Durchsetzungswille bei den eigenen Leuten kennzeichnen den rhetorisch versierten Hanseaten. Wer mit ihm mithalten wollte, musste sich schon warm anziehen. Steinbrück liebt es, sein Gegenüber zu widerlegen und ihn auch zu brüskieren. Das hat er nach dem Ende seiner politischen Laufbahn 2016 kaum abgelegt.

Schon seine Wortwahl war nicht zimperlich. Die Genossen beschimpfte der streitbare Sozialdemokrat als „Heulsusen“, weil sie die Öffnung des Arbeitsmarkts von Kanzler Gerhard Schröder nicht mittragen wollten. Den Schweizer Eidgenossen drohte er als Bundesfinanzminister mit der Kavallerie, als die dortigen Banken wohlhabende Deutscher allzu deutlich zur Steuerhinterziehung einluden. Die beiden Spitzenkandidaten des italienischen Wahlkampfs Beppe Grillo und Silvio Berlusconi nannte er „Clowns“, der eine sei es berufsmäßig, der andere wegen dessen unkontrollierter Testosteron-Schübe.

Aufgestiegen in der Ministerialbürokratie in der früheren Bundeshauptstadt Bonn und in Düsseldorf wurde der ehrgeizige Sozialdemokrat schließlich in Schleswig-Holstein unter Heide Simonis (SPD) Wirtschaftsminister. Später machte er eine Blitzkarriere in Nordrhein-Westfalen, wo er bei Ministerpräsident Wolfgang Clement zunächst das Wirtschafts- und dann das Finanzressort übernahm. Als Clement 2002 „Superminister“ im Kabinett von Gerhard Schröder wurde, erkor ihn die Landes-SPD zum Ministerpräsidenten des bevölkerungsreichsten Bundeslandes.

Steinbrück war der letzte Landeschef der fast 39-jährigen Ära der sozialdemokratischen Vorherrschaft in Nordrhein-Westfalen. Vor allem sein Vor-Vorgänger Johannes Rau, dem er als Büroleiter diente, hatte mit seiner Politik des sozialen Ausgleichs geschafft, NRW zur Bastion einer gemäßigten SPD aufzubauen. Allerdings zogen wegen des so verzögerten Strukturwandels andere Bundesländer wie Hessen, Baden-Württemberg und Bayern am einstigen ökonomischen Schwergewicht der Bundesrepublik vorbei.

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Als gelernter Volkswirt erkannte Steinbrück die Schwächen der nordrhein-westfälischen Industriepolitik und die übermächtige Stellung der Landesbank WestLB, die den Strukturwandel orchestrierte. Die überfällige Reform mit den Grünen als Partner misslang ihm, so dass er im Jahr 2005 dem Christdemokraten Jürgen Rüttgers unterlag.

Den Höhepunkt seiner Laufbahn erlebte Steinbrück als Bundesfinanzminister in der Finanzkrise 2008/2009, als er zum mächtigsten Politiker neben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) aufstieg. Das Versprechen der beiden am 5. Oktober 2008, die Sicherheit der Spareinlagen der Deutschen zu garantieren, verhinderte einen Bankenrun und milderte die Turbulenzen. Auch das Krisenmanagement geriet zum Bravourstück des SPD-Politikers, der allerdings 2013 als Kanzlerkandidat gegen Merkel scheiterte.

So durchsetzungsstark Steinbrück als Top-Beamter und Minister war, so schwer fiel es ihm, die Wählerinnen und Wähler für sich zu begeistern. Zweimal verlor er als Spitzenkandidat. Sogar im Wahlkreis Mettmann unterlag er im Direktvergleich stets der wenig bekannten CDU-Abgeordneten Michaela Noll. Seinen Platz in den Geschichtsbüchern hat er trotzdem sicher.

Um den Privatmann Peer Steinbrück ist es ruhiger geworden. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 2016 beriet er zunächst die deutsch-niederländische Bank ING-Diba und zog damit Kritik auf sich. Später ging er auf mehrere Tourneen mit dem Kabarettisten Florian Schröder. Seine Streitlust hat er nicht abgelegt. Noch im vergangenen Jahr warnte er vor der ultra-expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“, den er gemeinsam mit dem früheren CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und anderen Politikern und führenden Wirtschaftsvertretern verfasste. Kurze Zeit später donnerte er in der „Berliner Zeitung“, die Frankfurter Währungshüter .verharmlosten die Inflationsgefahr. Starker Tobak. Auch das Bundestagswahlergebnis im vergangenen September kommentierte er süffisant mit Schröder. Sogar das Wahlgeheimnis lüftete der ehemalige SPD-Politiker. Er habe die Partei gewählt, die es „ihm nicht übel genommen hätte, wenn er sie nicht gewählt hätte“. Er kann es eben nicht lassen. Am Montag wird Steinbrück 75 Jahre alt.