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Der andere Blick auf Flucht und Vertreibung

Neue Ausstellung in Berlin : Der andere Blick auf Flucht und Vertreibung

Es gehörte zu den über viele Jahre umstrittensten Vorhaben deutscher Erinnerungskultur: Das „sichtbare Zeichen“ für Flucht, Vertreibung und Versöhnung in Berlin. Nun ist es für den Publikumsverkehr geöffnet - und bietet Perspektiven, die so verwirrend wie weiterführend sind. Ein Rundgang.

Die neue Dauerausstellung über Flucht, Vertreibung und Versöhnung in Berlin ist anders als von vielen vermutet. Zwar sind natürlich Bilder im Kopf, wenn der Besucher nach jahrzehntelangem Tauziehen um ein „sichtbares Zeichen“ für die Vertreibung von Millionen Deutschen aus dem Osten nun tatsächlich die Ausstellung betritt. Bezeichnenderweise ist sie im früheren „Deutschlandhaus“ an der Berliner Stresemannstraße entstanden, in dem die Vertriebenenverbände ihren Sitz hatten. Es sind Bilder von geschundenen Familien, von Erniedrigung von Schuldzuweisungen, die ohne den historischen Kontext problematisch erscheinen und die in Polen, Tschechien und anderen Regionen mit Misstrauen aufgeladen sind. Und dann geht man hinein. Und die Bilder sind erst einmal weg.

Denn nach der Wendeltreppe vom Eingang in den ersten Stock prasseln die Eindrücke in einem anfangs verwirrenden Durcheinander auf den Betrachter ein. Da liegt die Solarlampe mit USB-Anschluss aus dem Lager in Bangladesch aus dem Jahr 2016 neben der selbst genähten Atemmaske aus dem Lager in Jordanien von 2020 und die wiederum neben dem Deutsch-Lesebuch aus dem dänischen Flüchtlingslager von 1946, gefolgt vom Strategiespiel aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin von 2015. So kreuz und quer durch Raum und Zeit geht es andauernd. Wer sich auf das Unerwartete einlässt, wird bald erkennen können: Flucht und Vertreibung ist kein historisch einschränkbarer Vorgang. Er passierte vor 1945 und danach. Und er wird von jedem Betroffenen sowohl vergleichbar als auch sehr individuell verschieden erlebt.

Sehr eindrucksvoll wird das beim Nutzen moderner Museumsdidaktik in Form von drei Videobildschirmen, auf denen im Wechsel Geflüchtete lebensgroß dem Besucher entgegentreten, wieder abtreten und dazwischen sehr persönlich schildern, wie es ihnen ergangen ist, was sie am neuen Ort gefunden und von ihrer Heimat verloren haben. Eine von ihnen ist Anita Dadic (41) aus Bosnien, die eine „gemütliche Ecke“ mit ihrem Sohn „am Niederrhein nahe der holländischen Grenze“ gefunden hat und sich erinnert, wie sie  gleich zwei Mal ihren sicheren Hafen verlor. Das erste Mal, als sie mit 14 aus Bosnien fliehen musste, das zweite Mal, als 1999 Eltern und Schwester Deutschland wieder zu verlassen hatten.

Die Exponate sind so ungewöhnlich wie die individuellen Schicksale. Da ist das Kartenspiel, das sich das junge Mädchen 1945 während der dreiwöchigen Zugfahrt in den Westen bastelte. Da ist das Klappfahrrad als eines von vielen, die sich Flüchtlinge 2015 kauften, um von Russland nach Norwegen zu kommen, weil die Überquerung „nicht zu Fuß“ erfolgen durfte.Da ist der Iris-Scanner, in den im jordanischen Flüchtlingslager jeder blicken muss, der Lebensmittel haben möchte, und der ein Bezahlsystem per Erfassung des Auges testet. Und da ist das Bullauge der „Wilhelm Gustloff“, jenem Schiff, bei dessen Untergang nach Torpedierung durch ein russisches U-Boot 1945 Tausende auf der Flucht in der Ostsee ertranken. Dieser Teil der Ausstellung fordert jeden Betrachter zu intensivem Mitdenken heraus - auch dazu, wie er sich fühlen, was er vermissen würde, wenn es ihn träfe. Bibliothek und Dokumentationszentrum für eigene Recherchen haben nebenan bereits geöffnet, lassen zusammen mit Veranstaltungsräumen ahnen, wie intensiv die Auseinandersetzung mit dem Dauerthema traumatisierende Flucht und Vertreibung auch in Zukunft an diesem Ort geführt werden kann.

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Dann geht es über die Wendeltreppe in den zweiten Stock und damit in den Bereich, für den das Zentrum vor Jahrzehnten eigentlich entstehen sollte: Hier wird die Vertreibung der Deutschen thematisiert. Aber sie ist eingebettet in das mörderische Wüten von Wehrmacht, SS und Zivilisten in den Gebieten, aus denen die Deutschen dann vertrieben wurden. Die Darstellung ist breit gefächert und wirft eindringliche Blicke auf viele verwandte Aspekte, etwa auf die Umsiedlungspolitik der Nazis unter dem Stichwort „Heim ins Reich“. Auch Ex-Bundespräsident Horst Köhler kommt hier zu Wort - als Nachfahre betroffener Bessarabien-Deutscher.

Es ist einfach gut gemacht, die Zeugnisse und Dokumente im Vordergrund mit den Umrissen von Personen als dunkle Schatten der Vergangenheit  im Hintergrund zusammenzubringen und immer wieder einzelne Schicksale aufzuhellen. Und hier ist dann auch das erwartete Bild. Der Handwagen, mit dem Familie Werth im Sommer 1945 ihre wenige Habe Hunderte Kilometer mit der Hand nach Westen zog - und der dann auch beim Bau eines eigenen Hauses später noch gute Dienste leistete. Er steht vor dem Plakat mit der Überschrift „Sonderbefehl“. Dieser bricht auf die Stadt Bad Salzbrunn herunter, was Millionen an vielen Orten erlebten: Dass ihnen drei Stunden blieben, sich von Haus, Wagen, Pferden und Vieh zu trennen und zu Fuß ihre Heimat zu verlassen hatten, jeder höchstens 20 Kilo Reisegepäck zugestanden bekam - und alles andere „unbeschädigt“ zum polnischen Eigentum erklärt wurde. Ergänzt wird die Dokumentation mit dem polnischen Armeebefehl von Juni 1945: „Mit den Deutschen ist so zu verfahren, wie sie mit uns verfahren sind.“

Wer die Ausstellung gut ermessen und für viele wichtige eigene Erkenntnissen nutzen möchte, sollte ein paar Stunden Zeit mitbringen. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Anhalter Bahnhof ist Geschichte eingeordnet und kunstvoll mit sich und der Gegenwart verknüpft. Ein angemessener Umgang mit einem problematischen Thema.