1. Politik
  2. Deutschland

Margrit Lichtinghagen: Der Abstieg der Zumwinkel-Anklägerin

Margrit Lichtinghagen : Der Abstieg der Zumwinkel-Anklägerin

Düsseldorf (RP). Nach einer zehnstündigen Krisensitzung hat Margrit Lichtinghagen, die Star-Ermittlerin der Bochumer Staatsanwaltschaft, ihren Rückzug erklärt. Ihr wird vorgeworfen, bei der Verteilung eingezogener Bußgelder gemauschelt zu haben. Das Ende einer schillernden Karriere.

Die Entscheidung hat Nerven gekostet. Aber Margrit Lichtinghagen wirkt abgespannt, als sie das Zimmer von Staatssekretär Jan Söffing an der Seite ihres Anwalts verlässt. Eine Last scheint von ihr gefallen zu sein, sagt ein Beobachter. Es ist Dienstagabend, 18.45 Uhr. Soeben hat die Chefermittlerin im Fall Zumwinkel ihren Job hingeworfen. Das Ende einer schillernden Karriere.

Zehn Stunden hat die Sitzung im Düsseldorfer Justizministerium gedauert. In getrennten Räumen berieten die Parteien über einen Ausweg aus der Krise. Am Ende der Sitzung erklärt Lichtinghagen, sie wolle aus dem Dienst bei der Staatsanwaltschaft ausscheiden. Die prominenteste Wirtschaftsfahnderin der Republik will künftig an einem Amtsgericht arbeiten. Ein dramatischer Abstieg.

Schwere Vorwürfe

Die Bochumer Staatsanwaltschaft hatte schwere Vorwürfe gegen Lichtinghagen erhoben. Sie soll bei der Verteilung von Bußgeldern an gemeinnützige Organisationen gemauschelt haben, heißt es in einem 60-seitigen Dossier der Bochumer Behördenleitung. Es geht um die stolze Summe von 100 Millionen Euro.

Lichtinghagen, so der Verdacht, soll das Vermögen großzügig an Institutionen verteilt haben, die ihr nahe stehen. Angeblich flossen Gelder an eine Krebsklinik in Witten, in der eine Tochter Lichtinghagens behandelt wurde. Mittel sollen auch an die Privat-Universität Witten-Herdecke vergeben worden sein. Dort studiert eine der Töchter. Alles nur Zufall? Oder eine üble Kungelei? So wird behauptet, dass Einrichtungen mit einem Geldsegen bedacht worden seien, die in der Nähe von Lichtinghagens Wohnort ansässig sind. In den Akten um die Bußgeldzuweisungen tauchen auch die Namen von hochrangigen Landespolitikern auf.

Gestern erklärte das Justizministerium, die "im Raum stehenden Vorwürfe” würden "keine sofortigen dienstrechtlichen Maßnahmen” rechtfertigen. Die "Prüfung” werde aber fortgesetzt. Als Lichtinghagen das Haus verlässt, warten diesmal keine Kamerateams auf die Ermittlerin.

Gut geschminkt

Das war am 14. Februar dieses Jahres anders. Am Nachmittag verlässt die 54-Jährige, in schwarz gekleidet und gut geschminkt, eine Villa im Kölner Nobelvorort Marienburg. Die Staatsanwältin führt Klaus Zumwinkel zum Verhör ab. Der Chef der Deutschen Post soll den Fiskus um 1,18 Millionen Euro geprellt haben. Wer die TV-Teams, die vor der Tür warten, informierte, ist bis heute ungeklärt.

  • Steuerskandal : Wirbel um Zumwinkel-Anklägerin
  • Margrit Lichtinghagen : Bochumer Staatsanwältin wechselt zu Amtsgericht
  • Der Fall Lichtinghagen : Die Steuersünder-Jägerin gerät ins Visier

Der "Zumwinkel-Coup” macht die Wirtschaftsfahnderin zum Medienstar. Doch die Bochumer Staatsanwaltschaft ist nicht in Feierlaune. Die Vorgesetzten grollen der "Diva”, die schon viele wichtige Verfahren an sich gezogen hat. Lichtinghagen, die das sogenannte "Große Zeichnungsrecht” besitzt, hat sie nicht von der Anklageerhebung informiert. Ein Affront, der spürbar für Verstimmung gesorgt hat. Auf den Fluren ist zu hören, Margrit Lichtinghagen sei vor der Festnahme beim Friseur gewesen. Auch ihr Seidenschal sei neu, heißt es hinter vorgehaltener Hand. "Als ob sie geahnt hätte, ins Fernsehen zu kommen.”

Mit den vagen Hinweisen und kleinen Lästereien ist es seit der vergangenen Woche vorbei. Wenige Wochen bevor der Prozess gegen Zumwinkel beginnt, spricht die Behördenleitung Klartext. "Hinterhältigkeit” und "ungebührliches Verhalten” werfen die Vorgesetzten der Fahnderin vor. Die Chefanklägerin soll ins Jugenddezernat versetzt werden. Ein Plan, der im Düsseldorfer Justizministerium für ungläubiges Staunen sorgt. Sollten etwa persönliche Animositäten die Abwicklung des Prozesses gegen den ehemaligen Post-Chef behindern?

Männliche Neider

Roswitha Müller-Piepenkötter, die als Seiteneinsteigerin auf den Ministersessel kam, weiß, wie schwer es ist, sich als erfolgreiche Frau gegen männliche Neider durchzusetzen. Die CDU-Politikerin springt Lichtinghagen zur Seite. Da das Verhältnis zwischen der Staatsanwältin und ihren Chefs "zerrüttet” sei, schlägt sie eine Notlösung vor. Lichtinghagen soll nach Köln umgesiedelt werden, aber die Zuständigkeit für den Steuer-Skandal behalten.

Doch Bochums Behördenleiter Bernd Schulte will die Brücke, die Müller-Piepenkötter gebaut hat, nicht beschreiten. Ein Abzug der Ermittlungen wäre eine klare Ohrfeige für seine Behörde gewesen. Das Ministerium vereinbart einen Krisengipfel in Düsseldorf. Der Ausgang galt als ungewiss. Denn auch der Behördenleiter steht in der Kritik. Schulte soll nach Medienberichten mit Personen, gegen die Ermittlungsverfahren liefen, Tennis gespielt haben. Obwohl es eine erhebliche Beweislast gegeben habe, seien Ermittlungen eingestellt worden. Fälle, bei denen es um Subventionsbetrug ging, habe man absichtlich im Sande verlaufen lassen.

Auch bei den Geldzuweisungen werden Vorwürfe gegen Schulte erhoben. Der soll Gelder für den Wiederaufbau einer Rokokokirche in Berka vor dem Hainich (Thüringen) vermittelt haben. Dies ist ein Projekt des Rotary-Clubs in Lüdenscheid, dessen Mitglied der Behördenleiter ist. Vorwürfe gegen die Bochumer Staatsanwaltschaft hatte es auch im Zusammenhang mit der Verjährung von Zumwinkels Steuerschuld gegeben.

Frist verstreichen lassen

Weil eine Unterschrift einen Tag zu spät geleistet wurde, kann die Hinterziehung aus dem Jahr 2001 nicht angeklagt werden. Dadurch sinkt die Summe, um die der frühere Top-Manager den Fiskus geprellt hat, auf unter eine Million Euro. Möglicherweise kommt er deshalb um eine Haftstrafe herum. Der Amtsrichter, der für die Unterschrift zuständig war, bereitete sich angeblich zum fraglichen Zeitpunkt gerade auf seine mündliche Promotionsprüfung vor.

In der Landespolitik wurde der Rückzug von Lichtinghagen gestern mit Überraschung aufgenommen. Offenbar habe Ministerin Müller-Piepenkötter falsch gelegen, als sie sich zunächst mit ihrem Versetzungsvorschlag an die Seite der Ermittlerin stellte. Die Vorwürfe gegen die Fahnderin seien offenbar schwerer als bislang bekannt. Sonst hätte Lichtinghagen, die als nervenstark gilt, wohl nicht hingeworfen, hieß es. Sie will zum 1. Januar 2009 aus dem Dienst ausscheiden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Margrit Lichtinghagen: Die Steuersünder-Jägerin

(RP)