Deniz Yücel ist frei, aber die Türkei noch lange nicht - Kommentar zu deutsch-türkischen Beziehungen

Deutsch-türkische Beziehungen: Yücel ist frei, aber die Türkei noch lange nicht

Deniz Yücel ist zurück in Deutschland. Wer nun wieder Waffen an Erdogan liefern will, der sollte sich mit dem Mann unterhalten, der ein Jahr in einem türkischen Gefängnis saß - er würde von Yücel eine deutliche Antwort bekommen.

Es ist die schönste Nachricht des Freitags. Nach einem Jahr hinter Gittern ist der deutsch-türkische "Welt"-Journalist Deniz Yücel endlich frei. Bis zuletzt gab es keine Anklageschrift. Der Mann, der seinen Job machte und recherchierte, wurde als Terrorverdächtiger festgehalten. In einem Land, das angeblich demokratisch verfasst ist. Für Despoten wie Präsident Erdogan bedeutet die freie Presse - und scharfzüngige, polarisierende Journalisten wie Yücel sind es erst recht - ein ständiges Ärgernis und eine Bedrohung ihrer Macht. Das ist aber das Wesen der freien Presse. Wenn sie nicht mehr unbequem ist, ist sie wirkungslos.

Gut, dass sich die Bundesregierung und so viele Prominente und Wortgewaltige immer wieder öffentlich für die Freilassung Yücels eingesetzt haben. Was Despoten wie Erdogan noch mehr fürchten als eine freie Presse, ist der dauerhafte Liebesentzug des Westens. Die Türkei ist auf freien Handel, auf Tourismus angewiesen. Für eine neue Entspannungspolitik wäre es aber jetzt zu früh. 149 Journalisten sind weiter in Haft. Die Türkei ist weit entfernt von den Werten und Grundsätzen der EU. Wer nun wieder Waffen an Erdogan liefern will, der sollte sich mit Herrn Yücel unterhalten. Er würde es nicht wollen.

(brö)
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