Debatte um das Deutschlandlied: Die ferne Nationalhymne

Debatte um das Deutschlandlied : Die ferne Hymne

Die Republik debattiert mal wieder über ihre Nationalhymne. Und wer näher hinschaut, der bemerkt: Das Verhältnis der Deutschen zu „ihrem“ Lied ist so widersprüchlich wie das Lied selbst. Gerade deshalb passt es so gut.

Herrje – muss es denn immer so kompliziert sein mit der Hymne? Was ist mit Frankreich oder England, wo die Fußballfans bei Länderspielen zu Beginn der zweiten Halbzeit einfach mal spontan die Marseillaise und „God Save the Queen“ in zehnfacher Wiederholung vortragen? Oder mit den USA, wo vor einem Open-Air-Konzert des Chicago Symphony Orchestra selbstverständlich das „Star-Spangled Banner“ intoniert wird? Wäre das nicht schön? Aber nein, wir Deutschen kritteln ja schon wieder an unserer Hymne rum!

Gemach. Abgesehen davon, dass sich die Strahlkraft der deutschen Fußball-Nationalmannschaft derzeit in Grenzen hält – ja, andere Nationen mögen es einfacher haben; Einfachheit in historisch-politischen Dingen aber ist in Deutschland nun mal eher ein Problem als ein Wert an sich. Das mag man bedauern, man kann es aber nicht ändern – die Geschichte, vor allem die der nationalsozialistischen Diktatur, ist ein zu starkes Argument. Deutschland ist und bleibt in Sachen patriotischer Symbolik ein Sonderfall.

Mit diesen Vorbemerkungen würde man aber der Debatte nicht gerecht, der Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, ein Linker, diese Woche ein neues Kapitel hinzufügte: der Frage nämlich, welche Hymne die richtige ist für Deutschland. Die Frage ist fast so alt wie das Lied selbst. Ramelow nun hätte gern eine ganz andere Hymne, weil ihn die derzeitige erstens an die Aufmärsche der Nazis erinnere und zweitens bei den Ostdeutschen nie wirklich angekommen sei. Er hat, das zeigen die zahlreichen, teils schrillen politischen Repliken, damit einen Nerv getroffen.

Aber warum eigentlich? Klar: Symbole und Traditionen entfalten auch im politischen Alltagsgeschäft des 21. Jahrhunderts ihre Relevanz. Aber man kann ja nun wirklich nicht sagen, dass die Deutschen ein ungebrochenes Verhältnis zu ihrer Nationalhymne hätten. Historisch nicht – im Kaiserreich stand das bei Liberalen beliebte Deutschlandlied im Verdacht, republikanisch zu sein, der Weimarer Republik vermochte es trotz seiner Popularität keine langfristige Akzeptanz zu schaffen, die Nazis klebten ihm ihre SA-Hymne an und drehten das „Deutschland, Deutschland über alles“ endgültig vom Besinnlichen ins Kriegerische.

Schwierig ist es auch literarisch. Die erste Strophe mag historisch verseucht sein; die zweite („Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“) erinnert heute eher an eine Kneipentour im Rheingau als an vaterländische Erbauung.

Geradezu widersprüchlich ist schließlich das aktuelle Verhältnis der Deutschen zu „ihrem“ Lied. Ein Ausflug in die Demoskopie der vergangenen zehn Jahre mag das belegen. Zwei Drittel empfinden eher Stolz, wenn sie die Hymne hören, aber nur knapp die Hälfte kennt den Text; eine Ergänzung oder Änderung lehnen rund 80 Prozent ab; die Deutschen halten die Hymne für fast so typisch deutsch wie Angela Merkel, aber für typischer als Adolf Hitler und die Currywurst; gegen Goethe und vor allem den Volkswagen kommt sie allerdings nicht an. Zwei Drittel sind dagegen, dass die Hymne regelmäßig in der Schule gesungen wird. Gut die Hälfte erwartet, dass Fußball-Nationalspieler mitsingen; zwei Drittel singen bei Sportereignissen nach eigenen Angaben aber selbst nicht. Oder anders: Schön, dass es die Hymne gibt – aber lasst mich damit in Frieden. Das Deutschlandlied ist dem Volk theoretisch lieb und teuer, praktisch ist es ihm aber vor allem eins: fern.

Insofern entbehrt Ramelows Argument der Grundlage, „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sei sozusagen der Kampfschrei der Besserwessis – die können damit selbst nicht allzu viel anfangen. Seine Assoziation des Deutschlandlieds mit Nazi-Aufmärschen sagt ohnehin mehr über Ramelow aus als über das Lied. In der Luft hängt aber auch das hymnenfreundliche Argument des Kölner Psychologen Stephan Grünewald, ein nationales Lied sei ein „Bindemittel“, wenn „alle für eine Minute denselben Text“ singen. Die Mehrheit will ja offenbar gar nicht singen.

Dabei ist, so verquer und seltsam die beiden ersten Strophen heute daherkommen, gegen die dritte trotz ihrer mittlerweile fast 178 Jahre herzlich wenig zu sagen. Gut, vielleicht etwas viel Einigkeit, wo doch Uneinigkeit ebenso sehr zur Demokratie gehört; und natürlich das rätselhafte „Unterpfand“, das wenig mehr als „Garantie“ bedeutet, doch das reimt sich nun mal schlecht auf „Vaterland“. Aber Recht und Freiheit, Glanz und Glück, dazu Haydns völlig unmartialische Melodie – wer sollte dagegen etwas einzuwenden haben?

Trotzdem über Änderungen nachzudenken – ob wie jetzt Ramelow aus Ost-West-Erwägungen oder wie 2018 die Gleichstellungsbeauftragte im Familienministerium, Kristin Rose-Möhring, aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit –, ist kein Sakrileg, denn eine Hymne ist nicht vom Himmel gefallen, sondern auch nur ein historisches Dokument, letztlich bei aller Symbolik ein politischer Gebrauchsgegenstand. Das Gegenargument ist freilich gewichtig: Das Deutschlandlied (beziehungsweise der Rest, der noch in Gebrauch ist) passt textlich wie musikalisch bestens zur bundesrepublikanischen Nüchternheit. Man kann sich kaum ein passenderes Sinnbild denken für unseren eher distanzierten Patriotismus: ein Lied mit einer vielfach gebrochenen Geschichte als Hymne einer Nation, die ihren Symbolen zwar insgesamt Wertschätzung entgegenbringt (Schwarz-Rot-Gold ist ja seit der Fußball-WM 2006 auch wieder gängig), die aber von der Inbrunst der Engländer, Franzosen oder Amerikaner wenig wissen will.

Nicht erst seit am Freitag auch die Bundeskanzlerin ihren Regierungssprecher das Deutschlandlied als „sehr schön“ bezeichnen ließ, darf man die Prognose wagen: An unserer Hymne wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Das ist auch ganz gut so.

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