1. Politik
  2. Deutschland

Mehr Integration in der Truppe: De Maizière macht die Bundeswehr "multikulti"

Mehr Integration in der Truppe : De Maizière macht die Bundeswehr "multikulti"

Verteidigungsminister Thomas de Maizière ist zu Gast im Nato-Land Türkei. Neben den drängenden Problemen im Nachbarland Syrien ist die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundeswehr ein großes Thema.

Leval Kaya-Yildis (38) schreitet in sengender Mittagshitze gemessenen Schrittes die Stufen zum Atatürk-Mausoleum herauf. Unmittelbar vor ihr geht Verteidigungsminister Thomas de Maizière, neben ihr deutsche und türkische Generäle aus der Spitze der beiden Streitkräfte. Und sie, die 38jährige Soldatin aus Kiel mit dem Dienstgrad eines Oberstabsarztes, repräsentiert... - ja was eigentlich? Ihren türkischen Vater, der 1963 als Gastarbeiter nach Deutschland kam? Ihre türkische Mutter, die wenige Jahre später nachzog? Ihren türkischen Mann? Ihre fünfjährige deutsche Tochter? Auf jeden Fall sich selbst: Eine überzeugte Muslima, die als Deutsche mit türkischen Wurzeln in der Bundeswehr ihre ärztliche Erfüllung gefunden hat.

Trotz vieler Kontakte und Reisen in die Türkei ist sie zum ersten Mal in ihrem Leben im Mausoleum des Staatsgründers, der auch Jahrzehnte nach dem Tod noch viele und neuerdings wieder mehr Anhänger hat, dessen Namen sich schon Teenager auf den Arm tätowieren lassen, dessen Schriftzug auf vielen türkischen Autos klebt — als Ausdruck einer selbstbewussten, einer modernen, einer säkularen und westlich geprägten Türkei.

Und nun steht sie am Grab des Gründers dieser Türkei, direkt hinter dem deutschen Verteidigungsminister, der gerade mit zwei türkischen Soldaten einen Kranz mit schwarz-rot-goldenen Blumen niederlegt und dann tief den Kopf senkt. "In Dankbarkeit für seine Leistungen zur Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei", wird de Maizière anschließend ins goldene Buch des Atatürk-Mausoleums schreiben.

"Das war ein schöner Moment"

Was fühlt ein deutsche Muslima in einem solchen Augenblick? "Ich kann das nicht richtig in Worte fassen", sagt Kaya-Yildis Minuten unmittelbar nach dem Zeremoniell im Gespräch mit unserer Redaktion. "Das war ein unheimlich schöner Moment, das ging direkt in mein Herz", fürgt sie hinzu.

Sie ist einen anderen Weg gegangen als die vielen angehenden Mediziner, die das kostenlose Studium bei der Bundeswehr schätzen, ein paar Jahre Soldaten behandeln und sich dann eine zivile Praxis suchen. Sie arbeitete bereits als Allgemeinmedizinerin, hatte aber nach mehreren Gesundheitsreformen das Gefühl, dass sie ihre Patienten gar nicht mehr so behandeln konnte, wie sie sich das früher einmal vorgestellt hatte. Sie war auf der Suche nach etwas Neuem, als sie das Angebot der Bundeswehr entdeckte, als fertige Ärztin einfach einmal auszuprobieren, wie denn der medizinische Dienst in der Armee so funktioniert. Das war 2009. Sie probierte. Und blieb.

Denn hier kann sie als Truppenärztin im Sanitätszentrum in Kiel nicht nur in Deutschland direkt und umfassend für die Soldaten da sein. Sie hat auch schon einige Einsatzerfahrungen gemacht und dabei vor allem in Afghanistan kennengelernt, wie direkte unmittelbare und umfassende ärztliche Hilfe vor Ort sein kann. Nicht nur als Ärztin, die die Soldaten auf ihren oft lebensgefährlichen Patrouillen und Einsätzen begleitet, sondern auch als Frau und Muslima, zu der die muslimischen Afghaninnen sofort Vertrauen haben, die sich von ihr, im Unterschied zu männlichen Medizinern, sofort behandeln und aufklären lassen. "Eine wertvolle Arbeit", fasst Kaya-Yildis zusammen, mit der sie sich absolut identifizieren könne.

Der Glaube ist flexibel

Zudem hat sie ihren Arbeitgeber Bundeswehr so kennengelernt, dass sie ihren Glauben auch in ihrem Dienst wie selbstverständlich leben kann. Sie rolle natürlich nicht den Gebetsteppich aus, wenn gerade verwundete Soldaten zu behandeln seien, sagt sie schmunzelnd. Da sei ihr Glauben schon flexibel genug, um die Tagesgebete auch am Abend nachholen zu können. Aber der Küche biete ihr wie selbstverständlich schweinefleischfreies Essen, und das Leben mit Männern über Tage und Nächte in einem Zelt sei in der Realität überhaupt kein Problem. Selbst die bange Frage, ob sie Gefahr laufe, christlich aufgebahrt zu werden, wenn ihr in Afghanistan mal etwas passiere, war, einmal angesprochen, überhaupt kein Problem. "Wir würden dann sofort Kontakt mit einem muslimischen Geistlichen aufnehmen", bekam die Muslima gesagt. Und deshalb kann sie die Bundeswehr als Heimat für Muslime auch nur empfehlen.

Wie die Kieler türkischstämmige Ärztin hat de Maizière auch den Nürnberger Major Erhan Ursavas (38) gefragt, ob er ihn auf seiner Türkei-Reise begleiten mag. Und auch Ursavas wollte. Seine in der Türkei wohnenden Verwandten seien richtig stolz gewesen, dass ihm diese Ehre zuteil geworden sei. Besonders sein Onkel, Oberst in der türkischen Armee und Vorbild schon für den kleinen Erhan im fernen Franken, wo er als Kind eines türkischen Gastarbeiters und einer deutschen Mutter zur Welt kam. Offizier, das wollte er schon von Kindesbeinen an werden. Das rrrrrollende R verrät seine Herkunft in Deutschland, doch außer Fränkisch spricht er auch Türkisch und Englisch und Französisch und — als Ehemann einer Italinenerin — auch Italienisch.

Und auch er kann damit etwas einbringen, das die Bundeswehr dringend braucht: Fast alle Einsätze laufen multinational ab, und wer sich dann in den Stäben problemlos über Sprachgrenzen hinweg zurecht finde, ist wie geschaffen für die heutige deutsche Armee. Deshalb ist er nun als Lage-Auswerter beim Eurokorps in Straßburg eingesetzt. In seinen mittlerweile 18 Jahren beim Bund habe es immer wieder Gelegenheit gegeben, ihm vielleicht wegen seiner Abstammung oder seines Namens Probleme zu bereiten. Doch in dieser Hinsicht habe er "keine einzige Situation der Benachteiligung" erlebt. Er tritt deshalb nachhaltig dafür ein, dass die Zahl der Deutsch-Türken oder auch der Deutschen mit türkischer Abstammung nicht nur unter den Mannschaftsdienstgraden zunimmt, sondern besonders auch unter den Offizieren der Bundeswehr.

"Merhabe asker!"

Dem Minister ist das ein Anliegen. "Merhabe asker!", ruft er zur Begrüßung den zu seinen Ehren angetretenen türkischen Soldaten vor dem Verteidigungsministerium in Ankara zu. Das heißt soviel wie "Guten Morgen, Soldaten!" "Sagol!", brüllen die, also "Danke!" De Maizière geht die Stufen zur internen Unterredung mit seinem Amtskollegen Ismet Yilmaz hinauf. Ihm folgt seine Delegation. Und in die hat de Maizière auch Leval Kaya-Yildiz und Erhan Ursavas integriert. Ein doppeltes Zeichen will der Minister damit geben: An die türkische Seite, dass Migranten bei der Bundeswehr willkommen sind, und als Zeichen nach Deutschland, dass auch noch mehr Migranten in den Streitkräften willkommen wären.

Diesen freiwilligen Dienst will er nun zusätzlich attraktiv machen: Wer einen deutschen und einen türkischen Pass hat, der muss nach türkischem Recht in der Türkei 15 Monate Wehrdienst leisten. De Maizière will erreichen, dass Deutsch-Türken das künftig nicht mehr müssen, wenn sie in Deutschland freiwillig Wehrdienst leisten. Gerade hat Yilmaz in der internen Unterredung mit de Maizière von sich aus angesprochen, wie wichtig die Streitkräfte als Brücke zwischen den beiden Staaten seien, als de Maizière die Gelegenheit nutzt, um für eine Neuregelung der türkischen Gesetze zu werben, oder für eine neue Interpretation der alten Rechtslage.

Yilmaz hätte es sich nun einfach machen, mit den Achseln zucken und auf die türkischen Gesetze verweisen können. Danach interessiert sich die Türkei nicht dafür, wie lange Türken in anderen Streitkräften Dienst tun, Hauptsache, es ist im Rahmen einer regelrechten Wehrpflicht. Dann können sie im Gegenzug aus der türkischen Wehrpflicht entlassen werden. Das könne dazu führen, dass ein Deutsch-Türke früher bei nur sechsmonatigem Wehrdienst in Deutschland in den Genuss kam, nicht mehr in der Türkei dienen zu müssen, dass ihm das aber heute drohe, wenn er sich freiwillig sogar zu zwei Jahren verpflichte, gibt de Maizière zu bedenken.

Der deutsche Pass bleibt Voraussetzung

Sein türkischer Amtskollege weicht zwar aus, aber wenigstens mit positivem Unterton. Er werde das in den Ministerrat bringen, und zwar in dem Sinne, dass Deutsch-Türken beide Länder stärken könnten, auch in den Streitkräften. De Maizière begrüßt diese Reaktion. "Das ist eine sehr gute Sache", sagt er anschließend im Garten der türkischen Botschaft, wo er auch mit den beiden Migranten noch einmal das Gespräch sucht.

Gleichzeitig zieht er aber eine klare Linie. Der deutsche Pass bleibe Voraussetzung für einen Dienst in der Bundeswehr. Um Ausländer bemühe er sich ausdrücklich nicht, sagt er zu derartigen Vorschläge aus dem politischen Raum angesichts der immer kleiner werdenden Jahrgänge junger Männer in Deutschland. Die deutsche Staatsbürgerschaft sei wichtig, weil von den Soldaten verlangt werde, ihr Land tapfer zu verteidigen. Deshalb komme das Modell einer Fremdenlegion für Deutschland definitiv nicht in Frage.

(RP/felt/sap)