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Trauma Afghanistan: Das späte Leiden der verwundeten Soldaten

Trauma Afghanistan : Das späte Leiden der verwundeten Soldaten

Selsingen (RPO). Bundesregierung, Familien und Kameraden - sie alle nehmen am Freitag Abschied von den drei deutschen Soldaten, die in Afghanistan getötet wurden. Während die Öffentlichkeit über die Teilnahme der Kanzlerin oder Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr diskutiert, rückt das Schicksal der bei dem Gefecht Verwundeten in den Hintergrund. Doch diese wird das Geschehen wohl noch lange beschäftigen.

Acht Bundeswehrsoldaten wurden bei dem Gefecht am Karfreitag verletzt, vier davon leicht. Letztere blieben in Afghanistan, wurden dort behandelt. Die schwerer Verwundeten waren nach Deutschland ausgeflogen worden. Zwei von ihnen konnten laut einem Sprecher des Sanitätsführungskommandos inzwischen auf normale Stationen verlegt werden, die anderen beiden lagen am Mittwoch noch auf der Intensivstation.

Doch mit der körperlichen Genesung ist es bei vielen Rückkehrern nicht getan. Denn immer mehr Soldaten kehren traumatisiert in ihre Heimat zurück. "Ein Trauma bricht erst aus, wenn die Anspannung beim Menschen abfällt", sagt etwa der Bundeswehrarzt Karl-Heinz Biesold.

466 Soldaten behandelt

Das hat erst jüngst der Jahresbericht des damaligen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe gezeigt. Demnach sind im vergangenen Jahr 466 Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen behandelt worden. Gegenüber 2008 mit 245 Fällen hat sich die Zahl fast verdoppelt. Knapp 90 Prozent der Betroffenen gehörten zur Isaf-Truppe.

"Auch berichtete mir ein Soldat aus dieser Runde, er sei körperlich und seelisch schwer verwundet aus dem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrt", schreibt Robbe im Vorwort zu seinem Bericht. Und weiter: "Ebenso oft schilderten mir einige Frauen, wie sich ihre Männer seit der Verwundung negativ veränderten. Verhaltensauffälligkeiten, wie aggressive oder depressive Reaktionen seien keine Seltenheit."

Wie hoch die Dunkelziffer der betroffenen Soldaten ist, lässt sich nicht sagen. Nach Robbes Ansicht würden psychische Erkrankungen in der Truppe immer noch als stigmatisierend empfunden und aus Angst vor Benachteiligungen oft nicht offenbart.

Verdrängung führt zu Spannung

Doch Verdrängung kann zu noch mehr Spannungen im privaten Umfeld führen. "Wenn ein Mensch einem Geräusch oder einem Geruch wie etwa von verbranntem Fleisch wieder begegnet, kommen die Bilder des Grauens hoch", sagt der Bundeswehrarzt Karl-Heinz Biesold. Herzrasen, Schweißausbrüche sind die Folge - "Flashbacks" nennen Fachärzte solche Situationen.

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Auch die Trauerfeier am Freitag könnte Erinnerungen bei den Soldaten hervorrufen an die Lage vor Ort. Eindrücke von Not, Elend, Zerstörung und Gewaltanwendung, das persönliche Gefährdungsrisiko - all das sind Stressfaktoren, wie Biesold laut der Webseite www.ptbs-hilfe.de beim Forum "Präventiv- und Einsatzmedizin" erklärte.

Tatsächliche wirksame Vorbeugemaßnahmen gebe es nicht. Man könne die Soldaten nur darauf vorbereiten, besser mit Stresssituationen umzugehen. Und geht es nach dem einstigen Wehrbeauftragten Robbe, muss sich vor allem etwas im Bereich der Behandlung tun. Ein Mangel an Ärzten und vor allem Psychiatern in den Bundeswehrkrankenhaus, wie er ihn feststellen musste, hilft kaum, die Soldaten von ihrer Krankheit zu befreien.

Es müsste also Geld in die Hand genommen werden - nicht nur um die Ausrüstung der Bundeswehr zu verbessern, sondern auch, um die seelischen Schäden der zurückgekehrten Soldaten zu lindern und letzlich zu heilen.

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