"Deutschland schafft sich ab": Das schreibt Sarrazin in seinem Buch

"Deutschland schafft sich ab" : Das schreibt Sarrazin in seinem Buch

Berlin (RP). Die Erstauflage von 25.000 Exemplaren ist bereits vergriffen, überall wird Sarrazins Buch diskutiert. Nur gelesen hat es offenbar noch niemand – sonst wäre die Empörung wohl weit größer.

Berlin (RP). Die Erstauflage von 25.000 Exemplaren ist bereits vergriffen, überall wird Sarrazins Buch diskutiert. Nur gelesen hat es offenbar noch niemand — sonst wäre die Empörung wohl weit größer.

Glaubt man Thilo Sarrazin, dann muss die Geschichte des preußischen Staatsprotestantismus im 19. Jahrhundert ganz neu geschrieben werden. Dass Protestanten in einem protestantisch geprägten Staat bessere Positionen besetzten als die gleichzeitig im Kirchenkampf verfolgten Katholiken, lag laut Sarrazin vor allem daran, dass die Protestanten genetisch schlauer waren als die Katholiken.

Traditionell, so Sarrazin im Kapitel "Zeichen des Verfalls" seines Buches "Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen", seien nämlich bei den Protestanten immer die Klügsten Pfarrer geworden und hätten viele Kinder bekommen, die unter besten Bedingungen aufgewachsen seien. Bei den Katholiken habe "das Zölibat eine Vermehrung dieses Teils der intelligenten Bevölkerung verhindert (jedenfalls soweit es beachtet wurde)".

Das Buch ist eine Polemik

Der Vorwurf, das, wie so vieles andere in Thilo Sarrazins Buch sei nichts als polemisch, deutet auf ein Missverständnis auf Seiten seiner Leser hin: Das Buch ist eine Polemik, und zwar von der ersten bis zur 463. Seite, die ihr einziges Ziel — nämlich nichts als zu polemisieren — bereits vor dem Erscheinen des Buches erreicht hat. Bei Amazon steht das Buch auf Verkaufsrang eins mit einer Lieferzeit von bis zu drei Wochen. Und obwohl die erste Auflage bereits ausverkauft ist, hat es offenbar kaum jemand gelesen, der darüber diskutiert.

Formal hat Sarrazin in neun Kapitel zuzüglich einer Einleitung unterteilt, die länger ist als manche Kapitel. Als Kernthese präsentiert Sarrazin die Behauptung, Deutschlands Zukunft werde von einer "kontinuierlichen Zunahme der weniger Stabilen, weniger Intelligenten und weniger Tüchtigen" bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang gefährdet.

Sarrazins Taschenspielertricks

Dabei greift Sarrazin zu einem Taschenspielertrick: Aus dem Umstand, dass er für seine Thesen von politisch Korrekten und Gutmenschen angegriffen werde, schließt er darauf, dass seine Thesen dann ja wohl richtig sein müssen. Das mag rhetorisch wirkungsvoll sein, argumentativ ist es absurd.

Kapitel eins behauptet auf zwölf Seiten einen historischen Abriss über Staat und Gesellschaft vom Neandertaler bis zur Gegenwart zu bieten. Es gipfelt in der Feststellung, Gesellschaften und Staaten seien umso erfolgreicher, je fleißiger, gebildeter, unternehmerischer und intelligenter eine Bevölkerung sei. Das Kapitel enthält ein gutes Beispiel für die hölzerne Mechanik, nach der die Sarrazinsche Polemik funktioniert.

Sarrazin schreibt: "In Schwaben wird es immer mehr Maschinenbau und mehr Unternehmertum geben als in der Uckermark — und damit auch deutlich mehr Wohlstand. Dieser Wohlstand hat Wanderungsbewegungen ausgelöst und dazu geführt, dass die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark." Und dann schiebt Sarrazin allen Ernstes als Beleg nach: " — wenn man glauben kann, was Tests der Bundeswehr an ihren Rekruten ergeben haben."

Demografische Probleme

Kapitel zwei enthält entgegen seines Titels keinen einzigen "Blick in die Zukunft", sondern eine Rückschau auf sinkende Geburtenraten, abnehmenden Wohlstand und immer geringere Produktivitätszuwächse seit 1950. Es soll den Leser vermeintlich schlüssig zu Kapitel drei führen, in dem Sarrazin dann "Zeichen des Verfalls" an die Schreckens-Tapete malt. Weil es seine Thesen stören würde, erklärt Sarrazin den bisherigen Anteil der Migranten am deutschen Wohlstand für nicht berechenbar, um sie dann zur Risikogruppe der Zukunft zu machen: Sie stellten nicht einen Teil der Lösung, sondern des demografischen Problems dar.

Auf Seite 93 greift Sarrazin erstmals ernstlich ins problematische Vokabular, indem er von "dysgenischen Effekten" spricht. Gemeint ist damit eine Schädigung des genetischen Potenzials aufgrund ungünstiger Selektionsbedingungen. Wenn nicht im Rassismus, so ist Sarrazin damit jedoch im sozial-darwinistischen Gestrüpp gelandet. Künftige Entwicklungen lassen sich daraus seriös nicht ableiten, Sarrazin gelingt dies nicht einmal in der Rückschau — siehe genetische Intelligenz des Protestantismus.

Vulgärer Rassismus

Das Kapitel "Armut und Ungleichheit" lässt sich in einem Satz zusammenfassen: "Nicht die materielle, sondern die geistige und moralische Armut ist das Problem." Sarrazin wiederholt seine Ernährungstipps für Hartz IV-Empfänger, um dann im Kapitel "Arbeit und Politik" zum Ergebnis zu kommen: "Wer keinen Ehrgeiz hat und keine Not fürchtet, der kann kaum motiviert und gar nicht sanktioniert werden." Der Unterschicht Kindergeld zu bezahlen führe zu ihrer höheren Fruchtbarkeit — und damit zur Vererbung ihrer geringeren Intelligenz. Wer nämlich intelligent sei, steige schließlich aus der Unterschicht auf.

Es folgt der inneren Logik von Sarrazins Polemik, dass die Mitleidlosigkeit gegen die deutsche Unterschicht den Maßstab setzt, mit dem er vor allem den muslimischen Teil der Migranten in Deutschland bewertet. Ergebnis: Sie sind teuer und stellen eine Gefahr dar: "Wer sich stärker vermehrt, wird am Ende Europa besitzen. Wollen wir das?" Und genetisch sind sie Sarrazin ohnehin ein Graus. Ganze Clans in Berlin hätten "eine lange Tradition von Unzucht und entsprechend viele Behinderungen", was gern totgeschwiegen werde: Man könne ja sonst "auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Versagen großer Teile der türkischen Bevölkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind". Spätestens da ist Sarrazins Polemik von vulgärem Rassismus nicht mehr zu unterscheiden — und das ist keine Frage der Wortwahl.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Sarrazin bei der Buchvorstellung "Deutschland schafft sich ab"

(RP)
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