Schwerpunkt Rechtsextremismus: Das Nazi-Problem im Osten

Schwerpunkt Rechtsextremismus : Das Nazi-Problem im Osten

1,5 Millionen Menschen haben die Ost-Länder verlassen, Rechtsextremisten sind gekommen. Hinter bürgerlicher Fassade machen sie sich breit, "unterwandern" den Alltag. Wie hängt das zusammen?

Wenn so viele wegziehen, um im Westen ihr Glück zu machen, bekommen in manchen ausblutenden Regionen des ländlichen Ostens die Zugezogenen aus dem Westen automatisch einen Vertrauensvorschuss. Und wenn sie dann noch in die chronisch unterbesetzte Freiwillige Feuerwehr eintreten und den schwächelnden Tenor im örtlichen Gesangverein stärken, dann sind sie schnell in die Gemeinschaft integriert — und bleiben es auch dann, wenn ihre Bemerkungen allmählich immer ausländerfeindlicher und rechtsextremistischer werden.

Anhaltende Gefahr von rechts

Diese Insider-Beschreibung von typischen Neonazi-Mechanismen aus Dörfern nahe Anklam in Mecklenburg-Vorpommern muss Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) vor Augen gehabt haben, als er seine aktuelle Sorge zu Protokoll gab: "Mich treibt schon um, dass in einigen Landstrichen Ostdeutschlands Neonazis auftrumpfen und zivilgesellschaftliches Leben bewusst für ihre Zwecke unterwandern."

Erste Reflexe aus dem Osten wandten sich gegen die Sicht "Neue Länder — Neonazis". Tatsächlich belegen die Verfassungsschutzberichte auch aus den westlichen Bundesländern eine anhaltende Gefahr von rechts, die selbst die brutalen Aktionen der Linksautonomen für sich entdeckt und mit den Morden des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) eine terroristische Blutspur durch die Republik zog.

Das Nazi-Problem ist ein West-Export

Doch der NSU entstand im rechtsextremistischen Thüringer "Heimatschutz", die Karte der Neonazi-Gewalt ist eindeutig rechtslastig Richtung Osten, und auch die Wählerstimmen zeigen eine klare West-Ost-Unterscheidung. Neue Phänomene im rechten Raum, wie etwa das professionell im Internet vermarktete Fackelzug-Projekt der "Unsterblichen", wurden zunächst im Osten ausgetestet, bevor sie auch im Westen um die Szene buhlten. Die Saat indes ist nicht reines Ostprodukt, sie ist an vielen Orten eindeutig ein West-Export.

So gehören die führenden Köpfe der NPD zwar zwei Herren mit Wohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, beide sind dort auch als Abgeordnete in den Landtagen tätig. Doch Udo Pastörs, der frühere NPD-Bundeschef, kommt aus Wegberg. Und Holger Apfel, der neue NPD-Bundeschef, stammt aus Hildesheim.

Parallelen der Dikatur

Beide distanzieren sich zwar immer wieder von rechtsextremistischer Gewalt und "Kameradschaften", die immer ungenierter die Oberhoheit über die Straßen und Plätze beanspruchen. Doch die Verfassungsschützer der neuen Länder wissen nur zu genau, wie stark die Strukturen der NPD den rechtsextremistischen Strömungen einen Rahmen geben, dass die Vorbereitungen von Aktionen fließend zwischen beiden Seiten verlaufen, und dass oft genug auch dieselben Personen am Werk sind.

Historisch liegen Wurzeln für vermehrte Anfälligkeit im Osten in der nie geführten gründlichen Auseinandersetzung. Auch im Westen hat die bis in die 70er und 80er Jahre auf sich warten lassen, hat aber dann die ganze Bundesrepublik beschäftigt. Dagegen bezeichnete die DDR den Sozialismus als gelebten Antifaschismus, und damit war die Sache erledigt. Ohnehin ähnelte die SED-Diktatur unter anderem in Massenaufmärschen und Bürgerbespitzelung dem Nationalsozialismus. So blieb in der DDR geschätzt, was im Westen verdächtig wirkte.

EIn Sammelbecken

Hinzu kommt, dass die Rechtsextremisten nach der Wende attraktive Angebote machten: Abenteuerprogramme für junge Leute, Beratungen für Arbeitslose, Treffpunkte mit Hausaufgabenhilfe. Damit fanden sie schnell ihr Publikum. So wie es ähnlich die SED-Nachfolgerin PDS machte, und wie es der Linken immer noch gelingt.

Die Rechte bot sich zudem als Protestsammelbecken an. Und zwar als eines, das den etablierten Parteien besonders wehtut. Wer die Rechten wählt, kann sich sicher sein, dass seine Unzufriedenheit besonders intensiv zur Kenntnis genommen wird.

Die These vom Männerüberschuss

Eine neue These von Bevölkerungsforschern bringt die im Osten deutlich größere Neigung nach rechts in einen Zusammenhang mit dem wachsenden Männer-Überschuss. Insbesondere mit dem Umstand, dass immer mehr junge Frauen besser ausgebildet sind, in den Westen gehen und schlecht ausgebildete junge Männer arbeitslos im Osten zurücklassen. "In Regionen mit einem deutlichen Überschuss an jungen Männer fällt rechtes Gedankengut auf besonders fruchtbaren Boden", lautet eine Schlussfolgerung von Steffen Kröhnert und Reiner Klingholz aus einer Studie ihres Berlin-Instituts.

Die Regionen mit starken NPD-Wahlergebnissen und deutlichem Männerüberschuss sind nahezu identisch, ergab die Untersuchung des Instituts. Eine Ursache liege in einer tiefgreifenden Entwertung traditioneller männlicher Rollenvorstellungen. Wo junge Männer gering verdienend, schlecht qualifiziert und ohne Partnerin bleiben, fühlten diese sich benachteiligt und sehnten sich nach einer Aufwertung der klassischen Männerrolle. In 14 von 16 Kreisen, in denen Rechtsextremisten über sechs Prozent der Stimmen bekamen, lebten weniger als 85 Frauen je 100 Männer im Alter zwischen 18 bis 35 Jahren. Und laut Wahlanalysen bekamen die Rechten von Männern dieses Alters überdurchschnittlich viele Stimmen.

(may-)
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