Schwerpunkt Integration: Das Leben im Migrantenviertel

Schwerpunkt Integration : Das Leben im Migrantenviertel

(RP). Essen-Katernberg ist das, was Politiker einen sozialen Brennpunkt nennen. Der Anteil der Migranten liegt bei 25 Prozent. Sie und die Deutschen leben weitgehend nebeneinander her. Das Misstrauen ist groß, doch es gibt auch vereinzelte Annäherungen. Ein Besuch in Parallelwelten.

Rafik E. weiß, warum die Straßen in seinem Stadtteil Essen-Katernberg mittags um zwei fast menschenleer sind. "Die meisten Ausländer pennen noch, weil sie keinen Job haben", sagt er, seine Stimme klingt abschätzig. Er ist um vier Uhr aufgestanden, arbeitet als Schweißer. Der Marokkaner war selbst lange arbeitslos, hatte "keinen Bock auf Schule" und landete im Knast. "Da ist mir irgendwann aufgefallen, dass ich nicht ewig rumhängen will. Also habe ich den Schweißerbrief gemacht."

Es ist eine kleine Aufstiegsgeschichte in einem Stadtteil, der sich seit der Schließung der Zeche Zollverein 1986 und der Kokerei 1993 in einem stetigen Fall befindet. Mit der Arbeitslosigkeit wuchs der Frust, die, die konnten, zogen weg. Zurückgeblieben sind jene, die sich ohnehin nirgendwo sonst willkommen fühlen und ihr Außenseitertum mit einer Art verzweifeltem Stolz vor sich hertragen.

"Wir sind der Abschaum von Essen", sagt Rafiks Freund Baris E. und lächelt bitter. Der 25-jährige Türke hat viel versucht, um wegzukommen, um aufzusteigen und die leeren Straßen hinter sich zu lassen. Er strengte sich an, machte sein Abitur mit 2,3. Dann endete sein Weg nach oben bei den Personalchefs der örtlichen Banken. "Keiner wollte mir eine Ausbildungsstelle geben. Einer sagte mir, sie hätten viele gute deutsche Bewerber." Zurzeit arbeitet er als Lackierer, manchmal geht er auf Montage. Viele Ausländer kapseln sich ab, sagt er, sie bleiben unter sich. Gut findet er das nicht, aber er glaubt auch, dass es vielen so erging wie ihm. "Wenn man sowieso das Gefühl hat, dass man keine Chance hat, gibt man irgendwann auf."

Katernberg mit seinen insgesamt rund 23 000 Einwohnern ist eine Art Vielvölkerbezirk. Türken, Kasachen, Angolaner und Afghanen leben hier. Der Anteil der Bürger mit doppelter oder nichtdeutscher Staatsangehörigkeit liegt bei knapp 25 Prozent. Die mit Abstand größte Gruppe machen die Libanesen aus, deren Vorfahren Mitte der 80er Jahre vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen waren. Da viele der rund 5000 Libanesen im Viertel bis heute keinen sicheren Aufenthaltsstatus und damit keine Aussicht auf einen Job haben, sind sie in ihre eigene Lebenswelt geflüchtet, weit weg vom deutschen Alltag.

Dass sich dabei mitunter mafiöse Strukturen herausbilden, hat Manfred Suchmann (49) erlebt. Der gebürtige Katernberger betreibt eine Stickerei für Vereinswappen und sah sich eines Tages einer Gruppe junger Männer gegenüber, die ihn auf Schutzgeld erpressen wollten. "Zum Glück verfüge ich über gute Kontakte, deshalb konnte ich mich wehren", erzählt er. Dass es Parallelwelten gibt, dass Deutsche und Ausländer nebeneinander herleben, stimmt, sagt er. Aber das gelte nicht für alle. "Wenn wir im Viertel ein Straßenfest haben, kommen viele Ausländer. Aber das sind dann Spanier, Italiener und Griechen. Nur die Muslime kapseln sich ab." Er habe einen Bekannten, der Muslim ist und den er regelmäßig zu Grillabenden einlade. "Ich sage immer dazu, dass es kein Schweinefleisch gibt, aber er sagt trotzdem jedes Mal ab." Er glaubt, dass Sarrazin recht hat, wenn er die Integrationsprobleme mit dem Islam verbindet. "Wer etwas anderes sagt, kennt die Welt hier in Katernberg nicht."

Margarete Meyer ist Koordinatorin des Förderprojekts Soziale Stadt NRW für Katernberg und kennt diese Welt sehr genau. Sie weiß, dass jeder zweite Bewohner unter 21 Jahren einen Migrationshintergrund hat und Katernberg in der Statistik über Tatverdächtige in diesem Alter in Essen einen Spitzenplatz belegt. Sie weiß auch, dass zwischen manchen ethnischen Gruppen, vor allem an den vier Hauptschulen des Viertels, zum Teil offener Hass herrscht. Die ehemalige Schülerin Heifa Hamidi-Zideh schildert eine Szene, in der sich Libanesen und Araber gegenseitig als Juden beschimpften. "Trotzdem wehren wir uns gegen pauschale Begriffe wie sozialer Brennpunkt. Wir haben Erneuerungsbedarf, aber dafür tun wir auch einiges."

Seit vier Jahren gebe es das Theaterprojekt "Homestories", in dem Jugendliche aus Katernberg ihre persönliche Geschichte auf die Bühne bringen. "Dabei nähern sich Deutsche, Türken und Libanesen an und entwickeln Verständnis für das Leben des jeweils anderen." Auch der Essener Jugendmigrationsdienst, der pro Jahr 750 Migranten betreut, bietet Bewerbungstrainings und Anti-Rassismus-Kurse. Zudem arbeiten Polizei, Jugendamt und die örtliche Fatih-Moschee eng zusammen. Erst im April gab es den Tag der offenen Moschee, der auf eine gemeinsame Initiative von Polizei und Vorbeter zurückgeht.

Im Gemüseladen neben der Moschee sitzt Nejca Yabas an der Kasse. Die ganze Aufregung um Integration kann sie nicht verstehen. "Bei uns kaufen viele Deutsche ein. Das sind wunderbare Menschen", sagt sie. Mit der benachbarten Kirchengemeinde St. Joseph gebe es einen regen Austausch. Der Vorbeter der Moschee, Saban Aydin, erzählt stolz, dass er vor kurzem zusammen mit dem Pfarrer gebetet habe. "Für die i-Dötzchen."

(RP)
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