Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck: Das Gesicht der Stasiunterlagen-Behörde

Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck : Das Gesicht der Stasiunterlagen-Behörde

Berlin (RPO). Joachim Gauck ist in den vergangenen Jahren immer wieder für das höchste Amt im Staate gehandelt worden: 1999 waren es CSU-Kreise, die den damaligen Leiter der Stasiunterlagen-Behörde als möglichen Bundespräsidenten ins Gespräch brachten. Jetzt ist er der Kandidat von SPD und Grünen. Eine wirkliche Chance gewählt zu werden, hat Gauck nicht. Doch Konflikten war der 70-Jährige noch nie aus dem Weg gegangen und wird es auch jetzt sicher nicht tun.

Der Lebensweg Gaucks ist von den Machenschaften der Stasi in der DDR geprägt. Als evangelischer Pfarrer musste er mit ansehen, wie der Geheimdienst einige junge Leute aus seiner Rostocker Kirchengemeinde monatelang ins Gefängnis steckte, nur weil sie regimekritische Parolen an eine Wand gesprüht hatten.

Der im Kriegsjahr 1940 als Kapitänssohn in Rostock geborene Joachim Gauck wollte in der DDR eigentlich Journalist werden, erhielt aber keinen Studienplatz für Germanistik. Kein Wunder, hatte er sich doch der Pionierorganisation ebenso verweigert wie der Jugendorganisation "Freie Deutschen Jugend". Also studierte er nach dem Abitur evangelische Theologie.

1965 trat er in den Dienst der mecklenburgischen Landeskirche. 1970 Pfarrer im Rostocker Neubaugebiet Evershagen, übernahm er zwölf Jahre später die Kirchentagsarbeit in Mecklenburg. In diese Zeit fielen seine ersten unfreiwilligen Kontakte zum DDR-Staatssicherheitsdienst. Wegen seiner kritischen Haltung in Umwelt- und Menschenrechtsfragen begann sich dieser für den Kirchenmann zu interessieren.

Im Neuen Forum engagiert

Im stürmischen Wendejahr 1989 engagierte sich Gauck im Neuen Forum. Dort kümmerte er sich um die Aufdeckung des Überwachungsapparates der DDR, der zum Ende 89.000 hauptamtliche und 173.000 inoffizielle Mitarbeiter beschäftigte. Als Vorsitzender des Sonderausschusses zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR-Volkskammer schmiedete Gauck im Sommer 1990 eine breite Koalition für ein Gesetz zur Öffnung der Stasi-Akten, obwohl dieses Unterfangen gerade im Westen auf Vorbehalte stieß.

Am Tag vor dem Vollzug der deutschen Einheit wählte die Volkskammer Gauck zum "Sonderbeauftragten" für die Stasi-Unterlagen. Einen Tag später bestätigte ihn die Bonner Bundesregierung in diesem Amt für ganz Deutschland. Ein gutes Jahr sollte es noch dauern, bis das Stasi-Unterlagengesetz fertig war. Gauck wurde zum Bundesbeauftragten.

So wurde er zum prominentesten Gesicht der einstigen DDR-Bürgerbewegung, während deren Anhänger im wiedervereinten Deutschland mehr und mehr an Einfluss verloren. Und es war vor allem Gauck, der beständig vor einem Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit dem Stasi-Erbe warnte - und damit fast zu einer moralischen Instanz wurde.

Streibarer Amtsinhaber

1995 für eine zweite Amtszeit durch den Bundestag wiedergewählt, übte Gauck sein Amt überaus streitbar aus. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) etwa, dessen von ihm selbst eingeräumte Kontakte zur Stasi jahrelang die Potsdamer und bundesdeutsche Politik beschäftigten, fühlte sich von Gauck ungerecht behandelt.

Nach zwei fünfjährigen Amtszeiten gab Gauck 2000 sein Amt an Bundesbeauftragte Marianne Birthler ab. Unter ihr wird die Behörde auch heute noch geführt. Und auch sie sieht sich immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob die Behörde noch sinnvoll sei.

Dass viele Menschen noch immer ihre Stasi-Akten beantragen und auch die jüngst erstmals eingesetzte Stasi-Beauftragte in Brandenburg sind nur einige Argumente, die Birthler gegen die Kritik setzt. Und auch Gauck selbst warnt immer wieder vor der Schließung der Behörde.

Gauck selbst zog sich nach seiner Tätigkeit in der Behörde keineswegs aus der Öffentlichkeit zurück. Er versuchte sich 2001 als Fernsehmoderator, und zwar mit der Talkshow "Gauck trifft...". Nach der vielbeachteten Auftaktsendung mit dem damaligen Außenminister Joschka Fischer (Grüne) verlor die Sendung jedoch bald dramatisch an Zuschauern und wurde nach 20 Folgen eingestellt.

"Linker liberaler Konservativer"

Dennoch meldete er sich immer wieder in Publikationen und Interviews zu Wort, im November 2003 wurde er schließlich Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen - für Demokratie. Die Organisation setzt sich ein für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der DDR-Vergangenheit.

Ein politisches Amt lehnte Gauck, der sich selbst einmal als "linken liberalen Konservativen" bezeichnet hat, stets ab. Bei seinem Abschied als Chef der Stasiunterlagenbehörde sagte Joachim Gauck vor zehn Jahren, Bundespräsident wolle er nicht werden. Ein Mecklenburger wisse um seine eigenen Grenzen. Nun versucht er es doch.

Dass er nach der Bundesversammlung am 30. Juni ins Berliner Schloss Bellevue einziehen wird, ist auch jetzt nicht zu erwarten. Denn in dem Gremium haben Union und FDP eine klare Mehrheit von mehr als 20 Stimmen über der absoluten Mehrheit.

Doch Joachim Gauck kann seine Kandidatur für das höchste Amt im Staate dazu nutzen, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch einmal öffentlich über das Erbe der DDR zu räsonieren - und über den Zustand der Bundesrepublik von heute.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Joachim Gauck

(DDP/AFP/das)
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