Parteitag in Nürnberg : Die Angst der CSU vor der AfD

Am Donnerstag und Freitag ist Parteitag in Nürnberg. Die Christsozialen wünschen sich eine aggressive Gastrednerin Merkel.

Am Freitag hat die CSU zwei prominente Gastredner auf ihrem Parteitag in Nürnberg: die CDU-Bundesvorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker. Letzterer ist neuerdings ein ungern gesehener Gast, hat er doch als langjähriger Premier vom Fiskalparadiens Luxemburg den "deutschen Steuerzahler um Milliarden geschädigt", wie es ein CSU-Vorstandsmitglied grimmig formulierte.

Merkel ist, was nicht immer der Fall war, diesmal auch deshalb gut gelitten bei den weiß-blauen Konservativen, weil sie beim CDU-Parteitag in Köln deftig gegen die "Sozis" vom Leder gezogen hatte. Am Freitag möchten die tausend CSUler von der CDU-Chefin eine Fortsetzung gezielter Aggression gegen die SPD hören, immer nach dem beliebten Parteienspiel: Wenn du von eigenen Schwächen ablenken willst, halte deine Zuhörer bei Laune, indem du dir den politischen Gegner vorknöpfst.

Wie sehr die CSU darauf gespannt ist, ob Merkel ihrem moderaten Pastorentochter-Temperament noch einmal entsagt, belegt eine Ankündigung Ursula Münchs, der Direktorin der renommierten Akademie für Politische Bildung in Tutzing am Starnbergersee. Obwohl die Politikprofessorin gewiss Besseres zu tun hätte, macht sie sich in die Messehalle Nürnberg auf, nicht, um der Auftaktrede des immer noch ungelenken CSU-Generalsekretärs Andreas Scheuer zu lauschen, sondern, um Merkel zu erleben.

Tag zwei des CSU-Kongresses schenkt sich Ursula Münch, obwohl dann der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer seine Grundsatzrede halten wird. Noch leidet Seehofer an den Auswirkungen eines schweren Infekts. Deswegen blieb er sogar der Haushaltsdebatte im Landtag am vergangenen Dienstag fern. Dafür glänzte dort Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU), eine aus der Kronprinzenriege des in die Jahre kommenden Vorsitzenden. Aigner nahm vorweg, was am Freitag und Samstag alle Bayern und Nicht-Bayern beeindrucken soll: Zum 10. und 11. Mal zwei neue Etats ohne neue Schulden; bis 2016 Abbau alter Schulden in Höhe von 3,6 Milliarden Euro.

Wer, so denkt die CSU-Spitze, mag uns da noch kommen mit der "häuslichen Deutschpflicht für Zuwanderer", der inzwischen sprachlich polierten verrücktesten Idee der auslaufenden Woche. Das Problem: Die Idee war nicht etwa von einem CSU-Lokalmatador aus Tuntenhausen ausgebrütet worden, sie stand in einem der vier Leitanträge, die in Nürnberg beraten werden sollen. Auch Seehofer soll davon gewusst haben.

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Zyniker, von denen es in der CSU so viele gibt wie in anderen Parteien, drehen die Spottspieße um und meinen: "Hauptsache, wir haben ein Thema besetzt, das Bürger besorgt. Einer der erfahrensten CSUler sagte: "Was glauben Sie, wie viele positive Zuschriften uns in den letzten Tagen von Leuten erreicht haben, die nicht begreifen, warum viele zugereiste Türkinnen auch nach 30 Jahren noch nicht deutsch sprechen."

In Nürnberg steht die Volkspartei mit bundespolitischem Anspruch, aber geringerem bundespolitischem Gewicht, erneut vor dem Dilemma: einerseits eine weltoffene Partei der "Liberalitas Bavariae" zu verkörpern, andererseits die zukunftsbesorgten Mir-san-mir-Bajuwaren nicht in die Arme der AfD zu treiben. Eine CSU-Sympathisantin: "Die AfD ist für uns mindestens so bedrohlich wie für die CDU."