Corona-Maßnahmen Kinder- und Jugendärzte fordern mehr Angebote für junge Menschen

Berlin · Während die Ampel-Koalition weiter über Corona-Maßnahmen in Deutschland streitet, lehnt sie Reisebeschränkungen für Chinesen nach den Lockerungen in China ab. Zugleich pochen Kinder- und Jugendärzte auf eine Ausweitung der Angebote in Deutschland, weil junge Menschen nach wie vor unter den Folgen der Pandemie leiden.

 Eine Maske liegt im Unterricht auf Unterlagen. (Archiv)

Eine Maske liegt im Unterricht auf Unterlagen. (Archiv)

Foto: dpa/Matthias Balk

Die aktuelle Corona-Welle in China sorgt auch in Deutschland für neuen Diskussionsstoff. Aus Sicht der Bundesregierung gibt sie alleine aber noch keinen Grund für neue Beschränkungen für Einreisende aus dem asiatischen Riesenreich. „Wir behalten die Situation sehr aufmerksam im Blick“, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums am Donnerstag auf Anfrage. Bislang gebe es aber keine Hinweise auf eine neue Variante des Virus, die gefährlicher sei als die aktuell in Deutschland verbreitete. Dies könne sich aber noch ändern.

Deutschland stimme sich in diesen Fragen mit der Weltgesundheitsorganisation und anderen internationalen Partnern ab, so das Gesundheitsministerium. Italien hatte am Mittwoch eine Verordnung erlassen, wonach Flugreisende aus China nach ihrer Landung noch am Flughafen einen verpflichtenden Corona-Test machen müssen.

Zugleich geht die Debatte innerhalb der Bundesregierung über den weiteren Corona-Kurs in Deutschland weiter, nachdem Virologe Christian Drosten die Pandemie für überwunden erklärt hatte. FDP-Justizminister Marco Buschmann ist dafür, die wegen Corona eingeführten Masken- und die Isolationspflichten fallen zu lassen. SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist dagegen, eine Einigung ist nicht in Sicht.

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland lehnt einer Umfrage zufolge eine sofortige Abschaffung aller Maßnahmen gegen das Coronavirus ab. In einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sprechen sich 52 Prozent gegen ein bundesweites Ende der Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln zum jetzigen Zeitpunkt aus. 60 Prozent lehnen einen sofortigen Stopp der mindestens fünftägigen Isolationspflicht für Infizierte ab. Fast zwei Drittel (64 Prozent) der Befragten sagen, die Pandemie sei für sie noch nicht vorbei. YouGov hatte 2041 in Deutschland lebende Menschen zwischen dem 21. und 23. Dezember befragt – also kurz vor den Äußerungen von Drosten.

Unterdessen warnen Kinder- und Jugendärzte vor den Langzeitfolgen der Corona-Pandemie bei jungen Menschen, auch wenn die aktuellen Zahlen Grund zur Hoffnung geben. Annegret Brauer, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagte unserer Redaktion: „Wir beobachten glücklicherweise, dass die Zahl der Anfragen nach Behandlungsplätzen für psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher wieder etwas zurückgegangen ist.“ Mittlerweile habe es sich nach den Corona-Jahren auf dem früheren Normalmaß eingependelt, so Brauer. „Wir beobachten derzeit allerdings wieder eine Häufung von Ängsten, die auch durch die Sorgen von Eltern im Zuge der Energiekrise und der Preisentwicklungen ausgelöst werden. Eltern können ihren Kindern ruhig etwas zumuten, solange sie diese begleiten und für sie da sind“, sagte Brauer. Allerdings bleibe die Lage in den Psychotherapiepraxen und -kliniken weiter angespannt, weil das Angebot in vielen Regionen schon vor der Corona-Zeit zu gering gewesen sei. „Es braucht dringend wieder mehr außerschulische Anlaufstellen in den Kommunen für Kinder und Jugendliche. Viele Stadtteilzentren oder Jugendclubs haben wegen Corona-Auflagen geschlossen und sind nicht wieder geöffnet worden“, beklagte Brauer. Dafür müsse die Politik Sorge tragen.

Auch Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, pochte auf Verbesserungen und forderte neue Studien ein. „Kinder waren nie Treiber der Pandemie, wurden aber zu den größten Opfern der Corona-Maßnahmen. Auch wenn Schul- und Kitaschließungen schon wieder eine Weile her sind, haben viele Kinder nach wie vor mit Übergewicht und Angststörungen zu kämpfen“, sagte er. „Wir brauchen dringend politisch geförderte Studien zur Untersuchung der Langzeitfolgen bei Kindern und Jugendlichen, damit wir aus früheren Erfahrungen und Fehlern lernen können“, so Fischbach. „Es darf nicht passieren, dass bei ähnlichen Katastrophen in der Zukunft wieder die Kinder und Jugendlichen zuerst unter die Räder kommen“, sagte er. Um das Angebot psychiatrischer Praxen auszuweiten, müsse das Gesundheitssystem zu einer anderen Verteilung der Kassenplätze kommen. „Zu oft gibt es eine Ballung der Praxen in den Städten, auf dem Land oder in Kleinstädten ist der Bedarf aber genauso da. Da muss dringen gegengesteuert werden“, sagte Fischbach.