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Interview mit Weihbischof Heiner Koch: "Christen müssen frecher werden"

Interview mit Weihbischof Heiner Koch : "Christen müssen frecher werden"

Düsseldorf (RP). Der Kölner Weihbischof Heiner Koch über kämpferische Muslime, christliches Selbstbewusstsein, die Erziehung in kirchlichen Kindergärten und den Papst-Besuch im September.

In NRW werden Kirchen geschlossen und Moscheen gebaut. Was entwickelt sich da?

Koch: Psychologisch ist das sehr schlecht, dass wir Kirchen schließen und überall bei uns Moscheen entstehen. Das macht mir große Sorgen, weil es den Eindruck erweckt, als seien wir Christen auf dem Rückzug.

Sind wir das?

Koch: Wir müssen offensiver für die christliche Wahrheit, die nach unserer Überzeugung den Menschen gut tut, werben. Wenn wir weiter Rückzugs-Signale geben, buddeln wir uns unser Grab. Wir Christen müssen im Kopf den Schalter umlegen. Wir müssen als Christen selbstbewusster, auch frecher werden. Ich möchte ein fröhliches Selbstbewusstsein, keine Arroganz.

Wie steht's um den Dialog mit zunehmend offensiv auftretenden Muslimen?

Koch: In Köln haben wir seit Jahrzehnten ein gutes Gesprächsverhältnis zu muslimischen Gruppen. Der rührt noch aus politisch ruhigeren Zeiten des interreligiösen Dialogs her. Mittlerweile gibt es bei Muslimen eine neue kämpferische Realität. Nach dem Weltjugendtag etwa zogen angetrunkene junge Muslime am Kölner Dom vorbei und riefen: In vierzig Jahren gehört der uns. Ich will das nicht überbewerten, aber dennoch müssen wir Christen uns kritisch fragen, ob wir innerlich so stark sind, um dagegen halten zu können.

Es gibt nicht erst seit den gewaltigen Ereignissen in Rom im Jahre 2005 und dem Weltjugendtag vor einem Jahr eine wachsendes Interesse an Christentum und Religion. Das ist doch auch Realität, oder?

Koch: Ja, Kirchenaustritte gehen zurück, die Zahl der Wiedereintritte steigt. Man beobachtet, dass sich Menschen öffentlich zu ihrem katholischen Glauben bekennen. Was viel zu wenig bekannt gemacht wird: Millionen Menschen besuchen in Deutschland regelmäßig die Sonntags-Gottesdienste. Im Kölner Erzbistum sind es durchschnittlich 280000 Gläubige.

Manche kommen vielleicht nur aus Gewohnheit.

Koch: Christliche Traditionen sind das eine. Wichtig ist, sich nicht auf Traditionen auszuruhen. Traditions-Christen müssen wieder überzeugte Christen werden.

Es scheint, dass besonders junge Menschen wieder neugierig sind auf Christentum, Kirche und Religion. Stimmt das?

Koch: Ja, viele davon sind Kinder von Eltern der 68er-Protestgeneration. Hinter dem erwachenden Interesse der Jüngeren an Glauben und Religion steckt auch die Frage an die Eltern: Warum habt ihr uns das so wenig vermittelt? Das hat also auch mit dem Thema Bewegung und Gegenbewegung zu tun.

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Ist es mehr als ein Trend?

Koch: Das ist noch nicht entschieden. Klar ist, dass es eine neue Offenheit gegenüber Kirche, Glauben und Religion gibt. Diese Chance muss die Kirche jetzt durch Offenheit und Kommunikations-Bereitschaft nutzen. Der Trend muss stabilisiert werden und in die Tiefe gehen.

Was würden Sie einem noch Fernstehenden, aber Interessierten zur Lektüre über christlichen Glauben empfehlen?

Koch: "Einführung in das Christentum", von Joseph Ratzinger, unserem heutigen Papst.

Wie groß ist die Gefahr, dass der bevorstehende Besuch des Papstes in seiner Heimat Bayern zu christlich geschmückter Folklore ausartet?

Koch: Ich bin sicher, dass dieser Papst aufpassen wird, dass genau so etwas nicht geschieht. Benedikt XVI. nimmt sich als Person zurück und stellt den Kern des Glaubens in den Vordergrund.

Warum hat sich das Erzbistum Köln, haben sich andere Bistümer ausgerechnet aus Teilen der Kindergarten-Arbeit zurückgezogen, wo Ihnen doch so sehr daran gelegen ist, gerade junge Familien zu erreichen?

Koch: Unabhängig vom Rückgang der Zahl der Kinder hat das Erzbistum Köln mit den Jahren einen immer größeren Teil des Haushalts für Kindergärten ausgegeben. Der stieg innerhalb von vier Jahren von 9,9 auf mehr als vierzehn Prozent. Deshalb mussten wir woanders, etwa bei der Jugendseelsorge, kürzen, weil wir uns nicht verschulden wollten. 2010 werden wir wegen des Rückgangs der Kinder statt gegenwärtig 2500 nur noch 1600 Kindergarten-Gruppen brauchen.

Wie unterscheidet sich ein katholischer Kindergarten von einem nicht-konfessionellen Kindergarten?

Koch: Für uns ist der Kindergarten ein Ort kirchlichen Lebens und auch Teil der Familienarbeit. Wir wollen die Eltern bei der Erziehungsarbeit unterstützen. Wir verstehen uns nicht als reine Betreuungsanstalt. Ein katholischer Kindergarten, der nicht auch von katholischem Glauben und christlicher Tradition geprägt ist, den sollte man jedenfalls als katholischen Kindergarten schließen.