Chemnitz: „Wir wollen uns nicht abstempeln lassen als braune Stadt“

Demos in Chemnitz: „Wir wollen uns nicht abstempeln lassen als braune Stadt“

Erneut gehen Tausende in Chemnitz auf die Straße. Die einen protestieren gegen die Flüchtlingspolitik, die anderen gegen Fremdenhass - sie wollen ein anderes Bild ihrer Stadt zeigen.

Es ist ganz still – obwohl Tausende Demonstranten in einem Straßenzug von Chemnitz stehen. Nur Motorengeräusche von Polizeiwagen sind zu hören. Dem Aufruf der rechtspopulistischen AfD und des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses sind viele am Samstag gefolgt. Es soll ein schweigender Trauermarsch sein – nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen vor rund einer Woche. Die Demonstration, die schon verspätet startete, gerät ins Stocken. Schließlich wird sie vorzeitig aufgelöst. Doch viele wollen nicht gehen, sind verärgert.

Wasserwerfer fahren heran, ein großes Polizeiaufgebot am Karl-Marx-Denkmal in der Innenstadt steht wütenden Gruppen gegenüber, die „Widerstand“ und „Lügenpresse“ rufen. Die Stimmung ist zunächst angespannt am Abend. „Wir haben die Lage aber voll im Griff“, sagt ein Sprecher der Polizei. Alle verfügbaren Kräfte von Bund und Ländern seien in Chemnitz zusammengezogen worden.

Schon am Nachmittag waren Tausende Menschen auf die Straße gegangen und hatten gegen Fremdenfeindlichkeit demonstriert. „Wir wollen zeigen, es gibt ein anderes Chemnitz", ruft Susanne Schaper von der Initiative „Herz statt Hetze“ von der Bühne an der Chemnitzer Johanniskirche in die Menge. Insgesamt rund 3500 Menschen seien dem Aufruf eines breiten Bündnisses gefolgt, berichtet die Stadt. Auch der 66-jährige Alexander Borck ist mit seiner Frau gekommen, um zu zeigen: „Wir wollen, dass ein anderes Bild von Chemnitz in der Welt ist, wir wollen uns nicht abstempeln lassen als braune Stadt.“

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Bald darauf startet die Demo von AfD und Pegida. Dutzende schwarz-rot-goldene Fahnen wehen in der Menge. Die Stadt spricht von rund 4500 Teilnehmern. In der ersten Reihe gehen die AfD-Landesvorsitzenden von Thüringen, Sachsen und Brandenburg, Björn Höcke, Jörg Urban und Andreas Kalbitz, Seite an Seite mit den Pegida-Frontmännern Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz. Einmal mehr übt die AfD den Schulterschluss mit der fremdenfreindlichen Pegida-Bewegung und anderen Gleichgesinnten - auch das ein Zeichen aus Chemnitz. In einem Jahr wird in Sachsen, aber auch in Thüringen und Brandenburg gewählt.

„Wer sich wiederholt rechten Hetzern anschließt, die bewusst den Tod eines Menschen für Hetze missbrauchen und den Hitlergruß zeigen, der macht sich mit ihnen gemein und der stärkt die rechte Szene", warnt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) auf der Gegendemonstration “Herz statt Hetze“. Auch andere Redner betonen, Chemnitz müsse ein Zeichen setzen, dass es sich braunen Tendenzen entgegenstemmt. Rückendeckung bekommen die Demonstranten von zahlreichen Bundes- und Landespolitikern, zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

Zwischen den unterschiedlichen Kundgebungen liegt der Tatort. Auch an diesem Samstag legen Bürger Blumen am Tatort nieder, zünden Kerzen an und halten inne. Am vergangenen Wochenende war hier ein 35 Jahre alter Mann bei einer Messerattacke getötet worden, zwei weitere Personen wurden verletzt. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Nach der Tat gab es Ausschreitungen in der Stadt. Auch an diesem Samstag muss die Polizei immer wieder einschreiten, um Scharmützel und Auseinandersetzungen zwischen den Lagern zu verhindern. In Gruppen rennen Polizisten immer wieder los, in verschiedene Richtungen. Berittene Polizei kommt. Später berichtet ein SPD-Politiker von einem Angriff durch Rechtsradikale. Chemnitz kommt an diesem Samstag lange nicht zur Ruhe.

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(wer/dpa/AFP)