Chemnitz: Proteste gegen Rechts und gegen Flüchtlinge - mehrere Verletzte

Massives Polizeiaufgebot: Mehrere Verletzte bei Protesten in Chemnitz

Wieder Demonstrationen in Chemnitz. Tausende protestieren gegen Fremdenhass oder die Flüchtlingspolitik. Die Polizei hält beide Seiten auseinander - so gut es geht. Mehrere Menschen werden verletzt.

Begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot sind am Samstag Tausende Menschen verschiedener Lager in Chemnitz auf die Straße gegangen. 18 Menschen seien bei den Kundgebungen verletzt worden, teilte die Polizei am Sonntag mit. Darunter seien auch drei Beamte, die beim Zurückdrängen von Demonstranten am Samstag Blessuren erlitten. In einer ersten Bilanz war von neun Verletzten die Rede gewesen. Auch die Zahl der Straftaten stieg von mindestens 25 auf mindestens 37. Darunter waren Fälle von Körperverletzung, Sachbeschädigung und Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Vor knapp einer Woche war ein 35-jähriger Deutscher bei einer Messerattacke in Chemnitz getötet worden, zwei weitere Personen wurden verletzt. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Auf den tödlichen Streit folgten Kundgebungen und ausländerfeindliche Ausschreitungen in Chemnitz.

Knapp eine Woche später riefen verschiedene politische Gruppen zu Demonstrationen auf. Einem gemeinsamen Marsch der AfD und des ausländerfeindlichen Bündnisses Pegida folgten mehrere Tausend Menschen, wie die Versammlungsbehörde mitteilte. Zu einer zeitgleichen Veranstaltung für Frieden und gegen Ausländerfeindlichkeit kamen den Angaben zufolge ebenfalls mehrere Tausend Menschen auf einen Parkplatz bei der Johanniskirche. Unter ihnen waren auch Bundes- und Landespolitiker verschiedener Parteien. „Wir stehen hinter den friedlichen Protesten, wir wollen, dass klar wird, die Mehrheit denkt hier anders, denkt nicht rechtsextrem, denkt nicht ausländerfeindlich“, sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Die Polizei geht insgesamt von mehr als 11.000 Teilnehmern bei den unterschiedlichen Versammlungen am Samstag aus - 8000 Demonstranten bei den Kundgebungen von AfD, Pegida und Pro Chemnitz und rund 3000 bei den Gegenkundgebungen. Am Samstag waren die Teilnehmerzahlen jeweils mit 4000 bis 4500 angegeben worden.

Abseits der Demonstrationen wurde ein 20-jähriger Afghane von vier vermummten Menschen angegriffen und geschlagen. Der Mann erlitt leichte Verletzungen. Die Polizei prüft, ob es sich bei den Tätern möglicherweise um ehemalige Versammlungsteilnehmer handeln könnte. Die Chemnitzer Polizei ermittelt nach der Anzeige eines MDR-Teams auch zu einem Vorfall in einer Privatwohnung am Rande der Demonstrationen. „Vorfall mit einem MDR-Team in einer Privatwohnung. Wir haben eine Anzeige aufgenommen und ermitteln“, twitterte die Polizei. Zu Details konnte eine Sprecherin noch nichts sagen. Der Sender selbst sprach von einer „Attacke“ und einem Angriff auf zwei erfahrene Reporter, wobei einer verletzt wurde.

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Die Polizei ermittelt auch zu einem gemeldeten Angriff einiger Unbekannter auf eine Gruppe des SPD-Politikers Sören Bartol. Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion schrieb selbst über Twitter: „Ich bin entsetzt. Meine Gruppe aus Marburg wurde gerade auf dem Weg zum Bus von Nazis überfallen. Alle SPD Fahnen zerstört und einige wurden sogar körperlich angegriffen.“

Mit zunehmender Dauer der Veranstaltungen war die Stimmung in der Stadt angespannter geworden. Der Zug von AfD und Pegida kam am frühen Abend nur stockend voran. Nach einem verspäteten Start wurde der Marsch kurz vor dem Denkmal mit dem Karl-Marx-Kopf wieder gestoppt und schließlich unter lautstarkem Protest abgebrochen. Wasserwerfer fuhren auf. Rangeleien mit der Polizei lieferten sich auch Teilnehmer aus einer Gruppe von 300 Personen, die versucht hatten, zu der Versammlung der AfD vorzudringen. Insgesamt waren 1800 Beamte im Einsatz. Die sächsischen Beamten wurden von Kollegen aus Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Bremen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und der Bundespolizei unterstützt.

Unterdessen wiesen die Bundespolizei und das Innenministerium in Sachsen einen Bericht über eine „schwere Panne“ als Grund für die Unterbesetzung der Polizei bei den Ausschreitungen am vergangenen Montag in Chemnitz zurück. Das Lagezentrum habe darauf verzichtet, beim Bundespolizeipräsidium in Potsdam nach Verstärkung zu fragen, sagte ein Ministeriumssprecher in Dresden auf Anfrage. Die zusätzlichen Kräfte und Hubschrauber wären erst kurz vor Mitternacht vor Ort gewesen, erklärte er. Die „Welt am Sonntag“ schrieb von einer „schweren Panne“ und „fehlerhaftem Verhalten“. Am vergangenen Montagabend waren 6000 Demonstranten aus dem eher rechten Spektrum, darunter gewaltbereite Neonazis und Hooligans, etwa 1500 Gegendemonstranten gegenübergestanden - dazwischen knapp 600 Polizisten.

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(wer/dpa/epd)