66-Jähriger soll neuer CDU-Chef werden Und Merz hat „Wow“ gemacht

Analyse | Berlin · Er ist der strahlende Sieger: Friedrich Merz gewinnt die Mitgliederbefragung der CDU klar. Er soll nun im Januar zum neuen Parteivorsitzenden gewählt werden. Daraus ergeben sich Folgefragen, die der Sauerländer aber noch bewusst unbeantwortet lässt.

 Er ist der Sieger: Friedrich Merz soll nach dem Willen der Mitglieder neuer CDU-Chef werden.

Er ist der Sieger: Friedrich Merz soll nach dem Willen der Mitglieder neuer CDU-Chef werden.

Foto: dpa/Michael Kappeler

Es nützt ja nichts. Auch wenn ihnen vermutlich anders zumute ist. Als das Ergebnis um 14.09 Uhr hinten auf der Videoleinwand erscheint, müssen Helge Braun und Norbert Röttgen lächeln und applaudieren, während der Mann in ihrer Mitte triumphierend nickt und sich mit zusammengepressten Händen bedankt: Friedrich Merz ist der strahlende Sieger der CDU-Mitgliederbefragung. Der 66-jährige soll nun auf dem Parteitag im Januar zum zehnten Vorsitzenden gewählt werden.

Der ehemalige Kanzleramtschef Braun wirkt, als ob er mit nichts anderem gerechnet hat. Er wird mit 12,1 Prozent nur Dritter; das haben die Parteiauguren aber ebenfalls so erwartet. Außenpolitiker Röttgen indes sieht man an, dass die deutliche Niederlage schmerzt: Nur 25,8 Prozent der rund 250.000 Mitglieder, die sich an der Abstimmung beteiligt haben, wollten ihn als neuen Chef. Bitter. Dabei war dem 56-jährigen deutlich mehr prophezeit worden, mindestens eine Stichwahl gegen Merz. Aus und vorbei. 62,1 Prozent heimst der Ex-Fraktionschef ein. Das ist ein satter Sieg.

Alle Drei haben vorher etwas Zeit bekommen, Sieg oder Niederlage zu verdauen. Sie erfahren das Ergebnis schon gegen 13.45 Uhr hinter den Kulissen im Konrad-Adenauer-Haus. „Ich habe im Stillen Wow gesagt. Aber nur im ganz Stillen“, verrät Merz anschließend vor der Presse seine Gefühlslage, nachdem er die Zahlen gesehen habe. „Triumphgesänge sind mir fremd.“ An Selbstbewusstsein mangelt es Merz freilich nicht, genau deswegen ist er wohl auch gewählt worden. Er bedient die Sehnsucht in der Union nach Klarheit, Eloquenz und Abgrenzung; steigt er gegen den neuen Kanzler Olaf Scholz (SPD) in den Ring, dürfte es munter werden. Wobei: Die Frage des Fraktionsvorsitzes im Bundestag, den bis April noch Ralph Brinkhaus innehat, stehe derzeit nicht „auf der Tagesordnung“, betont Merz. Dass er demnächst auch danach greifen könnte, glauben jedoch viele in der Partei. Nur will Brinkhaus (noch) nicht weichen. Es droht ein neuer Machtkampf.

Wer CDU-Chef ist, muss sich zwangsläufig auch Gedanken über die Kanzlerkandidatur machen. Merz merkt dazu an: Der neue Bundesvorstand, der auch im Januar gewählt wird, komme nun erst einmal für zwei Jahre ins Amt. „Ich gehe davon aus, dass wir innerhalb dieser zwei Jahren vieles zu tun haben werden, aber nicht die Frage entscheiden und beantworten müssen, wer Kanzlerkandidat der Union für die nächste Bundestagswahl wird. Es ist keine Vorentscheidung“, hebt der Sauerländer hervor. Da ist Merz politischer Realist. Es stehen schließlich im kommenden Jahr noch für die Union besonders wichtige Landtagwahlen an; diese Herausforderungen muss dann auch Merz als neuer Vorsitzender meistern. Und: Das Verhältnis zur CSU muss ebenfalls noch gekittet werden.

Ob der Sieg für ihn eine Genugtuung sei, wird Merz gefragt. Schließlich sei er dreimal angetreten, zweimal habe er nur knapp verloren. „Nein, ist es nicht“, antwortet er. „Es ist eher Respekt vor der Aufgabe. Die ist groß.“ Zuletzt hatte er bewusst auf einer anderen Klaviatur gespielt als auf der, die man mit ihm in Verbindung bringt - er wolle die Union modernisieren, ein Team formen. Die Berufung von Mario Czaja als Generalsekretär, ein ausgewiesener Sozialpolitiker aus dem Osten, und der baden-württembergischen Abgeordneten Christina Stumpp als Vize-Generälin wurde aber von vielen Seiten begrüßt. Auch inhaltlich präsentierte Merz sich breiter aufgestellt – also nicht nur wirtschaftspolitisch sattelfest und konservativ. An dem Zerrbild, was von ihm entstanden sei, hätten viele mitgewirkt, so Merz. „Ich werde das Schritt für Schritt korrigieren.“ Und er werde noch Vorschläge unterbreiten, die man von ihm vielleicht am wenigsten erwarte. Man darf gespannt sein. Die stärkere Einbindung von Frauen, zum Beispiel durch die Umsetzung des Beschlusses zur Frauenquote, dürfte wohl nicht dazugehören.

Der Partei habe die Mitgliederbefragung jedenfalls gut getan, betont Merz. Er wolle dafür sorgen, das in der Union wieder „unterschiedliche politische Ideen, Meinungen und Strömungen ihren Platz finden“. In welcher Form die beiden Unterlegenen eingebunden werden, zum Beispiel als Parteivize, soll nun besprochen werden. 1001 Delegierte müssen dann am 22. Januar noch zustimmen. Die sind in ihrer Entscheidung zwar frei. Aber keiner rechnet damit, dass sie dem Entscheidung der Mitglieder nicht folgen werden. Weil der Parteitag digital stattfindet, müssen die Delegierten dann ihr Votum noch einmal schriftlich bestätigen.

Im Gespräch mit unserer Redaktion hatte Merz übrigens kürzlich Angela Merkel für ihren Zapfenstreich zwei Lieder von Gloria Gaynor gewünscht: Die Titel „I am what I am“ und „I will survive“. Stücke, die er nun auch trefflich für sich spielen kann.

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