CDU-Parteitag 2018: Um 16.57 Uhr hat Annegret Kramp-Karrenbauer es geschafft

Das Protokoll : Um 16.57 Uhr hat „AKK“ es geschafft

Tränen, Abschied und Neubeginn: Unsere Reporter haben das Protokoll eines historischen CDU-Parteitags in Hamburg zusammengetragen.

Donnerstag, 20 Uhr Im Hotel Lindtner, einem edlen Fünf-Sterne-Haus fernab der Hamburger City, treffen sich die 296 Delegierten der NRW-CDU zur traditionellen Vorbesprechung. Die beiden Kandidaten aus Nordrhein-Westfalen, Jens Spahn und Friedrich Merz, sitzen mit ihren Partnern Daniel Funke und Charlotte Merz beim Abendessen zusammen am Tisch. Die Stimmung ist gelöst. Ministerpräsident Armin Laschet scherzt, Merz könne ja auch für Hessen ins Rennen gehen, immerhin habe ihn auch der Kreisverband Fulda nominiert. Wen er wählt, sagt er nicht. Ein Delegierter sagt: „Mehrheit für Merz, aber auch ,AKK’ und Jens haben bei uns Fans.“ Um 22 Uhr löst sich die Runde auf.

21.30 Uhr Beim Abend des CDU-Landesverbands im Privathotel Lindtner geht Jens Spahn noch einmal von Tisch zu Tisch und redet mit den Delegierten. Er arbeitet an seinem Achtungserfolg. Friedrich Merz bleibt an seinem Tisch sitzen und empfängt die Gesprächspartner. Er scheint sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein.

22 Uhr Im noblen Übersee-Club, der einst zur Mehrung des Ansehens Hamburgs in der Welt gegründet wurde, treffen die ersten Gäste ein, die der Einladung des früheren Bürgermeisters Ole von Beust gefolgt sind. „Wir unterstützen die Kandidatur von Annegret Kramp-Karrenbauer“, stand auf der Einladung. Es seien alle gekommen, die irgendwie liberal eingestellt sind, sagt ein Teilnehmer. Aus NRW sind Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, der frühere Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und Integrationsstaatssekretärin Serap Güler dabei. Die Einladung ist bis 24 Uhr ausgesprochen. Um ein Uhr ist das Haus noch voll.

23 Uhr Atlantic-Hotel. Jens Spahn geht direkt aufs Zimmer, er will noch an seiner Rede arbeiten. Im Foyer dominiert das Merz-Lager. EU-Kommissar Günther Oettinger ist guter Dinge („Merz macht’s“), er trinkt einen Rotwein mit Baden-Württembergs Landeschef Thomas Strobl, der ebenfalls bei Merz verortet wird. Dass Strobls Schwiegervater, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, sich öffentlich für Merz ausgesprochen hat, wird am Tisch als Coup gefeiert. An der Bar treffen Mittelstands-Chef Carsten Linnemann und der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, aufeinander. Merz-Männer. Watzke ist CDU-Mitglied und seit der Schüler-Union mit Merz befreundet. „Er wird es schaffen. Die CDU braucht einen Neustart. Sonst geht der Partei der Wirtschaftsflügel verloren“, prophezeit er. Carsten Linnemann sieht das ähnlich, äußert sich aber zurückhaltender. Er war lange Zeit aufseiten von Jens Spahn, bis Merz seinen Hut in den Ring warf. Man spürt bei Linnemann, wie sehr er damit hadert, Spahn im Stich gelassen zu haben. Er begrüßt Daniel Funke, Spahns Ehemann. Es ist ein kühler Händedruck. Paul Ziemiak, Chef der Jungen Union, ist jetzt auch in der Lobby, ebenfalls ein ehemaliger Spahn-Freund.

Freitag, 2.27 Uhr Last-Minute-Outing. Es sickert durch, dass Ziemiak bei der Wahl für den CDU-Vorsitz für seinen Heimatverband NRW stimmen will. Seine Heimat sei Nordrhein-Westfalen beziehungsweise das Sauerland, sagt er vor Vertretern der Jungen Union. Das werde er in seiner Entscheidung berücksichtigten. Die JU-Delegierten sollten „in ihrem Herzen“ bewegen, dass der aus NRW stammende Gesundheitsminister Jens Spahn viel für die Jugendorganisation bewegt habe. Friedrich Merz kommt übrigens aus dem Sauerland. Das heißt übersetzt für das Wahlverhalten: Ziemiak wählt zunächst Spahn und in der Stichwahl Merz.

3.05 Uhr Jens Spahn legt sich endgültig fest: Er will in jedem Fall antreten. Kein Wackeln und kein Zurückweichen.

8.25 Uhr Beim Frühstück im Hotel Mövenpick macht sich NRW-Innenminister Herbert Reul Sorgen um das Abstimmungsverhalten der Delegierten. Er hat sich für Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer ausgesprochen. Ob sie gewinnt, da ist er nicht ganz sicher. „Wenn Friedrich Merz die Delegierten mit seiner Rhetorik begeistert, entscheidet bei vielen die Stimmung, nicht die nachhaltigen Chancen des neuen Vorsitzenden bei den Wahlen.“ Nach Umfragen ist Kramp-Karrenbauer bei den Wählern deutlich beliebter als Merz. Zur gleichen Zeit sitzt der EU-Abgeordnete David McAllister beim Frühstück im Atlantic-Hotel und rechnet fest mit einer Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers.

9.37 Uhr Friedrich Merz ist der erste Kandidat im Plenarsaal des CDU-Parteitags in Hamburg.

9.45 Uhr Jetzt ist auch Jens Spahn im Plenarsaal eingetroffen.

Merkel hält Abschiedsrede auf CDU-Parteitag

10.05 Uhr Mit Annegret Kramp-Karrenbauer, eher unauffällig, ist die dritte des Trios im Plenarsaal. Alle drei waren zuvor beim ökumenischen Gottesdienst im Hamburger Michel.

10.09 Uhr Die Angst vor der Spaltung geht um. Der frühere NRW-Regierungssprecher und Staatssekretär Andreas Krautscheid meint: „Manchmal ist es leichter, in einen Parteitag reinzugehen, als aus ihm herauszukommen.“

10.30 Uhr Der Saal ist brechend voll. Ein Parteitag der Rekorde: 1700 Gäste, 1600 Journalisten, 1001 Delegierte. Der technische Leiter schließt den Saal. Jetzt dürfen nur noch diejenigen mit einer „Poolkarte“ den Plenarsaal betreten.

10.38 Uhr Angela Merkel eröffnet den Parteitag und erntet Jubelstürme, obwohl sie noch kein Wort gesagt hat. Der Beifall will nicht enden, Merkel kommt nicht zu Wort. Nach vier Minuten heißt die Noch-Vorsitzende die Delegierten willkommen. „Danke, Chefin, für 18 Jahre Vorsitz“ steht auf Plakaten.

11.28 Uhr Die mit Spannung erwartete letzte Rede Angela Merkels als CDU-Vorsitzende beginnt.

11.31 Uhr Der Dank an den langjährigen Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler führt zu den ersten Tränen auf dem Parteitag. Ein großer Dank an das gesamte Team im Konrad-Adenauer-Haus.

11.49 Uhr Eine wichtige Erkenntnis Merkels: „Die CDU von 2018 ist nicht mehr die von 2000.“ Der frühere Parteisprecher Jochen Blind legt nach: In jedem Merkel-Jahr sind 12.000 Neumitglieder hinzugekommen. Insgesamt also über 200.000 Neue. Damit ist die Partei auch eine Merkel-CDU. Denn die Neuen wussten, auf wen sie sich da einlassen.

12.03 Uhr Die Rede ist zu Ende. Es war ihr eine Freude und eine Ehre. Die kühle Merkel hat Tränen in den Augen und beendet ihre Rede mit stockender Stimme. Bei Applaus-Minute drei gibt es die ersten „Angie“-Rufe. Es folgen immer mehr Plakate mit „Danke, Chefin“. Der Applaus dauert satte zehn Minuten.

12.16 Uhr Die Delegierten sind völlig ergriffen. Sie posten offen Bilder ihrer Tränen. Allen ist klar: Da geht eine Große.

12.30 Uhr Der stellvertretende CDU-Vorsitzende und hessische Ministerpräsident Volker Bouffier überreicht der scheidenden Vorsitzenden einen Taktstock des Hamburger Star-Dirigenten Kent Nagano. Als Zeichen dafür, einen Klangkörper wie die CDU mit all den starken, aber auch schwierigen Charakteren zum harmonischen Klingen zu bringen. Es ist ausgerechnet der Taktstock, den er beim Konzert in der Elbphilharmonie während des G20-Gipfels nutzte, als draußen der Mob tobte. Geschmacklich ist das Geschenk zweifelhaft.

13.23 Uhr Während der Aussprache wird viel gerechnet. Führungskräfte gehen davon aus, dass etwa je 450 Delegierte dem eher sozial-liberalen Lager Kramp-Karrenbauer und dem konservativen Merz/Spahn-Lager zuzuordnen sind. Um die restlichen 100 wird jetzt in den Reden der Kandidaten gerungen.

13.46 Uhr Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Versammlungsleiter, gibt bekannt, dass die Kandidatenvorstellung in alphabetischer Reihenfolge beginnt. Jeder Kandidat, jede Kandidatin hat 20 Minuten.

13.51 Uhr Die erste Kandidatin, Annegret Kramp-Karrenbauer, beginnt. Der Saal ist schlagartig ruhig.

13.58 Uhr Kramp-Karrenbauer berichtet von ihrem Eintritt in die CDU 1981. Damals war die Angst vor dem Atomkrieg das beherrschende politische Thema. Sie habe aber eine Partei gewählt, die optimistisch sei, Kurs halten könne und einen klaren Kompass habe. Dafür sei sie in die CDU eingetreten.

14 Uhr Langsam kommt sie in Fahrt. „Die Partei muss wieder Strahlkraft entwickeln. Auf den politischen Gegner einschlagen kann jeder von uns. Das reicht uns nicht aus.“

14.05 Uhr Programmatik und Pragmatismus: „AKK“ fordert, die Komfortzone zu verlassen. Zugleich verlangt sie mehr Mut. „Wenn wir diesen Mut haben, dann leben wir in einem Deutschland, das keine Angst vor der Digitalisierung hat, dann leben wir in ländlichen Räumen, in denen nicht nur einmal am Tag ein Bus kommt. Dann bekommen wir 5G an jeder Milchkanne.“ Das ist ein Seitenhieb gegen Bildungsministerin Karliczek, die kürzlich meinte, man brauche die schnelle Mobilfunktechnik 5G nicht überall.

14.07 Uhr Die Kandidatin kann auch die Tonalität der CDU: „Leistung muss sich lohnen. Wer arbeitet, muss mehr im Alter bekommen als die Grundsicherung. Wir brauchen einen Staat, der sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt – Kleinkriminelle, kriminelle Clans, Steuerhinterzieher, aber auch gewaltbereite linke Chaoten wie in Hamburg bei G20.“

14.13 Uhr Die Generalsekretärin führt die Etiketten auf, die ihr angeheftet wurden: „Mini“, „Kopie“, „Weiter so“. Dem setzt sie entgegen: „Ich stehe hier als Mutter, als ehemalige Ministerpräsidentin, als Frau, die den Menschen und diesem Land 18 Jahre gedient hat.“

14.15 Uhr Die Kandidatin beendet ihre Rede fast exakt nach 20 Minuten mit einem flammenden Appell, sie zu wählen: „Wir können, wir wollen, wir werden.“ Ihr Motto als womöglich künftige CDU-Chefin.

14.16 Uhr Nach einer fulminanten und unerwartet starken Rede ist nun Friedrich Merz gefordert.

14.20 Uhr Die Rede ist zunächst kein Feuerwerk. Merz beginnt sehr nervös. Zugleich gibt es leichte Schwierigkeiten mit der Mikrofonanlage. Der Ton hallt etwas nach.

14.25 Uhr Der Kandidat wird grundsätzlich: „Wir sind in Europa vielleicht die letzte große christliche Volkspartei. Wir haben eine Verantwortung, die über uns selbst hinausreicht. Keine andere Partei in Deutschland und Europa ist dazu besser geeignet als die CDU.“

14.30 Uhr Er blickt weit zurück: in die Jahre 1990 bis 1994. Damals herrschte, so Merz, ungetrübter Optimismus, es war die Rede vom Ende der Geschichte, vom kommenden Zeitalter der Demokratie und des Wohlstands. „Es ist aber anders gekommen“, sagt Merz. Und: „Wir konnten uns das damals nicht vorstellen, dass ein Entwicklungsland namens China zur ökonomischen Weltmacht wird, dass es gewaltsame Verschiebung von Grenzen geben wird, dass jemand wie Trump zum US-Präsidenten gewählt wird.“

14.32 Uhr Mit der Zeit fängt sich Merz, der von allen dreien als bester Redner gilt. Er räumt ein, dass sich in der Zeit unter Merkel vieles im Land verbessert habe.

14.34 Uhr Doch dann kommt wieder die Anklage, die man von ihm von den Regionalkonferenzen kennt: Die Volksparteien verlören an Stimmen, dass die rechtslastige AfD die stärkste Oppositionspartei im Bund ist, sei unerträglich, die Umweltpolitik sei voller Widersprüche, Jugendliche erlebten mehr Gewalt als früher, vom Brutto der Fleißigen bleibe zu wenig Netto. Und dann legt er doch einige rhetorische Leckerbissen vor. Seine Spitze in Richtung Donald Trump: „Die Amerikaner brauchen hin und wieder eine klare Ansage. Sie akzeptieren Stärke und keine Schwäche.“ Und sein Versprechen an den Osten Deutschlands: „Wir überlassen den Osten unseres Landes nicht den Populisten von rechts und links.“

14.38 Uhr Merz hat sich in Fahrt geredet, der Applaus wird frenetisch – vor allem von den eigenen Anhängern, die in jüngerer Zeit unglaublich mobilgemacht haben.

14.43 Uhr Der Redner hat schon acht Minuten überzogen. Aber seine Schlusssequenz kommt an: „Für uns gilt immer: Das Land geht vor der Partei, und die Partei vor jedem Einzelnen von uns.“ Der lange Applaus verdeckt, dass er schwach begonnen hat.

14.46 Uhr Was bleibt für den schon fast abgeschriebenen Spahn? Er beginnt furios. Er beschreibt zunächst die vielen Ratschäge, die er in jüngster Zeit erhalten hat: „Du hast noch so viel Zeit. Nur etwas Geduld.“ Und dann – Raunen im Saal – vergleicht er seine Ungeduld und seine Kandidatur mit der deutschen Einheit.

14.52 Uhr Spahn wird etwas ruhiger. Er listet die Probleme auf und zeigt Lösungen. „Wir wollen Jobs und nicht Arbeitslosigkeit organisieren. Wir brauchen einen modernen Patriotismus.“ Und: „Die Freiheit ist unter Druck – von linken Moralisten, von rechten Radikalen, von religiösen Fanatikern.“

14.55 Uhr Dieser Satz Spahns erklärt seine Einstellung, nicht zurückzuziehen, obwohl ihn viele dazu aufforderten: „Es fühlt sich richtig an, hier zu stehen. Und ich laufe nicht weg, wenn es eng wird.“

14.58 Uhr Spahn ist so locker, dass er es sogar mit Humor versucht. „Deutschland muss weiter von der CDU regiert werden“, ruft er den Delegierten zu. Die reagieren nicht. „Hier war in meiner Rede Applaus vorgesehen.“ Er hat die Lacher auf seiner Seite.

15 Uhr Hinten im Saal steht ein Menschenpulk um einen großgewachsenen Mann herum. Vitali Klitschko, Ex-Box-Legende, Bürgermeister von Kiew und Merkel-Fan, ist gekommen. Ob er einen Favoriten hat, will er nicht sagen. Das Wichtigste sei, dass Deutschland an der Seite der Ukraine bleibe. Und dann muss er auch schon wieder ein Selfie machen. „Er wäre auch ein guter Kandidat“, scherzt ein Delegierter.

15.05 Uhr Zum Schluss wird Spahn pathetisch: „Es ist ein neuer Geist in der CDU zu spüren, der dem Land gut tut. Das darf nicht am Ende sein, wenn die Wahl vorbei ist, sondern muss der Startpunkt einer neuen Diskussionskultur sein.“

15.08 Uhr Riesiger Applaus für Spahn. Die Stimmung: „AKK“ knapp über den Erwartungen, Merz darunter, Spahn hält die beste, emotionalste und mitreißendste Rede. Er war auch am gelassensten.

15.10 Uhr Fragerunde an die Kandidaten. Erstaunlich viele Fragen an Kramp-Karrenbauer. „Merkwürdig“, sagt ein Bundestagsabgeordneter. Der Applaus für die Saarländerin ist aber deutlich. Hinter den Delegiertenreihen applaudiert ein junger Mann besonders engagiert für „AKK“. Es ist der Sohn von Regierungssprecher Steffen Seibert. Ein kleines Zeichen, wo die Sympathien im Merkel-Lager liegen.