Diskussion um CSU-Leitantrag Man spricht Deutsch - unter anderem

Düsseldorf / Berlin · Der CSU-Leitantrag, wonach Zuwanderer auch daheim Deutsch sprechen sollen, wird auch von Sprachwissenschaftlern abgelehnt. Mehrsprachigkeit schade nicht der Integration, sondern sei ein Reichtum und schule das Denken.

CDU: Man spricht Deutsch - unter anderem
Foto: RP, Martin Ferl

Am Ende hat die CSU ihre umstrittene Forderung abgeschwächt: Statt von Zuwanderern zu fordern, dass sie auch zu Hause in der Familie Deutsch sprechen, heißt es nun im Leitantrag für den Parteitag Ende der Woche: "Wer dauerhaft hier leben will, soll motiviert werden, im täglichen Leben deutsch zu sprechen." Der Spott war zu groß gewesen. Die Kommentare von Verbänden und politischen Kontrahenten reichten sogar von "lächerlich" und "absurd" bis zu "menschenfeindlich".

Mit der Neuformulierung könnte der Fall erledigt sein, blieben da nicht ein paar Fragen. Etwa nach der Bedeutung von Deutschkenntnissen für die Integration; nach Identität und nach dem Anspruch der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, über den Sprachgebrauch im Privaten befinden zu können.

Dafür gibt es keine Regeln, wohl aber bedenkenswerte Überlegungen. Und die klingen aus sprachwissenschaftlicher Kenntnis erst einmal erschreckend überschaubar. Erstens: Jede Zuwanderer-Familie kann nur für sich entscheiden, welche Sprache sie daheim benutzt. Zweitens: Jeder wählt die Sprache, die ihm am nächsten ist. Diese Einschätzungen von Professor Heike Wiese, die in Potsdam am Institut für Sprache, Variation und Migration lehrt, klingt fast nach einem Ausverkauf vieler Integrationsbemühungen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Freiheit der Sprachwahl ist auch die Freiheit des Spracherwerbs. Und darin liegt der Schlüssel zur Mehrsprachigkeit, vor allem bei Kindern. Dabei handelt es sich weniger um ein Phänomen oder einen Sonderfall. Denn nach einer Studie der Max-Planck-Gesellschaft ist heute die Mehrheit in westlichen Gesellschaften mehrsprachig.

Dies ist also kein Arrangement mit den Gegebenheiten der Not, sondern ein Geschenk. "Mehrsprachigkeit ist immer etwas Gutes", so Wiese. Sie macht auch im Alltag flexibler, schult die geistigen Fähigkeiten und vermag diese ins Alter hinein zu verlängern. Die Sprache "ist der Motor unseres Denkens selbst", so Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache. Sprachvielfalt ist intellektueller Reichtum, weil Denken nie unabhängig vom Sprechen ist. Ich spreche, also denke ich. Darum macht eine "mehrsprachige Lebenssituation" Kinder nachweislich kommunikativ versierter und flexibler.

Besonders Kinder sind in hohem Maße sprachbegabt und können nach Meinung der Wissenschaftler problemlos mit verschiedenen Sprachen umgehen. Die sogenannte doppelte Halbsprachigkeit, wonach Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, am Ende keine richtig beherrschten, sei ein Mythos. Kinder zeigten oft einen innovativen Umgang mit Sprache und könnten verschiedenen Sprachen unterschiedliche Spezialisierungen zuweisen - eine für die Öffentlichkeit, eine für die Familie. Der Erfolg von Integration lässt sich demnach nicht dadurch beeinflussen, dass angeordnet wird, die Landessprache aufs gesamte Lebensumfeld der Zuwanderer auszuweiten.

Mehrsprachigkeit schadet nicht der Integration. Aber wie nah jemandem eine Sprache wird, hängt damit zusammen, wie nah einem das Land der Muttersprache ist. Und das umfasst auch die Dialekte. "Wenn ich das Sächsische nicht mag, liegt es meist nicht am Sächsischen, sondern an meiner Einstellung zu Sachsen", sagt die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin. An diesem "innerdeutschen" Beispiel zeigt sich auch, dass manche Dialekte bis heute "sozial markiert" sind; das heißt, dass ihre Sprecher unteren Schichten zugewiesen werden. Es gibt wenige Ausnahmen, bei denen eine gewisse Sprachunfähigkeit sogar zum Markenzeichen avanciert. "Wir können alles. Außer Hochdeutsch", heißt ein Werbeslogan Baden-Württembergs. Die Debatte um den CSU-Leitantrag hat darum auch nichts mit Integration zu tun. Sie dokumentiert aber Ängste vor sprachlicher Vielfalt und vor bestimmten Bevölkerungsgruppen. Das eigentliche Problem der Integration liegt für Heike Wiese in der Kenntnis der deutschen Standardsprache. Die stellt in der extrem variantenreichen deutschen Sprache zwar nur einen kleinen Ausschnitt dar. Sie ist aber das Maß aller Dinge und bleibt schulisches Ziel. Weil dieses Standarddeutsch nah am Sprachgebrauch der Mittelschicht liegt, schneiden Kinder aus anderen sozialen Schichten - selbst mehrsprachig erzogene - bei Tests oft schlechter ab. Diese Kinder sind aber keineswegs "halbsprachig" kompetent, sondern erfüllen nur nicht die Norm des Standarddeutschen.

Der CSU-Antrag wird zumindest soziolinguistisch interessant bleiben - mit seinen Vorbehalten gegenüber nicht-deutschen Sprachen.

(RP)
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