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CDU baut auf Angela Merkel: Sie hat die Seelen der Delegierten berührt

Parteitag in Köln : Die CDU baut auf Angela Merkel - über 2017 hinaus

Beim Parteitag in Köln trifft die 60-Jährige die Herzen der Delegierten: Sie kündigt knallharte Wahlkämpfe an - und wirbt damit indirekt für eine neuerliche Kanzlerschaft. Nur ohne eine Koalition mit den Sozialdemokraten.

Trotz bester Umfragewerte gehen die CDU-Delegierten mit einer bangen Frage zum Bundesparteitag: Wird es wieder eine der berüchtigten Plätscher-Reden? Eine, bei denen sich die Basisvertreter stets zwingen müssen, die zentrale Ansage der Dauervorsitzenden Angela Merkel gut zu finden? Weil sie zwar nicht den Puls der Partei trifft, aber als Kanzlerin nun mal Wahlen gewinnt und damit die Partei, der das Regieren in den Genen steckt, so lange an der Macht hält? In Köln ist es erstmals anders. "Sie hat mit ihrer Rede die Köpfe, die Herzen und die Seelen der Delegierten berührt", sagt Europapolitiker Herbert Reul. Die Auffassung wird geteilt: Am Ende erhält Merkel zehn Minuten Applaus und 96,7 Prozent bei ihrer Wiederwahl zur CDU-Chefin.

Die Heimatstadt von Konrad Adenauer, dem richtungsweisenden Urvater der CDU, nutzt Merkel zu einer eigenen Richtungsanzeige, die die Delegierten fasziniert, phasenweise geradezu elektrisiert: Die CDU müsse die FDP nicht aufgeben, die Grünen interessant finden und selbst so stark werden, dass Rot-Rot-Grün im Bund zu verhindern ist. Und vor allem: dass sich die CDU keine Sorgen um eine Merkel-Nachfolge machen muss. Sie sagt es zwar nicht, aber alle verstehen ihre Andeutungen so: Sie tritt wieder an.

Am Ende der 70-minütigen Rede erklärt Merkel ihre Bereitschaft, "als Vorsitzende einer großartigen Partei Deutschland weiter dienen" zu wollen. Das steht in einer Beziehung zu ihrer Botschaft: "Nur unsere eigene Stärke wird 2017 Rot-Rot-Grün im Bund unmöglich machen, und daran haben wir zu arbeiten."

Eine Arbeit nach Merkels Art. Dazu gehört auch ihre Vorliebe, Probleme zu analysieren und zu sezieren. Das prägt große Teile ihrer Rede: Digitalisierung, Demografie, Wettbewerb lauten die Stichworte für das Programm Merkel, in dem sie Dutzende von Namen unterbringt. Als erstes den von Finanzminister Wolfgang Schäuble, nicht zuletzt den von Helmut Kohl als Kanzler der Einheit, und vor allem die der nächsten Spitzenkandidaten mit Hoffnung auf den Rückgewinn von Bundesländern für die CDU: Armin Laschet in NRW, Guido Wolf in Baden-Württemberg und Julia Klöckner in Rheinland-Pfalz.

In solchen Momenten verlässt Merkel die Wohlfühlsemantik und macht klar, dass sie die nächsten Wahlkämpfe knallhart gegen den derzeitigen Berliner Koalitionspartner SPD führen will. So soll Laschet NRW als "Rechtsstaat" erhalten, trifft die "andere Volkspartei" Merkels Bannstrahl einer Bankrotterklärung, weil sie sich als Juniorpartner in Thüringen kleingemacht habe. Daraus ist Merkels Hoffnung abzulesen, den Prozess der dramatischen Schrumpfung der Zahl CDU-regierter Bundesländer umzudrehen.

Zwar vergisst sie, den Parteifreunden in Hamburg und Bremen alles Gute zu wünschen, doch der Parteitag versteht bei den weiteren Vorstandswahlen ihre Ankündigung, dass alles getan werden muss, damit Julia Klöckner nächste Ministerpräsidentin in Mainz wird: Sie bekommt als CDU-Vize 96,5 Prozent der Stimmen. Auch das von Merkel betriebene Werben um die Grünen versteht der Parteitag und gibt dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier 89,1 Prozent. Sein schwarz-grünes Bündnis hat Merkel zuvor als "interessanten Weg" bezeichnet und ausdrücklich bedauert, dass einige Grüne im Vorjahr zur Koalition mit der Union auf Bundesebene nicht bereit gewesen seien: "Schade drum."

Zwar lobt Merkel auch Ursula von der Leyen wegen "Präzision, Energie und Klarheit" bei ihrer "Herkulesaufgabe" Verteidigungsministerium. Doch bei von der Leyen bleiben die Delegierten unterkühlt, geben ihr mit 70,5 Prozent das schlechteste Ergebnis unter den Merkel-Stellvertretern. Die Frage einer Merkel-Kronprinzessin stellt sich also vorerst nicht.

Die einzige spannungsgeladene Phase des Parteitages dreht sich um die Kandidatur von acht Persönlichkeiten für sieben Beisitzer-Posten im Parteipräsidium. Sie endet tragisch für den Neusser Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Er kommt zwar mit 60,2 Prozent noch gerade eben rein, aber da die Delegierten die Berlinerin Emine Demirbüken-Wegner auf den letzten Platz wählen, ist die Abstimmung ungültig. Der Grund: Von sieben Posten müssen zwei von Frauen besetzt werden. Wie aus Delegierten-Kreisen zu erfahren ist, wären sie gewillt gewesen, auch im zweiten Wahlgang klarzumachen, dass sie die Männer einschließlich des Zusatz-Kandidaten Jens Spahn für besser halten und sie von der Berlinerin enttäuscht sind. Doch Gröhe kommt dem zuvor, erklärt die Bedeutung der Quote für die CDU - und verzichtet.

(may-, qua)