Bundeswehr probt in Niedersachsen den Ausnahmefall

Übung der Bundeswehr: Dann brennt die Heide

Eine Großübung der Bundeswehr in Niedersachsen zeigt, was die Truppe nicht nur im Ausnahmefall leisten könnte - wenn sie optimal ausgerüstet wäre.

Für Bundeswehrsoldaten ist es wie Weihnachten: Die Hubschrauber fliegen, die Panzer rollen, und sogar die Gewehre G36 schießen geradeaus. „Informationslehrübung Landoperationen“ heißt die kurz ILÜ genannte Besonderheit. 2000 Soldaten und 5000 Zuschauer erleben, was das Heer leisten kann. Oder vielleicht besser: leisten könnte. Wenn mit dem Gerät der Truppe alles so in Ordnung wäre wie an diesem Freitag bei schönstem Sonnenschein in der niedersächsischen Heide.

Schon der Auftakt entspricht der idealen Inszenierung militärischer Fähigkeiten. Ein Minenräumpanzer Keiler lässt seine schweren Stahlketten durch die Landschaft rotieren. Bumms, bumms, bumms. Panzerminen explodieren, der Weg für die nachfolgenden Kampfpanzer Leopard ist frei. Sie rasen feuernd auf die Szene, zeigen modernste deutsche digitalisierte Landesverteidigung. Binnen Sekunden bekämpft der Panzer ein Ziel ganz links - Schwenk - dann ganz rechts. Auch zwei Panzerhaubitzen 2000 sind in Stellung gegangen. Und dann kommt der erste Hinweis, dass die Truppe hoffnungsvoll vom aktuellen Alltag in eine bessere Zukunft schaut. In zwei Jahren komme die neue Munition, erläutert der Übungskommentator.

Manches ist auch schon da. Der Marder darf noch mal zeigen, wie ein funktionierender Schützenpanzer seit Jahrzehnten im Einsatz ist. Dann rollt sein Nachfolger Puma durch den Matsch des Truppenübungsplatzes. Der schlanke Kampfhubschrauber Tiger kurvt elegant über der Szenerie. Hinterher wird geraunt, es sei nicht das erste Exemplar und auch nicht das zweite gewesen, das heute das Image der Pannentruppe wegwischen sollte. Erst der dritte sei einsatzfähig gewesen. Nun ja, Ausfälle gehörten natürlich auch zum militärischen Leben. Entscheidend sei immer nur, genügend Reserven zu haben. Heute reichen sie. Am Nachmittag greifen gleich zwei Tiger ins heiße Gefecht ein.

Die Soldaten machen keinen Bogen um Fähigkeiten, die politisch umstritten sind, die sie jedoch gleichwohl haben. Etwa Polizeiaufgaben im Innern. Vor Jahren konstruierten sie noch ein Übungsgeschehen, wonach Feldjäger auf dem Balkan im Auslandseinsatz eine gewaltbereite Personengruppe in den Griff kriegen mussten. Jetzt verzichten sie auf den Umweg und schildern, wie ein Polizeiauto von 14 Krawallmachern umzingelt und angegriffen wird, woraufhin die Polizisten die Soldaten zur Hilfe rufen. Und die machen ihren Job mit Greiftrupps, Wasserwerfer, und zum Schluss auch mit einem gewagten Schuss, der einen Angreifer niederstreckt. Der Waffeneinsatz gegen gewaltbereite Aktivisten soll offensichtlich als Möglichkeit vorgeführt werden. Doch die konkrete Inszenierung lässt die Hoffnung aufkommen, dass im Ernstfall doch besser die Polizei mit mehr Augenmaß zum Einsatz kommt.

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Ein weiteres heikles Thema ist der Angriff im Cyberraum. Die gerade aufgestellte Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum (CIR) hat den prominenten Fernsehmoderator Ulrich Meyer als Oberstleutnant der Reserve in Uniform aufgeboten, um beim Publikum zu punkten. „Wir sind die Neuen“, sagt Inspekteur Ludwig Leinhos. Und dann geht es mitten hinein in den eskalierenden Konflikt auf der erfundenen Atlantik-Insel „Pandora“, auf der „Wislawien“ den Osten des Nachbarlandes „Altraverdo“ annektieren will und die Bundeswehr als Teil einer Nato-Eingreiftruppe den befürchteten Angriff verzögern soll. Das Szenario erinnert stark an den Krieg in der Ostukraine. Nur mit dem Unterschied, dass dort die Nato nicht eingriff. Und dass die CIR der Bundeswehr nicht in die Computersysteme des Gegners eindrang, Angriffspläne abfischte, die IT-Systeme zusammenbrechen ließ, die Aufwiegelung der Bevölkerungsminderheit im angegriffenen Land stoppte und stattdessen die Stimmung zwischen Regierung und Bevölkerung im eingreifenden Land anheizte.

Zwei Mal betont die CIR, dass natürlich ein politisches Mandat für diese Art der Cyberattacke nötig sei. Wie so etwas aussehen soll, sagt sie nicht. Sie will dieses Mal nur erläutern, dass sie auch in der „fünften Dimension“ kämpfen und siegen kann, wenn es von ihr denn irgendwann verlangt werden sollte. Die „nicht-kinetische Gefechtsführung“ leidet indes darunter, dass nichts kracht, zischt und knattert. Die CIR-Soldaten behelfen sich mit Videos, auf denen kleine Pac-Man-artige Roboter im Stil der 80er Jahre die Infrastruktur fressen.

Leichter haben es da die Sanitäter, die die chirurgische Erstversorgung demonstrieren („Zugang liegt, Blutung steht“), die Logistiker, die Panzer verladen und betanken und schließlich das stundenlange hochintensive Gefecht mit Dutzenden von Panzern. Die Landschaft bebt, die Luft vibriert, so oft ein neuer Akt in der Panzerschlacht läuft. Heeresinspekteur Jörg Vollmer verweist darauf, dass diese laute Landesverteidigung wieder in den Mittelpunkt der Aufgaben der Truppe gerückt ist. Dann wird es Zeit, die Feuerwehr zu rufen. Die Heide brennt nach so viel scharfem Schuss.

Gäste aus ganz Europa haben die Leistungsschau der Bundeswehr gesehen. Auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist „sehr beeindruckt“. Allerdings sieht die FDP-Verteidigungsexpertin als Konsequenz die Politik mehr in der Pflicht: „Wir müssen die Bundeswehr besser ausrüsten, um eine starke Armee zu haben.“

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