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Bundeswehr: Der Feind in meinem Kopf

Bundeswehr : Der Feind in meinem Kopf

Mehr als 1600 Bundeswehr-Soldaten sind im Einsatz an der Seele verwundet worden. Auch ein 28-jähriger Feldwebel aus Dortmund kämpft nach Erlebnissen in Afghanistan um die Rückkehr in ein normales Leben.

Ein harmloser Knall in der Dortmunder Fußgängerzone, der Geruch von Schafskäse aus einem kleinen Lebensmittelladen, eine vorbeigehende Muslimin im Ganzkörperschleier - in Sekundenbruchteilen ist Philipp Werner* plötzlich wieder im 5000 Kilometer entfernten Masar-i-Sharif in Afghanistan. "Ich spüre meine Schutzweste, den Helm, die Waffe. Ich habe wieder den Sandstaub in der Nase." Der 28-Jährige leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und wird gerade im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz stationär behandelt. Schreckliche "Flashbacks", Erinnerungen an diesen lebensgefährlichen Einsatz, plagen ihn.

 Flottenarzt Roger Braas (l.) im Bundeswehr-zentralkrankenhaus in Koblenz im Gespräch mit Feldwebel Philipp Werner*.
Flottenarzt Roger Braas (l.) im Bundeswehr-zentralkrankenhaus in Koblenz im Gespräch mit Feldwebel Philipp Werner*. Foto: Helmut Michelis

Im November 2011 war er, frisch zum Feldwebel befördert, in Afghanistan verantwortlich für sieben Soldaten. "Sieben andere Menschenleben. Ich muss sie wieder heil nach Hause zurückbringen - das habe ich als meine wichtigste Aufgabe empfunden. Heute weiß ich: Ich war überfordert." Jeden Tag sind die Infanteristen außerhalb des Feldlagers unterwegs; überall kann ein Selbstmordattentäter lauern oder eine Sprengfalle hochgehen. "Man wartet den ganzen Tag auf den großen Knall. Es war ein krasser Auftrag, der Druck der Vorgesetzten hoch, die Ruhezeiten viel zu kurz."

Und dann bemerkt Werner, dass etwas mit ihm nicht stimmt: Er zittert vor Anspannung, isoliert sich von den Kameraden, sucht Rat beim Pfarrer und der Truppenpsychologin, die das deutsche Einsatzkontingent begleiten. "Ich war ständig auf Alarm geschaltet, wollte aber nicht gescheitert nach Hause fliegen."

Doch das fremdartige Land, die täglichen Patrouillen, die unsichtbare Bedrohung, das alles ist zu viel für ihn. Die ärztliche Diagnose lautet: Verdacht auf Erschöpfungsdepression - der Feldwebel wird abgelöst. Die Kameraden zeigen sich schockiert, seine Eltern verstehen die Angstzustände und Wutanfälle nicht, die Freunde wenden sich von ihm ab. "Wenn ich es selber nicht hätte, würde ich es auch nicht begreifen", sagt der Dortmunder und knetet kräftig einen blauen Handgymnastikball - seine Art, durch den starken Reiz die Gegenwart zu spüren.

"Das ist durchaus ein klassischer Verlauf", sagt Flottenarzt Roger Braas, der Direktor des Zentrums für seelische Gesundheit am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz. Die Bundeswehrführung habe nach den ersten Auslandseinsätzen der 90er Jahre in Kambodscha und Somalia zunächst Erfahrungen mit Diagnostik und Therapie der PTBS sammeln müssen, um schließlich zielgerichtet und mit vielfältigen Therapieangeboten den Betroffenen helfen zu können. Bei den Soldaten habe ebenfalls viel Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen. "Es kann letztlich jeden treffen. Damit ist man kein Feigling oder zu weich", betont Braas.

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Mehr als 1600 Bundeswehrsoldaten waren und sind an PTBS erkrankt. Die Zahl steigt weiter, möglicherweise auch durch die verbesserte Aufklärungsarbeit: 86 neu diagnostizierte Fälle im ersten Quartal dieses Jahres bedeuten einen Anstieg um 41 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im gesamten vergangenen Jahr waren nach einer Statistik des Verteidigungsministeriums 204 Neuerkrankungen verzeichnet worden.

Selbstmordgedanken quälen Werner: "Manchmal wird es ganz dunkel. Ich weiß dann nicht, ob es sich lohnt, diesen Kampf noch weiterzuführen." Rund um die Uhr stehen deshalb Ansprechpartner, sogenannte Bezugspfleger, für ihn bereit, oft selbst mit Einsatzerfahrung wie Roger Braas, der unter anderem in Afghanistan und im Kosovo gewesen ist. "Die Psyche reift langsam. Es dauert, die Ordnung im Gehirn des Betroffenen wiederherzustellen: Das war woanders. Zu anderer Zeit. Hier ist es sicher", sagt der Neurologe und Psychiater. "Der Patient befindet sich in einer Art Zeitschleife. Wenn die Seele verwundet ist, muss er in der Therapie die Bilder und Emotionen wiederholen, um sein Trauma zu überwinden."

Finanziell sind die Erkrankten abgesichert: Ihr Gehalt wird weitergezahlt. Zeitsoldaten, deren Dienstzeit eigentlich endet, werden in eine sogenannte Schutzzeit eingeschlossen: Während der Therapie und der Rehabilitation erhalten auch sie weiter ihr Geld, berichtet Braas. "Selbst bereits ausgeschiedene Soldaten können unter bestimmten Bedingungen in ein Wehrdienstverhältnis besonderer Art wieder eingestellt werden."

Im vergangenen Jahr behandelte die Bundeswehr in ihren Krankenhäusern und medizinischen Versorgungszentren insgesamt 413 PTBS-Patienten; die Mehrzahl hatte mit dem Afghanistan-Einsatz zu tun. Jeder Fall sei im Detail unterschiedlich, meint Braas. Noch immer trauten sich manche Soldaten nicht, ihre Krankheit einzugestehen. Die Dunkelziffer sei mutmaßlich sehr hoch, sei es aus Scham, sich vor den Kameraden zu blamieren, sei es aus Sorge um die Karriere. "Wir bieten auch Veranstaltungen für Familien und Paare an, um Transparenz herzustellen und den Dialog in Gang zu bringen. Wir versuchen den Partnern und den Kindern zu erklären, was der Patient erleidet, warum Papa so oft brüllt. Wenn alle wissen, was los ist, kann man schon klarkommen."

Philipp Werner will Soldat bleiben, zwischendurch war er wieder im Dienst. "Doch das hat meine ganze Kraft gekostet, die Depression mit Angstzuständen hat sich gesteigert." Enge Diensträume erinnern ihn an seinen Wohncontainer in Afghanistan, Menschenansammlungen erträgt er nicht. "Wenn ich mit meiner Frau einkaufen gegangen bin, habe ich nur überlegt, wer mich angreifen könnte, wo ich Deckung finde." Die junge Ehefrau leidet ebenfalls, bringt kaum mehr Kraft auf, die ständigen Gefühlsausbrüche ihres Mannes zu ertragen. Der Kinderwunsch des Paares rückt in weite Ferne. Ablenkung findet Werner nur bei seinem Hund und wenn er bei den Eltern im Garten arbeitet.

Im Zweiten Weltkrieg habe es in Deutschland ungleich mehr PTBS-Erkrankte gegeben, vermutet der Arzt. Doch damals habe eine ganze Gesellschaft unter dem Terror des Krieges gelitten. Heute verstehe die Bevölkerung häufig nicht, was die Soldaten mitgemacht haben, und verstärke damit die Isolation der Betroffenen. Auch Werner musste sich sagen lassen: "Du bist doch selbst schuld. Du musstest doch nicht nach Afghanistan gehen." Doch Braas ist zuversichtlich, dem Dortmunder helfen zu können: "Es erfordert allerdings sehr viel Geduld - von dem Erkrankten, aber auch von uns."

* Name von der Redaktion geändert

(RP)