Bundeswehr-Beschwerden: Ursula von der Leyen startet „Mangelhaft“

Kommentar zu Bundeswehr-Beschwerden : Ursula von der Leyen startet mit einem „Mangelhaft“

Bei der Bundeswehr rumort es gewaltig. Die Zahl der Beschwerden ist auf einem Rekordhoch angekommen. Gefragt ist nun vor allem die Familien-Kompetenz der neuen Verteidgungsministerin Ursula von der Leyen.

Es scheint mächtig viel Sand im Getriebe der deutschen Streitkräfte zu sein. Als die Bundeswehr (West) mit der Volksarmee (Ost) bei der Wiedervereinigung Deutschlands verschmolzen wurde, schnellten die Beschwerden beim Wehrbeauftragten auf 9000 bis 10.000 pro Jahr hoch, weil die wenigsten wussten, was nun aus ihnen wird. Seitdem ist es in der öffentlichen Wahrnehmung der Bundeswehr zwar ruhig geworden. Doch in ihrem Innern rumort es gewaltig: Gemessen am Umfang der Truppe ist die Zahl der Beschwerden nämlich deutlich höher als kurz nach dem Mauerfall.

Das Engagement im Ausland allein kann daran nicht schuld sein. Es hat lange gedauert, aus der Armee der Abschreckung eine Einsatzarmee zu machen. Und bei Ausbildung und Ausrüstung lag zunächst vieles im Argen. Doch im Großen und Ganzen sind die deutschen Soldaten inzwischen routinierter und geschützter als bei dem Holperstart am Hindukusch.

Gleichwohl liefert auch die größere Einsatzerfahrung Motive für Beschwerden: Was auch ein Dutzend Jahre nach dem Start in Afghanistan immer noch schief läuft, können die Soldaten nicht mehr durch naheliegende Unzulänglichkeiten bei der Bewältigung ungewohnter Herausforderungen entschuldigen. Sie sind der Vertröstungen überdrüssig und wollen als Fachleute für bestimmte Fähigkeiten nicht immer wieder den Kopf dafür hinhalten, dass es zum Beispiel nicht genügend besetzte Stellen etwa im Sanitätsdienst gibt, um den Turnus zwischen Heimat und Hindukusch für alle verträglicher hinzukriegen.

Viele Fragen bleiben unbeantwortet

Der Wandel von der Wehrpflicht- zur Berufsarmee verändert zudem den typischen Soldaten: Er steckt nicht mehr in einer Dienstschleife vor dem Start in Beruf und Familie außerhalb der Bundeswehr. Er ist jetzt innerhalb der Bundeswehr darauf angewiesen, klare Perspektiven für Familie und Karriere zu bekommen. Thomas de Maizière hat zwar den von Karl-Theodor zu Guttenberg eher burschikos angegangenen Umbau der Armee in seriösere Planungen gebracht. Aus Sicht der Soldaten sind aber zu viele Fragen für die Zukunft ihres eigenen Lebens immer noch nicht oder nur als Zumutung beantwortet.

Die Rekordzahl der Soldaten-Beschwerden ist deshalb nicht nur ein Warnhinweis für die Öffentlichkeit, sondern auch ein klares Signal für die neue Ministerin Ursula von der Leyen, wo die Männer und Frauen in den deutschen Streitkräften der Kampfstiefel drückt. Konkreter als je zuvor muss sie als Verteidigungsministerin beispielhaft umsetzen, was sie zunächst als Familien- und dann als Arbeitsministerin an Konzepten für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf entwickelt und den Arbeitgebern zur Anwendung empfohlen hat. Nun ist sie selbst Arbeitgeberin und verantwortlich für das Wohlergehen von Zehntausenden Familien.

Wenn es um eine attraktive Bundeswehr geht, zählen letztlich nicht die bunten Filmchen von einem aufregenden Job und einer einzigartigen Kameradschaft. Deutlich mehr Strahlkraft entfaltet die Zufriedenheit der Truppe. In dieser Kategorie macht die Anzahl der Beschwerden die Benotung eindeutig: "Mangelhaft". Da liegt viel Arbeit für die neue Ministerin

Hier geht es zur Bilderstrecke: Dezember 2013: Von der Leyen in Afghanistan

(may-)
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