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Wie lief der Wahlkampf für Baerbock, Laschet und Scholz?

Schlussspurt im Bundestagswahlkampf : Wie lief der Wahlkampf für Baerbock, Laschet und Scholz?

Die Kanzlerkandidaten Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz haben eine Tour hinter sich, die jede und jeden auch an eigene Grenzen geführt hat. Eine Erkenntnis: Die Dauerbeobachtung und Durchleuchtung auf allen Kanälen über Monate übersteht niemand mehr ohne Fehler. Der Kampf um die politische Macht in Deutschland fordert einen hohen Preis. Eine Nahaufnahme.

Annalena Baerbock

Tja, der Wahlkampf. Annalena Baerbock sitzt jetzt wieder in diesem großen grünen Reisebus, wo sie oben eine Art Arbeitsraum hat, mit Sitzgruppe und ein paar Topfpflanzen. Wohnzimmer für unterwegs. Auftritte in Mainz, in Mannheim, in Freiburg, in Karlsruhe, in Würzburg waren oder sind in diesen letzten Wahlkampftagen vorgesehen. Am Donnerstag noch ein Wahlkampf-Heimspiel Zuhause in Potsdam, ehe Baerbock am Freitag gemeinsam mit Robert Habeck in Düsseldorf, dort also, wo normalerweise CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet regiert, diesen Wahlkampf vor dem Sonntag der Entscheidung am 26. September abschließt. Sinnigerweise wird just am selben Tag auch der Berlin-Marathon – nach einem Jahr Corona-Pause –wieder gestartet. Die Co-Vorsitzende der Grünen hat ihren ganz persönlichen Wahlkampf-Marathon dann schon hinter sich. Mit allen Höhen und Tiefen. Mit Krisen und Fehlern. Mit Applaus und Kritik.

14.000 Kilometer wird Baerbock, erste Kanzlerkandidatin in 41 Jahren grüner Parteigeschichte, dann quer durch die Republik gereist sein. Sie hat auf Marktplätzen gesprochen, hat sich in Fernsehstudios mit SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz und CDU-Bewerber Laschet trielliert, und hat auch einige Zeit damit verbracht, eigene Fehler in ihrer Kampagne zu erklären, geradezurücken, die Kritik daran auszuhalten. „Ressourcen“ hätten gefehlt, sagte Baerbock jetzt in der ARD-Dokumentation über diesen Wahlkampf zu möglichen Gründen für eigene Versäumnisse. Ungenauigkeiten und Schlampereien in Lebenslauf oder bei der Nennung von Quellen für ihr Buch „Jetzt“, wo sich Baerbock Vorwürfen ausgesetzt sah, sie habe plagiiert, sprich: frech von anderen abgeschrieben, sorgten für eine Delle in ihrer Kampagne.

Die 40 Jahre alte Politikerin, verheiratete Mutter zweier Kinder im Grundschulalter, war kurz nach Ostern angetreten dieses Langstreckenrennen um das Kanzleramt, um die politische Macht in Deutschland, zu gewinnen. Allein die Frage, ob sie den Titel der Völkerrechtlerin auch wirklich tragen dürfe, wurde bald lang und breit erörtert. Baerbock hat einen Abschluss (Master of Laws) an der London School of Economics. Ihre Promotion in Völkerrecht an der Freien Universität Berlin schloss sie nicht ab. Sie sagt gern: „Ich komme aus dem Völkerrecht.“ So wie ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck, ehemaliger Landwirtschaftsminister, eben zuständig sei für „Hühner, Schweine, Kühe melken“. Echt frech. Sie hat auch gerne angemerkt: „Ich komme aus dem Sport“, wo die Grünen-Kandidatin in jungen Jahren Trampolinspringen als Leistungssport betrieb. Wahlweise sagte sie auch: „Ich komme vom Land“, was für die Politikerin, die im niedersächsischen Pattensen groß wurde, eine Art Volksnähe erzeugen und Verständnis für die Sorgen der pendelnden Bevölkerung vermitteln sollte. 

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Jetzt könnte sie sagen: „Ich komme aus dem Wahlkampf.“ Denn es war ein Kampf. Nicht nur gegen die Mitbewerber, sondern auch mit sich selbst. Und er war vermutlich härter und brutaler als Baerbock ihn sich je vorgestellt hat. Die Grünen-Kandidatin hatte bis dato noch kein Stahlbad eines Ministeramtes im Land oder im Bund hinter sich. Und wer Regierungschefin der viergrößten Volkswirtschaft der Erde werden will, muss auf permanente Beobachtung auf allen Kanälen rund um die Uhr gefasst sein. Jetzt hofft sie auf ein gutes Ergebnis „mit starken Grünen“, wie sie immer wieder betont. Klingt nach Platz, nicht nach Sieg. Manchmal formuliert sie auch noch ihr ursprüngliches Ziel: „Als Bundeskanzlerin werde ich…“  

Armin Laschet

Der Unions-Kanzlerkandidat holt sich auf den letzten Metern des Wahlkampfs äußerst prominente Unterstützung: Kanzlerin Angela Merkel unterstützt den CDU-Vorsitzenden in der letzten Woche des Wahlkampfs gleich dreimal  - zweimal sogar mit Heimatbezug. Am Dienstag besucht Laschet Merkel in ihrem bisherigen Wahlkreis in Stralsund - und am Samstag revanchiert sich die Kanzlerin mit einem Besuch in Laschets Heimatstadt Aachen.

Der NRW-Ministerpräsident kann den Rückenwind brauchen. Glaubt man den Umfragen, so liegt er wenige Tage vor der Bundestagswahl hinter dem SPD-Kandidaten Olaf Scholz auf dem zweiten Platz. Die Umfragen sagen aber auch: Laschet konnte in den vergangenen Tagen ein wenig Boden gutmachen, den Trend nach unten stoppen. Die Union legt wieder ein wenig zu. Dennoch: Hätte man Laschet im Frühsommer gesagt, dass er eine Woche vor der Wahl nur um die 20 Prozent in den Umfragen erreicht, hätte er das vermutlich lachend abgetan.

Das Jahr startet für Laschet eigentlich nach Maß: Im Januar eroberte er vor Friedrich Merz und Norbert Röttgen mit einer starken Rede im Schlussspurt den CDU-Vorsitz. Im April sicherte er sich in einem erbitterten Machtkampf mit CSU-Chef Markus Söder die Unions-Kanzlerkandidatur. Eine Zeitlang sieht es so aus, als liefe alles glatt bei der Mission, das Kanzleramt von Merkel nahtlos zu übernehmen. CDU-Verluste bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im März gingen noch nicht auf sein Konto als Parteivorsitzender. In Sachsen-Anhalt fuhr die CDU dagegen im Juni einen deutlichen Sieg ein, der in den Umfragen so nicht prognostiziert worden war.

Die Union stellt im Frühsommer ein gemeinsames Wahlprogramm vor, Söder und Laschet treten gemeinsam in Berlin auf. Ein wenig Versöhnung, so scheint es. Man diskutiert unionsintern nur ein wenig über Steuerentlastungen. Doch dann kommt die Flut. Laschet ist als NRW-Landesvater überall im Flutgebiet unterwegs, hört zu, organisiert, tröstet. Ausgerechnet in diesen Tagen passiert ihm der größte Patzer im Wahlkampf. Ein herzhaftes Lachen, während der Bundespräsident vor Kameras über die Dramatik der Katastrophe spricht. Laschet entschuldigt sich, bereut diesen kurzen Aussetzer sehr. Ungeschehen kann er ihn allerdings nicht mehr machen.

Ab diesem Zeitpunkt geht es für den Kandidaten auf eine Talfahrt, Störfeuer kommen aus München, es wirkt, als hätte der Unionskandidat Sicherheit und Selbstbewusstsein verloren. Der 60 Jahre alte Aachener wirkt angefasst, ist in der Defensive. Die Kritik an ihm unionsintern wächst. Mit dem Desaster in Afghanistan gerät obendrein die Union als Regierungspartei in schwereres Fahrwasser. Es gibt massive Zweifel an Laschets Wahlkampfführung. Vieles wirkt wenig durchdacht, manches - wie die Präsentation eines Zukunftsteams - überhastet. Die Umfrage sinken dramatisch in den Keller.

Mit dem ersten TV-Dreikampf kämpft sich Laschet ein wenig zurück, er zeigt Angriffslust, hat mit der Warnung vor einer Rot-grün-roten Regierung ein Thema gefunden, an dem er sich abarbeiten kann. Die internen Kritiker werden etwas leiser, ein Auftritt beim CSU-Parteitag in Nürnberg kann Laschet als Erfolg verbuchen. Sollte er mit der zweiten Luft den ersten Platz am Wahlabend erringen können, darf er sich der Anerkennung der gesamten Union sicher sein. Auf dem zweiten Rang wird es für ihn allerdings auch innerparteilich eng, die nötige Autorität in die Waagschale zu werfen.

Olaf Scholz

Er macht es wie Angela Merkel. Stoisch zieht der SPD-Kanzlerkandidat seine Furche – und ist damit ohne größere Blessuren durch den Wahlkampf gekommen. Der Vizekanzler hat es geschickt verstanden, sich den Deutschen als Stabilitätsanker für die Nach-Merkel-Ära zu präsentieren.

So klaute Scholz der verdutzten Union diese eigentlich für Laschet reservierte Erzählung. Für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ ließ sich der 63-Jährige mit der Merkel-Raute fotografieren. CSU-Chef Markus Söder schäumte („Erbschleicher“), auch der Kanzlerin wurde es zu bunt. Sie rüffelte ihren Stellvertreter öffentlich („Da besteht ein gewaltiger Unterschied für die Zukunft Deutschlands zwischen mir und ihm“). Scholz sitzt alle Angriffe aus.

In der Kanzlerfrage hängt er Laschet und Baerbock locker ab. In den Triellen platzierte er immer wieder seine Kernbotschaften: höherer Mindestlohn, mehr Respekt in der Gesellschaft, mehr Ökostrom für die Industrie. Unter Druck geriet er, weil er eine mögliche Koalition mit der Linkspartei partout nicht ausschließen will. Ein Kanzler Scholz von Sahra Wagenknechts Gnaden? Darauf würde sich der konservative Sozialdemokrat, der sich gern auf Helmut Schmidt beruft, wohl kaum einlassen. Die theoretische Option Linksbündnis kann er aber in Koalitionsverhandlungen über eine Ampel gut als Druckmittel gegenüber FDP-Chef Christian Lindner brauchen. Die Union verzweifelt zunehmend an „Teflon-Scholz“. Alle größeren und kleineren Vorwürfe scheinen am SPD-Spitzenmann abzuperlen – auch das bislang vor allem ein Merkmal der amtierenden Kanzlerin.

Dabei bietet der amtierende Bundesfinanzminister durchaus Angriffsfläche. Bei Wirecard, dem größten Anlegerbetrug der Nachkriegsgeschichte, versagte die Finanzaufsicht, die Scholz untersteht. Aus seiner Zeit als Hamburger Bürgermeister holte ihn die Steueraffäre um dubiose Cum-ex-Finanzgeschäfte ein. Scholz offenbarte dazu im Finanzausschuss erstaunliche Erinnerungslücken. Sein Vorteil: Die Vorgänge sind so komplex, dass selbst Fachleute sie kaum verständlich erklären können. Das gilt ebenso für die Ermittlungen um versandete Geldwäsche-Hinweise bei einer Kölner Spezialeinheit des Zolls. Als ein Osnabrücker Staatsanwalt (mit CDU-Parteibuch) sein Ministerium nach Akten durchsuchen ließ (die auch auf dem Dienstweg hätten angefordert werden können), nutzte das Laschet für einen Frontalangriff auf Scholz. Die SPD witterte umgekehrt ein Justizkomplott. Heraus kam mal wieder ein Nullsummenspiel, typisch Scholz.

Schafft er es, die SPD nach 16 Jahren zurück ins Kanzleramt zu führen, wird er in der Partei – trotz des starken linken Flügels um Parteichefin Saskia Esken und Vize Kevin Kühnert – enorm viel Beinfreiheit bekommen.

(mün, hom, tb)