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Tränen und Jubel: Wie die Parteizentralen auf die Ergebnisse reagierten

Tränen und Jubel : Wie die Parteizentralen auf die Ergebnisse reagierten

Berlin (RP). Die Stunde vor der Schließung der Wahllokale ist immer besonders spannend. Die Spitzenriege der Parteien erhält die ersten Ergebnisse: Tränen in der SPD-Parteizentrale, euphorische Gesänge bei den Liberalen. Vier Stimmungsberichte aus dem Hauptquartieren der Berliner Politik

Berlin (RP). Die Stunde vor der Schließung der Wahllokale ist immer besonders spannend. Die Spitzenriege der Parteien erhält die ersten Ergebnisse: Tränen in der SPD-Parteizentrale, euphorische Gesänge bei den Liberalen. Vier Stimmungsberichte aus dem Hauptquartieren der Berliner Politik

SPD-Zentrale, Willy-Brandt-Haus, Berlin: Um kurz nach 16 Uhr bricht in der fünften Etage des Willy-Brandt-Hauses eine Welt zusammen. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier erhält die ersten Ergebnisse: 25 Prozent. Eine desaströse Prognose, die sich im Laufe des Abends noch verschlechtern sollte. "Das hätte ich nicht für möglich gehalten”, stammelt Steinmeier wieder und wieder. Wie "paralysiert” seien er und SPD-Chef Franz Müntefering gewesen, sagt einer, der dabei war. SPD-Vize Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel sind noch da, dazu enge Berater. In einem Vier-Augen-Gespräch klären Steinmeier und Müntefering die wichtigsten Personalien. Steinmeier soll als Oppositionschef die Fraktion führen. Das Gerücht, Müntefering werde nicht erneut als Parteivorsitzender antreten, bestätigt sich nicht. Man will offenbar noch warten. Um 18 Uhr herrscht Stille im Foyer der Parteizentrale, die Prognosen schocken die Genossen. "Eine Katastrophe”, schimpft ein langjähriges Mitglied der Berliner SPD. "Müntefering und Steinmeier müssen gehen”, sagt eine Genossin.

Um 18.30 Uhr stellen sich die SPD-Vorkämpfer ihren Anhängern. "Eine bittere Niederlage”, räumt Steinmeier ein. Ein Berater Steinmeiers hat Tränen in den Augen. Bei vielen richtet sich die Wut später gegen Müntefering, weniger gegen Steinmeier. Die SPD-Linken sind die ersten, die nach vorne schauen. Einen "Erneuerungsprozess und Verjüngungsprozess”, erwartet Klaus Wowereit. "Ein Weiter-so kann es nicht geben”, droht Linken-Sprecher Björn Böhning. Die SPD steht vor turbulenten Tagen.

CDU-Zentrale, Konrad-Adenauer-Haus, Berlin: Kurz vor der ersten Hochrechung wird es richtig eng und stickig in der Parteizentrale der CDU. Rund 2000 Gäste, Journalisten und Parteimitglieder erwarten einen knappen Wahlausgang. Trotzdem ist überall schon zu hören, dass es für die von Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Partei gewünschten Konstellation reichen könnte. Als dann die mageren Balken für die Union und die um so stärkeren für die FDP nach oben gehen, kennt der Jubel keine Grenzen.

Derweil lässt sich die Kanzlerin Zeit. Nach der ersten Hochrechnung soll sie sprechen, heißt es in der Regie. Doch Merkel kommt nicht. Mit ihren Getreuen Annette Schavan und Ronald Pofalla wartet sie noch in ihrem Büro. Um 18.07 Uhr kommentiert der NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der im Mai 2010 die nächste Wahl hat, als erster der CDU-Granden. Der Prozentsatz der Union sei "nicht zufriedenstellend”, aber das Wahlziel sei erreicht. Die Jubler von der Jungen Union machen sich mit "Angie, Angie”-Rufen bemerkbar. Es kommt langsam Stimmung auf im Konrad-Adenauer-Haus. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch ist nun im Saal, Unionsfraktionschef Volker Kauder und sein parlamentarischer Geschäftsführer Norbert Röttgen ebenfalls. Nur die Kanzlerin fehlt noch. "Sie lässt mal wieder allen den Vortritt”, meckert ein altgedientes Parteimitglied, das sich etwas mehr Elan im Wahlkampf gewünscht hätte. 33,5 Prozent seien nicht gerade üppig.

Um 19.04 Uhr ist es endlich soweit Die alte und neue Kanzlerin wird für das zweitschlechteste Ergebnis der Union seit 1949 frenetisch gefeiert. Koch und Röttgen geben gleich die neue Lesart der Parteiführung aus. "Aus der großen Koalition heraus mussten wir die Verluste minimieren”, sagt der hessische Ministerpräsident. "Das ist gelungen.” Und Röttgen macht noch eine ganz andere Rechnung auf. Nach 1969 hätte die CDU mit 46 Prozent zwölf Jahre auf der Oppositionsbank schmoren müssen. "Da sind 33,5 Prozent und schwarz-gelbe Regierung doch klar besser”, meint der Fraktionsgeschäftsführer, dem ein höheres Amt in der neuen Regierung winkt.

Und noch einer darf frohlocken: Ronald Pofalla. Der CDU-Generalsekretär hat zwar "40 Prozent plus x” als Wahlziel ausgegeben. Mit dem dürftigen Ergebnis hat er in Zukunft wohl nichts mehr zu tun. Er wird als künftiger Arbeitsminister gehandelt. CDU-Chefin Merkel gratulierte ausdrücklich dem "lieben Ronald”. Es sei doch "toll, dass wir es geschafft haben”. So wird ein schwaches Ergebnis in einen großartigen Sieg umgemünzt.

Wahlkampf-Lager der Linken, Kulturbrauerei, Berlin: Oskar Lafontaine ist am Ziel. "Das ist ein großer Tag für die Linke", ruft der Partei- und Fraktionschef in das rappelvolle Zelt im Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg. Seine ehemalige Partei, die SPD, zu deren historischer Niederlage er beigetragen hat, würdigt er keines Wortes. Die Genugtuung aber ist ihm anzumerken. Die Linken sind außer sich vor Freude. Die Parteioberen kommen kaum zu Wort. "Wir haben die ganze Gesellschaft durcheinandergebracht und das wurde auch höchste Zeit", freut sich Gregor Gysi. Der Fraktionschef hofft auf einen Linksruck der SPD. Die SPD müsse sich "resozialdemokratisieren", forderte er.

Wahlkampf-Lager der FDP, Römische Höfe, Unter den Linden, Berlin: Der größte Sieger ließ am längsten auf sich warten: Guido Westerwelle spannte seine Anhänger geschlagene 75 Minuten auf die Folter. Dabei hatte die FDP schon eine Stunde vor Schließen der Wahllokale die Sektflaschen geöffnet. Erstmals zweigeschossig wurde gefeiert - als Vorgriff auf die sicher geglaubte Zweistelligkeit hatten die Liberalen die Wahlparty in größere Räume am Prachtboulevard Unter den Linden verlegt. Hunderte waren vor Ort, die mit der FDP von der Opposition in die Regierung hineinfeiern wollten. "Wie Silvester”, meinte eine Dame. Als die ersten Prognosen über die Bildschirme flimmern, kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr "Wunderbar”, "einfach unglaublich”. Mit wildem Knutschen, Drücken und Küssen lassen die Jungs und Mädels kreuz und quer durch die Jahrgänge ihren Gefühlen freien Lauf: Elf Jahre Opposition sind endlich vorbei.

Warum Westerwelle sich so lange zierte, um mit den Anhängern zu feiern? Er ließ schlicht der Kanzlerin den Vortritt. Kaum hatte sie bei der CDU die Party eröffnet, trat auch der FDP-Chef den Jubelzug durch die Jubelarena an.

Zusammen mit dem Ehrenvorsitzenden und seinem großen Förderer Hans-Dietrich Genscher betritt Westerwelle die Bühne. Für die Kameras winkt er mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz als glückliches Paar Arm in Arm. Als Genscher dann nach minutenlangem Applaus beginnt, darf sich der frühere Rekord-Außenminister an den Augenblick der Freude 1989 in Prag erinnert haben, als er den Botschaftsflüchtlingen die Nachricht ihrer Ausreise überbringen wollte, aber vor lauter Jubel den Satz nicht beenden konnte. Denn so ergeht es wieder und wieder auch Westerwelle. Verständlich ist er nur bis zum "besten Ergebnis für die FDP seit Gründung der Bundesrepublik...” Der zweite Satz geht nach dem Bekenntnis zur Regierungsbeteiligung und dem Sorgen für gerechte Steuern unter.

Westerwelle wirkt konzentriert, und erst nach seiner Mahnung "wir freuen uns, aber wir bleiben auf dem Teppich”, denn jetzt gehe die Arbeit erst richtig los, übermannt ihn die pure Freude. Er lässt die Absperrung entfernen und nimmt ein Bad in der feiernden Menge. Die kannte nur ein Lied: "So sehen Sieger aus!”

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wahlsieger: Die Kanzlerin ist glücklich