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Kleiner Parteitag in Berlin: Wahldebakel der Grünen reißt alte Gräben auf

Kleiner Parteitag in Berlin : Wahldebakel der Grünen reißt alte Gräben auf

Das grüne Wahl-Debakel legt Widersprüche der Partei offen. In einer Halle in Berlin wird gegenseitig aufgetischt. Die Realos machen Druck, die Grünen in Richtung Mitte zu verschieben.

Ein wenig hat es gedauert nach dem Absacken der Grünen bei der Wahl. Jetzt brechen mit Macht die alten Gräben auf. Auf einem kleinen Parteitag mit rund 90 Delegierten und Hunderten Gästen wird laut, was lang nur insgeheim besprochen wurde. Mitte oder links? 41 Redner und rund fünf Stunden voll mit besorgten, bewegten, aufgeregten und teils auch ein bisschen feindlichen Wortmeldungen bringen keine Klarheit.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann steigt im Hof der Tagungshalle im Berliner Wedding am Samstagvormittag aus seinem dunklen Wagen in die Berliner Sonne. Hat er eine Botschaft mitgebracht? "Ja." Welche? "Die verkünd ich ja nachher."

Was Kretschmann in petto hat, ist eine Generalabrechnung. Ziel:
die langjährige Leitfigur der Grünen, Jürgen Trittin. Andere Realos haben seinen Auftritt vorbereitet mit Aufrufen, sich wieder freundlicher gegenüber der Mitte zu zeigen. Nun führt Kretschmann erst das Orakel von Delphi an, auf Altgriechisch und in Übersetzung:
"Erkenne Dich selbst - Nichts im Übermaß". Dann sagt er Trittin ins Gesicht: "Man muss auch offen sein, sich einmal belehren zu lassen und nicht selber zu belehren. Deshalb, lieber Jürgen, darf das Hauptwort nicht mehr Angriff sein."

Doch auch andere reden frei von der Leber weg. Immerhin ticken viele Stammwähler der Grünen links. Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke hat gerade ihren Rückzug von Führungsämtern in der Partei angekündigt. Wenn der Tag der Abrechnung vorbei ist, werden nur sie und die scheidende Parteichefin Claudia Roth viel Applaus bekommen haben. Jetzt geht Lemke jene an, die alles neu machen wollen. "Dieser Diskurs verliert aus meiner Sicht Mitte und Maß." Die Grünen hätten nicht viel Zeit, sich zu fangen. Die Umfragen gingen ja schon wieder weiter runter.

Gemeint ist auch Parteichef Cem Özdemir. Die beiden konnten sich noch nie leiden. Jetzt gehört Özdemir zu denen, die den Spagat machen: Schuldeingeständnis und Aufruf zum Neuaufbruch - dabei aber auch eigene Ambitionen. Die Niederlage? "Je früher und je schonungsloser wir das akzeptieren und Konsequenzen daraus ziehen, desto besser für uns alle", sagt er. Doch wenn die Grünen personelle Kontinuität wollen, ist das zunächst auch Özdemirs Part. Nach einer Gegenkandidatur auf dem Parteitag im Oktober sieht es nicht aus.

Jürgen Trittin übt die Rolle des Einsichtigen: "Ich bin auch ein bisschen dafür verantwortlich, nein, ich bin auch dafür verantwortlich, dass die eine Millionen Stimmen, die wir 2009 gewonnen haben, wieder weg sind." Von Überschwang während der guten Zeiten spricht er. Die Grünen dürften die Bevölkerung auch nicht mehr schurigeln wollen. Doch besonders links - gar zu links - sei das grüne Programm nicht gewesen.

Aber als Trittin meint, Wirtschaftsverbände hätten zum Klassenkampf gegen die Grünen angesetzt, ruft Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer: "Wir sind schuld, nicht die anderen."

Und wie argumentiert nun Katrin Göring-Eckardt, die trotz ihrer Verantwortung als Spitzenkandidatin Fraktionschefin werden will?
Bürgerliche Wähler sollte die Realofrau ansprechen, hat nun aber wegen teils linker Töne auch Fürsprecher bei der Parteilinken.

Göring-Eckardt grenzt sich fast so stark vom Gewesenen ab, als hätte sie damit nichts zu tun gehabt. "Ich bin ja der Meinung: Wir haben total übersteuert in unserem Wahlkampf." Zu viele Zahlen, zu viel Verbotsanmutung. Doch: "Wir können aus der Nische rauskommen, wir können aus dieser ewigen Konfrontationsrhetorik rauskommen."

An die Fraktionsspitze will auch Kerstin Andreae, Wunschkandidatin der Realos aus Baden-Württemberg. Sie stellt sich gegen die Ansicht, sie sei zu liberal. Am Kernanliegen, Mittelstand und Unternehmen wieder für die Grünen attraktiv zu machen, hält sie fest. "Die hatten nicht mehr das Gefühl, dass wir sie verstehen." Ökologie müsse von der Wirtschaft umgesetzt werden. Ob Göring-Eckardt oder Andreae das Rennen machen, ist offen.

Simone Peter hat es dagegen erstmal leicht. Die frühere Saar-Umweltministerin ist bei den Linken als kommende Parteichefin gesetzt - und darf nur keinen Fehler machen. Sie ruft klar und knapp zu konstruktivem Umgang auf, zur Erneuerung und Besinnung auf die Ökologie, auch zu weiterem Kümmern ums Soziale. Niemand widerspricht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So feiern die Grünen ihr Wahlergebnis

(dpa)