Schlussrunde 2017 der Spitzenkandidaten: Jeder gegen Jeden

Schlussrunde im TV-Wahlkampf: Wie im Piranha-Becken

Noch einmal 90 Minuten Zeit hatten die Vertreter aller sieben Parteien, die voraussichtlich in den Bundestag einziehen, sich in der "Schlussrunde" des Wahlkampfs bei ARD und ZDF in ein gutes Licht zu rücken. Es geriet zu einem munteren "Jeder gegen Jeden".

In Wahlkämpfen gibt es eine nachvollziehbare Gesetzmäßigkeit: Je näher der Wahltag rückt, desto nervöser werden die Wahlkämpfer. Das Maß an Nervenflattern wiederum lässt sich auch an schwindender inhaltlicher Sachlichkeit bemessen. Die gemeinsame "Schlussrunde" von ARD und ZDF zu später Stunde war ein Paradebeispiel dafür. Zu Gast waren die Spitzenkandidaten von CDU, SPD, CSU, Linken, Grünen, FDP und AfD. Nachdem die CDU nur Partei-Vize und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ins Rennen schickte, machte auch die SPD einen Rückzieher und tauschte Kanzlerkandidat Martin Schulz gegen die Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, aus. So vermied es Kanzlerin Angela Merkel, ein verkapptes zweites TV-Duell führen zu müssen.

Während sich die sieben Wahlkämpfer in der ersten Fragerunde, in der es um Hass im Wahlkampf ging, noch artig zuhörten, fielen sie sich im weiteren Verlauf der 90 Minuten so oft ins Wort, dass der rote Faden der Diskussion immer wieder abriss. Selbst im Piranha-Becken, wenn die scharfzahnigen Raubfische um Beute kämpfen, mag es kaum zänkischer zugehen.

Dabei hatten die beiden Moderatorinnen, die Leiterinnen der Hauptstadtstudios von ARD und ZDF, Tina Hassel und Bettina Schausten, durchaus die richtigen Themen auf die Agenda gesetzt: Rente, Pflege, Altersarmut, Digitalisierung, Bildung und innere Sicherheit - Themen, die den Menschen im Land unter den Nägeln brennen und teilweise im Wahlkampf vernachlässigt wurden. Den Pflegenotstand zum Beispiel bauten Politiker aller Parteien erst in ihre Wahlkampfreden ein, nachdem sie von Bürgern in Fernsehsendungen aufgerüttelt worden waren.

Exemplarisch für die unerquickliche Debatte war das Thema Sozialpolitik. Von der Leyen, die vor dem Verteidigungsressort erst das Ministerium für Familie und später das für Arbeit innehatte, kommt schnell auf Betriebstemperatur. Ruckzuck ist sie beim Wahlkampfschlager "warmes Mittagessen", das Kinder bräuchten. Da nickt CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann noch. Wenig später führt er die wachsende Altersarmut auf ein statistisches Problem zurück, das durch wachsenden Wohlstand zustande komme. Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht verwandelt diesen Elfmeter mit lauten "Unverschämtheit"-Rufen.

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Das nächste Scharmützel entwickelt sich zwischen der Spitzen-Frau der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, und von der Leyen. Göring-Eckardt nennt die zusätzlichen fünf Milliarden Euro, die seit dieser Wahlperiode in die Pflege fließen und mit einer Beitragserhöhung von 0,5 Prozentpunkten verbunden waren, "Nichtstun". Daraufhin ist von der Leyen an der Reihe, sich zu empören.

Nicht überraschend bringt FDP-Chef Christian Lindner "den Gedanken" in die Runde ein, dass erst einmal "in einem scharfen globalen Wettbewerb" erwirtschaftet werden müsse, was man verteilen will. Der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland immerhin muss einräumen, dass seine Partei gar kein Konzept für die Rente hat. Ansonsten laviert er sich sonor im Ton durch die Sendung, indem er die bisherigen Provokationen der AfD im Wahlkampf allesamt herunterspielt.

SPD-Vize-Chefin Manuela Schwesig, die seit wenigen Wochen in Mecklenburg-Vorpommern regiert, erweckt in weiten Teilen der Diskussion den Eindruck, als habe sie in den vergangenen vier Jahren gar nicht mitregiert auf Bundesebene. Einen starken Moment hat sie, als sie Gaulands Strategie entlarvt: "Sie schüren Hass und Hetze. Sie spalten unser Land", wirft sie ihm an den Kopf und zitiert eine Dame aus ihrem Wahlkreis, die wiederum die Sprache der AfD an die Nazis erinnere. Im späteren Verlauf der Sendung revanchiert sich Gauland durchaus boshaft mit dem Hinweis, dass er ganz und gar nicht gegen eine geringere Thematisierung des Nationalsozialismus in Schulen sei, was Teile seiner Partei fordern. Im Gegenteil, sagt er, wenn er sich manche Äußerungen anhöre, müssten die Verbrechen des Nationalsozialismus mehr thematisiert werden. Denn bei mehr Wissen über diese Zeit würde die AfD nicht mit Nazis verglichen. Dass die AfD normalerweise nicht mit den Nazis der 30er Jahre, sondern mit ihrem Erstarken in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verglichen wird, lässt er außen vor.

Dass auf die letzte Frage der Sendung ehrliche Antworten kommen, glaubt wohl niemand in der Runde. Einen Versuch ist es dennoch wert zu erkunden, mit welchem Wahlergebnis die Protagonisten rechnen. Von der Leyen sagt "Richtung 40 Prozent". "Besser als in Umfragen", erklärt Schwesig nach längerer Vorrede. Gauland will keine Voraussage treffen. "Dritte Kraft", sagt Lindner. "Zweistellig", meint Wagenknecht. Und Göring-Eckardt, deren Partei aktuell in allen Umfragen auf dem letzten Platz von den Parteien gesehen wird, die voraussichtlich in den Bundestag einziehen, erklärt: "locker zweistellig und dritte Kraft".

(qua)
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