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SPD-Kanzlerkandidat auf Wahlkampftour: Peer Steinbrück lässt potenzielle Wähler warten

SPD-Kanzlerkandidat auf Wahlkampftour : Peer Steinbrück lässt potenzielle Wähler warten

Steinbrück auf Sommertour: Der SPD-Kanzlerkandidat redet von Millionen Wählern, die er im Wartesaal abholen will - aber erstmal lässt er sie auf Norderney lange schmoren. Und das Wahlkampfthema NSA-Ausspähaffäre könnte sich für die SPD als Bumerang erweisen.

Peer Steinbrück steht neben dem Kapitän auf der Brücke der Norderney-Fähre "Frisia VI". Er lässt sich die Untiefen der Nordsee erklären, ist aber sichtlich unruhig, wippt mit den Füßen. Der SPD-Kanzlerkandidat ist viel zu spät dran, in seiner Wahlkampforganisation steckt an diesem Tag irgendwie der Wurm drin. Neben den Armaturen hängt ein gelbes Schild: "Ich denke, also bin ich - hier falsch."

Anderthalb Stunden lässt Steinbrück die mehr als 500 Bürger und Urlauber im Kurhaus von Norderney warten. Der Unmut ist groß. Statt um 19 Uhr trudelt er um 20.30 Uhr ein. Er entschuldigt sich mit einem Hinweis auf schlechtes Wetter und die Fähre. Das ist aber nicht die ganze Wahrheit - die Fähre hatte auf Steinbrück gewartet. Bei Wahlkampfterminen in Nordrhein-Westfalen hatte er einfach zu viel Zeit verloren.

Steinbrück, ein Freund des Nashorns

Der 66-Jährige ist ein großer Freund des Nashorns. Ihn fasziniert die dicke Haut, vor allem aber dass die Tiere langsam loslaufen, schneller werden und dann von nichts und niemandem mehr aufzuhalten sind. Genau so will er es nun im Wahlkampf machen.

Bisher ist es für Steinbrück und die SPD eher ein Hürdenlauf. Nun droht ihm auch das Wahlkampfthema um die Spähaffäre des US-Geheimdienstes NSA, mögliche Verwicklungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) und die Frage nach der Verantwortung der schwarz-gelben Bundesregierung abhandenzukommen. Statt Rückenwind - mal wieder Gegenwind.

Der Hinweis der Regierung, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier habe als Kanzleramtschef 2002 die Grundsatzentscheidung für die Zusammenarbeit von BND und NSA im bayerischen Bad Aibling gelegt, löste empörte Reaktionen der gesamten SPD-Spitze aus. Steinbrück spricht von einem durchsichtigen Manöver der Bundesregierung. Aber schon jetzt ist klar: Ein möglicher Untersuchungsausschuss nach der Wahl am 22. September könnte auch für SPD und Grüne unangenehm werden, besonders für Steinmeier.

Schröder und die "Solidarität"

Denn es war der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der den USA nach den Terrorattacken vom 11. September 2001 "uneingeschränkte Solidarität" zusicherte. Und Steinmeier war zwischen 1998 und 2005 in der Regierungszentrale zuständig für die Geheimdienste - zunächst als Beauftragter und von 1999 an auch als Chef des Kanzleramts. Daher könnten die Bürger der SPD ein Glaubwürdigkeitsproblem attestieren.

So sind es immer neue Untiefen, die den Wahlkampf belasten - nun, da die Umfragewerte sich leicht bessern. Zumindest die Verspätung in Norderney ist rasch vergessen. Steinbrück wirkt locker und ist schlagfertig, auch wenn er nicht in allen Themen so firm ist wie im Finanzbereich. Auf die Frage, wie er das Klima besser schützen wolle, sagt der Ex-Bundesfinanzminister: "Wie Sie wissen, ist die SPD sehr früh gegen die Atomenergie eingetreten." Aber: Atomkraftwerke verursachen praktisch keine Kohlendioxid-Ausstöße.

Sein Witz kommt gut an ("Sie können mich Steinmeier nennen, aber wenn Sie mich Steinbruch nennen, dann ist Schluss hier"), aber Steinbrück weiß auch, dass er nicht überreizen darf. "Eine dumme Bemerkung von mir, und es geht wieder ab wie Schmitz Katze", sagt er.

Wochen werden hart

Steinbrück hat viele Ideen - seine Hypothek ist aber oft, dass anderes eine Debatte darüber immer wieder verhindert. Beispiel: "Mir geht durch den Kopf, auch den Breitbandausbau auf dem Land über Genossenschaften zu beschleunigen", sagt Steinbrück. Teils sei die Internetgeschwindigkeit langsamer als in Rumänien - Unternehmer könnten sonst verstärkt in die Städte umsiedeln. Aber die Idee geht unter, weil etwa das Thema NSA und die SPD mehr interessieren.

Zum Schluss überreicht ihm der Bürgermeister im münsterländischen Saerbeck beim Kaffeetrinken noch eine Broschüre nach der anderen: zum Bioenergiepark, zu den 150 Meter hohen Windrädern, zu einem Stromspeicher und so weiter. Steinbrücks trockener Kommentar mit Blick auf über 100 Wahlkampftermine: "Herr Bürgermeister, es macht keinen Sinn, mir für die nächsten fünf Wochen Lesematerial zu geben."

Diese Wochen werden hart, das weiß er. Steinbrück verzichtet auf Alkohol, das hat ihm seine Frau geraten. Auf Norderney fragt ihn eine Zuhörerin: "Warum wollen Sie sich in Ihrem Alter noch den Kanzler antun?" Eine echte Antwort bleibt Steinbrück schuldig.

(dpa)