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Perlen des Videowahlkampfes: Marmelade schmeckt besser als Politik

Perlen des Videowahlkampfes : Marmelade schmeckt besser als Politik

Der deutsche Wahlkampf versucht immer professioneller zu werden. Unter anderem wird vermehrt auf eigens produzierte Videos gesetzt. Die CDU hat mittlerweile sogar ein eigenes TV-Studio. Aber nicht alle Filmchen sind gelungen. Besondere Perlen sehen Sie hier.

Den Anfang macht die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles mit ihrer Videokolumne "Auf die 12 mit Andrea Nahles", in der sie die amtierende Regierung auszählt. Mal tritt sie sprachgewaltig auf, mal kommt sie mit einem gewagten Outfit daher. Unser Highlight zeigt eine gewalttätige Nahles, wie sie auf einen Punchingball eindrischt, der symbolisch für die Idee der Großen Koalition steht. Blöd nur, dass so ein Punchingball nach einem Treffer nicht einfach zu Boden geht, sondern immer wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt. Das heißt womöglich: Schwarz-Rot ist durchaus ein Stehaufmännchen.

Es folgt der weibliche Teil des grünen Spitzenduos: Kathrin Göring-Eckardt. Die Grüne aus Thüringen, deren westdeutsche Lieblingsstadt Gelsenkirchen ist, war für einen Youtube-Clip mit dem Rad unterwegs. Nebenbei erzählt sie, wie sie in die Politik geraten ist. Während das eigentliche Video eher solide ist, findet sich der Höhepunkt im Making-of. KGE, wie sie von Freunden und Parteigenossen genannt wird, mimt den sterbenden Schwan und stürzt mit dem Rad, weil sie zu nah an der aufgebauten Kamera vorbeifährt. Das Hochladen dieses Videoschnipsels zeugt aber von Humor.

"Weil rot schmeckt gut" ist das Motto der SPD-Bundestagskandidatin Rebecca Hummel aus Reutlingen. Ein Marmeladenkochvideo soll als Beweis dienen, auch wenn das Internet noch nicht olfaktorisch oder gar gustatorisch unterwegs ist. Zweieinhalb Kilo Erdbeeren sind auf jeden Fall vonnöten. Gekocht wird übrigens zu karibischen Klängen. So geht lecker Wahlkampf.

Frau Hummel hat mit ihrem Soundtrack den musikalischen Grundstein gelegt. Doch jetzt wird es richtig wild. Michael Frieser, Bundestagskandidat der CSU, hat nämlich auf dem Ball der Union gesungen — gemeinsam mit so illustren Gestalten wie Markus Söder, bayerischer Finanzminister. Und da die CSU ja vor allem ein Altherrenverein ist, trugen sie "Männer in den besten Jahren" von den Höhnern vor. Eine Zeile ("Wir sind sensibel, können reden und auch schweigen") zeugt von einem sympathischen Hang zur Selbstironie.

Musikalisch geht es weiter — diesmal wieder mit der SPD und dem Bundestagskandidaten für den Wahlkreis Harz und Aschersleben: Mario Hennig. Dieser ist auf gutem Wege, der neue König des Popschlagers zu werden — mit politischem Tiefgang. Michael Wendler kann getrost einpacken. Four-to-the-floor mit lässigen Zeilen: "Wir haben die Idee, das ist die SPD!"

Und auch die Alternative für Deutschland ist musikalisch gut unterwegs. Nicht nur zeigen sie bei der Musikauswahl für ihre Wahlkampfspots Geschmack, sie haben auch eine eigene Wahlkampfhymne. "Wir geben nicht auf" heißt das Ding und fordert den Hörer vor allem dazu auf, nicht aufzugeben. Im dazugehörigen Clip betätigt sich Professor Bernd Lucke, der alternative Kopf, zusammen mit einer sehr positiven Frau mit Hut als Animateur.

Aber da ja anscheinend jeder einen Wahlkampfsong hat, hievt die Alternative ihre Videobemühungen auf das nächste Level und produziert sehr einseitige Nachrichten: Euro, Euro, Griechenland, Euro. Die Protagonisten gucken regelmäßig an der Kamera vorbei und posieren mit Tennisklamotten und Schläger im eigenen Garten. Sportlich.

Aber wer sich Alternative für Deutschland nennt, der kann dem User auch noch ein Kontrastprogramm zum digitalen Feuerwerk bieten: Handpuppen. In der Serie "Lucky und die Kanzlette" trifft die eine Kröte im Kanzlerinnen-Look auf einen smarten Hund namens Lucky. Kalauerhaft wird das Wahlprogramm abgearbeitet. "Muppetshow für schlichtere Gemüter", nannte das eine Welt-Journalistin.

(csi)