ARD-Wahlarena mit Angela Merkel: "Ich bin eine Herzens-Europäerin"

ARD-Wahlarena mit Angela Merkel : "Ich bin eine Herzens-Europäerin"

Endspurt im Wahlkampf: Am Montagabend war Angela Merkel in der ARD- "Wahlarena" in Mönchengladbach zu Gast und beantwortete die Fragen der Bürger. Zum Ende der Sendung wurde es unbequem für die Kanzlerin. Auf eine Frage aber hatte sie eine bemerkenswerte Antwort.

Angela Merkel hatte es nicht weit: Am Sonntag hatte sie eine flammende Rede im Düsseldorfer ISS-Dome vor über 7000 CDU-Mitgliedern gehalten, am Montagabend reiste sie rund 50 Kilometer weiter westlich nach Mönchengladbach-Wickrath, um sich in der WDR-"Wahlarena" den Fragen der Bürger zu stellen.

75 Minuten lang hatten die Menschen Zeit, der Bundeskanzlerin auf den Zahn zu fühlen und zu allen Themen zu befragen. Ein Teil der anwesenden Zuschauer wurde vom Meinungsforschungsinstitut "Infratest Dimap" ausgewählt. Sie bildeten einen Querschnitt der Bevölkerung. Der andere Teil hatte sich mit einer Frage beworben. Durch die Sendung führten Andreas Cichowicz (NDR) und Jörg Schönenborn vom WDR.

Merkel zum dritten Mal dabei

Das Konzept der Sendung ist einfach: Nach dem Prinzip der US-amerikanischen "Town Hall Meetings" kommen Wähler mit Politikern in informeller Runde zusammen und diskutieren aktuelle Themen. In Deutschland gibt es dieses TV-Format seit 2005. Merkel ist somit bereits zum dritten Mal vertreten.

Da sie die Bürger von ihrer Meinung und Haltung bestmöglich überzeugen möchte, versuchte die Kanzlerin, ihre Positionen in unterschiedlichen Politikfeldern verständlich zu erläutern. Der direkte Kontakt mit den Menschen schien ihr anfangs zu gefallen. Sie ging ein auf die Fragen der Menschen, hörte zu, hakte und fragte nach. Sie lächelte viel. Merkel trug einen roten Blazer und eine schwarze Hose, dieses Mal eine dezente Halskette.

"Ich gelobe Besserung"

Arbeitsmarkt, Bildungs-, Integrations- und Sicherheitspolitik, Wirtschaftskrise und Persönliches – die Menschen ließen kaum einen Themenkomplex aus. Die Sendung aber begann mit einer Frage aus dem Bereich Sport. Merkel sei ja eine begeisterte Fußballanhängerin und bei Männer-Weltmeisterschaften auf der Tribüne, sagte eine Frau. Warum nicht jetzt bei der Frauen-EM? "Ich war in Urlaub", antwortete Merkel. "Aber stets in engem Kontakt mit Nationaltrainerin Silvia Neid. Aber ich gelobe Besserung."

Was zu Beginn auffiel: Es menschelte mit Merkel. Gerade die Fragen zum Arbeitsmarkt schienen ihr am Herzen zu liegen. Ob Frauenquote oder die teils schwierigen Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter – Merkel fühlte mit und versprach einem Leiharbeiter von ThyssenKrupp aus Leipzig, sich seinem Problem anzunehmen. "Ich melde mich bei Ihnen."

Kanzlerin hat ein "weites Herz"

Der Polit-Profi verstand es, ihre Wahlkampf-Botschaften geschickt unters Volk zu streuen. Auf einen Zwischenruf aus dem Publikum, der Arbeitsmarkt habe sich in den vergangenen Jahren immer weiter fragmentiert, erklärte Merkel: "Wir sind bislang gut durch die Krise gekommen, dafür bewundert man uns international."

Stichwort EU-Krise: Wie sie denn mit den zahlreichen Fotos auf Titelseiten ausländischer Medien umginge, die sie in SS-Uniform zeigten, wollte eine Frau wissen. Die Kanzlerin hatte eine bemerkenswerte Antwort: Meinungsfreiheit sei eine gute Sache, selbst dann, wenn die Kritik nicht sachlich ist. "Man muss ein weites Herz haben. Ich habe es in der DDR anders kennengelernt."

EU-Zusammenhalt ist Merkel wichtig

Fast konnte der Zuschauer anfangs den Eindruck gewinnen, sie habe sich vorher überlegt, in jeder Antwort den Begriff "Herz" zu verwenden. Gleich bei der nächsten Frage ging es um die Spaltungstendenzen in Europa, und dass viele in der EU der Meinung seien, dass Merkel diese Auflösungserscheinungen der Wertegemeinschaft mit ihrer Politik verstärke. "Sie können mir eines glauben: Mein Herz schlägt für alle in Europa. Wenn alle anderen Länder wirtschaftlich schwach sind, werden auch wir schwach. Ich bin eine Herzens-Europäerin."

Anschließend sang sie, wie von einer Zuschauerin gewünscht, eine Lobeshymne auf die Mitarbeiter der Pflegebranche. "Meine wahren Heldinnen sind die Kinderbetreuerinnen, die Pflegekräfte. Denn das geht oft unter, weil sie nicht die stärkste Lobby in diesem Land haben."

Für den Polit-Profi wurde es unbequem

Je weiter die Sendung voranschritt, desto unbequemer aber wurde es für den Polit-Profi. Schon beim TV-Duell mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zeigte sie beim Thema NSA-Affäre Schwächen. Auch in Mönchengladbach wirkte sie unsicher, als sie die Frage einer Schülerin aus Niedersachsen gestellt bekam. Merkel stellte zwar vier Punkte vor, wie sie die Internet-Daten ihrer Bürger in Zukunft besser schützen wolle. Doch auf die Nachfrage der 16-Jährigen wirkte sie unsicher und stotterte.

Ebenso fahrig beantwortete sie die Fragen zum Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Sie wolle zunächst festhalten, dass sie gegen Diskriminierung ist. Ihre Regierung habe bereits einiges unternommen, um die Gleichstellung in vielen Lebensbereichen voranzutreiben.

"Was sind Ihre Gründe, Frau Merkel?"

"Ich tue mich aber schwer mit der völligen Gleichstellung. Ich werde keinen Gesetzentwurf einbringen, was das Adoptionsrecht betrifft." Doch der Mann, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, gab sich nicht zufrieden. "Nur, was sind Ihre Gründe, Frau Merkel?" "Es geht um die Frage des Kindeswohls. Ich tue mich schwer mit dieser Vorstellung. Ich bin unsicher, was das Kindeswohl betrifft." Mehr konnte (oder wollte) sie nicht sagen.

Zum Schluss durfte eine mögliche Intervention der USA in Syrien und die deutsche Position nicht fehlen. Deutschland betreibe ja eine auf Frieden und Dialog ausgerichtete Außen- und Sicherheitspolitik, stellte ein Zuschauer fest. Merkel erklärte: "In Syrien wird sich Deutschland unter keinen Umständen militärisch beteiligen."

Als Moderator Schönenborn erwähnte, die Sendung neige sich dem Ende zu, wirkte Merkel fast ein wenig erleichtert, als sie bemerkte: "Dann muss es wohl Teil zwei geben." Das wird es allerdings nicht. Am Mittwoch steht Herausforderer Peer Steinbrück den Bürgern Rede und Antwort.

(nbe)