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So viele Pflegekräfte fehlen im Gesundheitssystem

„Goldwaage“ Aufwacher-Spezial : So viele Pflegekräfte fehlen im Gesundheitssystem

Wir brauchen mehr Pflegekräfte in unseren Krankenhäusern und in der Altenpflege. Schon jetzt fehlt es an Fachkräften. Gleichzeitig steigt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen immer weiter an.

Im Wahljahr wollen die Bürger wissen, woran sie sind. Deshalb suchen wir uns die wichtigsten Aussagen der Parteien heraus und legen sie auf die Goldwaage: Wie realistisch ist das Programm, was bedeutet es für die Menschen? Darüber diskutieren wir mit Machern, Kritikern und Experten. Das Ergebnis können sie jeden Samstag bei uns im Aufwacher-Podcast als Spezialfolge hören und nachlesen.

Die These Gesundheit zählt zu den wichtigsten Themen im Politikbetrieb, in Corona-Zeiten zumal. Die Pandemie hat den Blick auf die hohe Belastung und schlechte Bezahlung des Pflegepersonals gelenkt. Das soll sich ändern, auch weil der Pflegebedarf unabhängig von Virenwellen steigen wird. Die große Koalition hat zuletzt doch noch eine Reform auf den Weg gebracht: Versorgungsverträge sollen ab September 2022 nur noch mit Pflegeeinrichtungen abgeschlossen werden dürfen, die nach Tarifverträgen oder in ähnlicher Höhe bezahlen. Die Höhe der Löhne müssen sich die Beschäftigten allerdings selbst erstreiten. Zur Entlastung von Pflegebedürftigen will der Bund ab 2022 jährlich eine Milliarde Euro in die Pflegeversicherung geben.

Der Plan Die Linke will hier nicht kleckern, sondern klotzen. 100.000 Pflegekräfte mehr in den Krankenhäusern, 100.000 weitere in den Pflegeheimen sowie 500 Euro mehr Grundgehalt, so lauten die Vorstellungen aus dem Parteiprogramm. Kathrin Vogler, Gesundheitsexpertin der Linken im Bundestag, hält zumindest 100.000 zusätzliche Stellen für das „absolute Minimum“. Was das Verhältnis von Pflegepersonal und Patienten im europäischen Vergleich angehe, befinde sich Deutschland an unteren Ende der Skala, argumentiert die Politikerin aus Emsdetten in NRW. Eine Ursache dafür, dass viele Pflegenden ihrem Beruf aufgrund der Arbeitsbelastung den Rücken kehren wollen, sei die Finanzierung der Krankenhäuser, die den tatsächlichen Bedarf nicht decke. „Wir wollen diese Aussteiger zurückgewinnen“, erläutert Vogler. Zum anderen müsse die Pflegestellenbemessung künftig gesetzlich vorgeschrieben werden. Die jüngste Pflegereform hält Vogler für einen Schritt in die richtige Richtung, doch führten Tariflöhne zu einem deutlichen finanziellen Mehraufwand für Menschen mit Pflegebedarf. Bis zu der von den Linken angestrebten Pflegevollversicherung müsse der Eigenanteil so gedeckelt werden, dass keine Mehrbelastung entstehe. Vogler hält einen Flächentarifvertrag für notwendig, um die Pflege nachhaltig zu verbessern, doch hänge dieser von den künftigen Mehrheitsverhältnissen ab. Versprechen könne Die Linke für die nächsten vier Jahre vor allem eins: Sie werde die Partei des Pflegeaufbruchs sein.

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Die Gegenrede Rudolf Henke ist allzu gerne bereit, solche Aussagen auf die Goldwaage zu legen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Aachen ist nicht nur Mitglied im Gesundheitsausschuss, sondern auch Präsident der Ärztekammer Nordrhein. Aus seiner Sicht macht sich die Linke selbst einen Strich durch die Rechnung, fordert sie doch zugleich eine Absenkung der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden. Bei knapp 600.000 Pflegekräften in den Heimen und rund 550.000 in den Krankenhäusern ergebe sich damit ein zusätzlicher Personalbedarf von rund 250.000 Stellen. Trotz massiver Aufstockung würden den Einrichtungen die Arbeitskraft von 50.000 Personen entzogen. Henke ist überzeugt, dass sich durch die 2020 von der großen Koalition beschlossene Qualifizierungsoffensive für die Pflegeberufe künftig mehr Menschen dafür entscheiden und dadurch auch die Löhne stärker steigen werden.

Die Einordnung Stellen in der Pflege rauf, Arbeitszeit runter- mit dieser Kritik an den Linken macht es sich der Ärztekammerpräsident dann doch etwas zu einfach, findet Julia Rathcke. Die Politikredakteurin der Rheinischen Post hält es für fair, beide Forderungen nicht zu vermischen. Festzuhalten bleibe dies: Wissenschaftliche Studien, etwa ein Gutachten der Uni Bremen, seien zu dem Schluss gekommen, dass aktuell tatsächlich 100.000 Pflegekräfte in Deutschland fehlen und der Bedarf noch steigen werde. Allerding müsse sich erst zeigen, ob der von Kathrin Vogler befürchtete „Pflexit“ von angekündigten Berufsausstiegen tatsächlich in dieser Dramatik eintreten werde. In der Krise sei die Situation emotional extrem aufgeladen. Und schließlich gehe es nicht allein um mehr Geld. In der ganzen Diskussion komme zu kurz, dass die Pflege ein Beruf sein, den viele gern ausübten, weil sie etwas Schönes zurückbekommen: Liebe, Dankbarkeit, Erfüllung. Dagegen müssten sich bei den aufreibenden Arbeitsbedingungen wie Schichtdienst, Nachtdienst Wochenendarbeit etwas tun. Rathckes Fazit: Die Erkenntnis, dass mehr Pflegekräfte notwendig sind, ist allgemeiner Konsens, das Problem drängend, der Weg, das Ziel zu erreichen, indes noch nicht durchdacht- etwa welches Stellen-Potenzial allein in der überfälligen Krankenhausreform liege. Sicher erscheine vorerst nur, dass die Pflege in Zukunft mehr Geld kosten werden, dass eine von den Linken angestrebte Pflegevollversicherung jedoch praktisch nicht zu bezahlen sei.

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