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Analyse: Die SPD verliert den Glauben an sich selbst

Analyse : Die SPD verliert den Glauben an sich selbst

Eigentlich will die SPD in den nächsten Tagen kräftig feiern. Am Samstag lädt die Partei anlässlich ihres 150-jährigen Bestehens zum "Deutschlandfest" vor das Brandenburger Tor. Bierzelt, Bratwürste und Popmusik stehen auf dem Programm. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hält eine Rede, am Sonntag liest er mit seiner Frau Gertrud aus dem Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Tausende Besucher werden erwartet. Und Sonnenschein.

Wenn da nur nicht diese schlechten Umfragewerte, die parteiinterne Diskussion über die Konsequenzen einer möglichen Wahlniederlage und die scharfen Worte des früheren Parteichefs Franz Müntefering wären. Gestern wurde eine Forsa-Umfrage für den Fernsehsender RTL und das Magazin "Stern" bekannt, nach der lediglich 33 Prozent der SPD-Anhänger glauben, dass ihre Partei die Probleme in Deutschland am besten lösen kann. Schwarz-Gelb kann demnach mit zusammen 45 Prozent der Stimmen knapp eine Mehrheit behaupten. Positiv immerhin für Steinbrück: Er kann seine persönlichen Werte steigern.

Groß ist die Verärgerung in der SPD dennoch über die Äußerungen von Franz Müntefering. Der 73-Jährige, der nicht erneut für den Bundestag antritt, hatte in der "Zeit" mit dem bisherigen Wahlkampf seiner Partei abgerechnet. "Der Start war misslungen. Mir standen die Haare zu Berge", so Müntefering. Die Partei habe den Kandidaten im Stich gelassen. In der SPD wird gemutmaßt, dass Müntefering mit der scharfen Kritik seine Widersacherin Andrea Nahles treffen wollte. Die derzeitige Wahlkampfchefin war 2005 bei der Wahl zur Generalsekretärin gegen den Vertrauten von Parteichef Müntefering, Kajo Wasserhövel, angetreten und hatte gewonnen. Müntefering trat zurück.

Seither ist das Verhältnis zerrüttet. In der Debatte um Korrekturen an der Agenda 2010 lagen beide über Kreuz. Nahles wirft Müntefering außerdem vor, dass er nach der desaströsen Wahlniederlage 2009 Frank-Walter Steinmeier ermuntert habe, rasch als neuer Fraktionschef anzutreten. Die Niederlage 2009 sei nie aufgearbeitet worden, kritisierte Nahles intern. Außerdem hasst die leutselige Rheinland-Pfälzerin die Hinterzimmer-Politik Münteferings. Dabei ist Nahles auf dem Gebiet informeller Verabredungen durchaus beschlagen.

Befremden über Münteferings Verhalten

So oder so: Dass der erfahrene Wahlkämpfer Müntefering mit seinen Äußerungen 39 Tage vor der Bundestagswahl vor allem Kanzlerkandidat Peer Steinbrück beschädigt, zu dem Müntefering eigentlich ein gutes Verhältnis pflegt, sorgt in der SPD für Befremden. "Wir sollten uns mit der Analyse des Wahlkampfes am 22. September ab 18.05 Uhr beschäftigen", sagt Johannes Kahrs, Sprecher des konservativen "Seeheimer Kreises", "nicht früher." Andere führende SPD-Politiker wählen im Hintergrund drastische Formulierungen, wollen dies aber nicht öffentlich tun.

Peer Steinbrück will sich von dem parteiinternen Sperrfeuer aber nicht irritieren lassen. Der 66-jährige Kanzlerkandidat wirkte zuletzt auf einer Wahlkampfreise in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen entspannt wie selten. Die öffentliche Kritik ebbe allmählich ab, haben seine Berater festgestellt. "Wir haben das Tal durchschritten. Jetzt geht es aufwärts", sagt ein Steinbrück-Berater. Große Hoffnungen setzt das Team auf Steinbrücks Schlagfertigkeit und Witz im TV-Duell gegen die Kanzlerin. Auch der Auftritt mit seiner Frau Gertrud soll helfen, den kühl wirkenden Finanzexperten als sympathischen Politiker darzustellen.

Und Franz Müntefering? Der soll kein Thema mehr sein. Dass NRW-Ministerpräsidentin und SPD-Vize Hannelore Kraft beim großen Fest an diesem Samstag ausgerechnet aus dem Kinderbuch "Neues vom Franz" vorlesen wird, soll wirklich nur ein dummer Zufall sein.

(brö)