Beobachtungen zur Wahlnacht: Das Schauspiel der Macht

Beobachtungen zur Wahlnacht : Das Schauspiel der Macht

Berlin (RP). Verlust und Gewinn politischen Einflusses gleichen einem Schauspiel. In Berlin war dies in den vergangenen Tagen zu besichtigen ­- in den Parteizentralen, den Gesichtern der Kandidaten und auf der Straße. Ein Versuch über die Frage: "Wo ist die Macht?"

Er steht da, der ganze Mensch ein abgehängtes Firmenschild. Er hat in der letzten Zeit gelebt, als ob sein Tag noch kommen sollte. Und nun, nach dem Einbruch des Jähen, nach dem Tod der Hoffnung durch die Zahl, erfährt er, dass dieser Tag bereits vorüber ist. Frank-Walter Steinmeier ist nicht mehr der Kandidat, die Hauptfigur in seiner Fiktion einer greifbaren Kanzlerschaft. Und bald ist er noch nicht mal mehr Außenminister. Er hat seinen guten Glauben verloren und vor allem: die Macht.

Aber wo ist die Macht? Man kann sie in diesen Tagen in Berlin nur erahnen, sie ist flüchtig, offenbart sich in Gesten, auch in einer Atmosphäre, einem Gefühl. Manchmal deutet eine Leerstelle an, dass es die Macht geben muss. Aber anderswo. Sicher nicht im Willy-Brandt-Haus. Teller werden am Montagmorgen abgeräumt und Gläser; eben noch feierliches Gedeck, nun überzähliger Plunder. Vor der SPD-Zentrale lauern Kamera-Teams auf prominente Politiker der Partei. Der Europa-Abgeordnete Martin Schulz geht auf und ab, er würde gern etwas sagen, aber niemand spricht ihn an. Die Parteilinke Andrea Ypsilanti hingegen wird bestürmt, wirkt jedoch gehetzt, winkt fahrig ab. Einzig NRW-Chefin Hannelore Kraft gelingt der Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Sie besucht die Kabinen der Sender im Foyer, gibt Interviews. "Hier bitte auch, Frau Kraft", heißt es. "Das geht ja Schlag auf Schlag", sagt sie. "That's the Game" antwortet ein Journalist.

Ein Spiel mit Verlierern und Gewinnern. Am Vorabend treten Steinmeier und der Parteivorsitzende Franz Müntefering hier auf, gestehen die große Niederlage ein. Steinmeier begrüßt die Versammelten mit "Meine Damen und Herren", erst dann schiebt er ein "Liebe Genossen" nach. Das rote Herz ist kalt. Frauen haben sich mit Accessoires in der Parteifarbe geschmückt: ­Täschchen, Haarspange, Pumps, einige Männer sehen aus wie der Dichter Ernesto Cardenal aus Nicaragua. Es sind viele junge Leute da, sie tragen Turnschuhe und T-Shirts, die Uniform des Prekariats. In großen Schüsseln wird Essen warm gehalten, aber kaum jemand greift zu, man muss sich erst Märkchen kaufen. Die Buchhandlung im Haus hat bis 20 Uhr geöffnet, sie heißt "Vorwärts". Auf einem Extra-Tisch liegen Titel zum Thema Sozialdemokratie. Sie heißen "Die Krise der SPD", "Wohin geht die SPD?", "Links neu denken?" und "Warum SPD?". Viele Fragezeichen.

Die große Statue von Willy Brandt streckt die rechte Hand in Richtung Steinmeier aus, es ist die des greisen Onkels, der mit seinen Geschichten und Schnurren beim Familientreffen nervt. Früher war alles besser. "Wir sind keine Partei von vorgestern", ruft Steinmeier, der nicht auf Brandt achtet. Eine Reporterin memoriert leise für sich den Text der gleich fälligen Anmoderation: "Die schlimmsten Prognosen haben sich bewahrheitet." Es ist der Tag, als heute noch nicht morgen ist.

Dennoch ist die neue Welt mit anderen Möglichkeiten längst aufgegangen. Bei der FDP tanzen sie bis um drei in der Nacht. Sie haben eine Plakatwand mit der Aufschrift "Danke, Deutschland" aufgestellt. Es sind hautsächlich junge Kerle, sie tragen Anzug oder feine Jacke zur Jeans. In ihren Autos umkreisen sie wenige Stunden zuvor hupend das Hauptstadtstudio der ARD, schwenken gelbe Fahnen aus den Fenstern. Aus den Begeisterten bricht die Sehnsucht nach Unbesonnenheit heraus, das gemeinschaftliche Bedürfnis, mit etwas Veraltetem aufzuräumen und neue Städte zu bauen. Als Guido Westerwelle das Fernsehstudio lange nach Ende der Elefantenrunde verlässt, zum BMW mit dem Kennzeichen B-GW 2009 schreitet, mit der einen Hand lässig das Sakko schließt, mit der anderen winkt, jubeln sie ihm zu. Er lässt sich Zeit mit dem Einsteigen, sein Gesicht strahlt im Blaulicht, das man auf das Dach der Limousine gesetzt hat. Ein König der Zwischenzeit.

Wo ist die Macht? Während Steinmeier und Müntefering am frühen Abend allein vor den Mikrofonen stehen, schart Westerwelle im FDP-Hauptquartier die Vielen um sich. Während die einen das gesprochene Wort nicht mehr vom Denken lösen können, die rhetorische Tarnung aufgeben und den still vor ihnen Versammelten persönlichen Schmerz verraten, bewahren die anderen die Haltung, kaschieren die Freude, modulieren das zu Sagende aufs Kommende hin. Sie unterdrücken den Jubel der Anhängerschaft, sprechen ins Blitzlichtgewitter von Verantwortung für das Land. Bilder des Gescheitertseins und der Gescheitheit.

Als am Wahlabend um 18 Uhr erste Ergebnisse über die gewaltige Leinwand am Reichstag verkündet werden, buhen oder jubeln die paar Tausend zum Public Viewing Versammelten. Das sind intensive Gefühle, stille Freude und wütender Ekel. Ein Mann übermittelt seiner Freundin, die im Zug sitzt, die Prognose per Handy. Die Bahn gebe die Ergebnisse der Sonntagsspiele in der Fußball-Bundesliga durch, klagt sie, aber nicht die der Bundestagswahl.
Dabei liegt der Vergleich mit dem Sport zumindest an diesem Ort nicht so fern. Es ist ein bisschen, als warteten die Menschen nun, drei Jahre nach der Fußball-WM, auf den Ausgang eines Spiels, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf geheimem Platz stattfindet. Nur die Zahlen, nicht der Verlauf werden am Ende bekannt. Es scheint, als sei das Ergebnis eine systemabhängige Größe, die sich einzig aus diesem Tag ergibt, ebenso wie der endgültige Spielstand aus den 90 Minuten nach dem Anstoß. Ein Mann mit Gitarre singt: "Liebe heißt nicht, sich aufzugeben / Jeder lebt das eigene Leben."

Bei der CDU stehen zur selben Zeit die Partygäste Schlange, über 200 Meter bestimmt. Die meisten sind gekleidet, als kämen sie vom Nachmittagstee mit Sir Simon Rattle: Kleider, Roben, blank geputzte Schuhe - Arbeitgeber-Kluft. Wer endlich drin ist, geht in zum Schlauch verbundenen Zelten über den Landwehrkanal Richtung Adenauer-Haus. An den Seiten reihen sich Fernseher, darunter Stände mit Getränken, Kuchen und warmes und kaltes Buffet. Hier muss niemand bezahlen. Später hört man, Merkel telefoniere mit Obama und Sarkozy. Der Künstler HA Schult spielt mit wirrem Haar den bunten Vogel. Merkel eine das Volk, sagt er. Er kommt vor lauter Interviews nicht zum Essen. Die Feiernden sind umzingelt von Journalisten aus aller Welt, an Laptops und per Handys, durch Kabel und über Satellit senden sie Zahlen und Informationen von der Wahlparty. Vielleicht nimmt man im Weltraum ein besonders intensives Summen über Berlin wahr.

Auch am nächsten Morgen warten schon früh Kamerateams am Adenauer-Haus. Um 11 Uhr tagt der Bundesvorstand der CDU, mehr als zwei Stunden vorher treffen wichtige Politiker ein. Sie könnten sich unerkannt in die Tiefgarage fahren lassen. Aber sie bitten die Fahrer, zu halten, steigen aus und reden in die Mikrofone. Die Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und Roland Koch, die Spitzenkandidatin aus Brandenburg, Johanna Wanka. Die meisten bemühen sich um ernste Gesichter, einige lächeln. "Da kommt wieder einer", sagt ein Kabelträger. "Wer isses?", fragt die Moderatorin. "Weiß nicht. Ach, doch. Geil, es ist der Wulff!"

Vor den ARD-Studios kommt am Wahlabend Angela Merkel an. Sie wird von einer großen Entourage begleitet, drei Autos voll mit Menschen. Es ist eine Choreografie: Merkel steigt aus und wartet kurz. Wie Eisenspäne am Magnet ordnen sich Mitarbeiter und Leibwächter in ihrem direkten Umfeld. Im Gleichschritt ziehen sie vor. Ulrich Deppendorf, Leiter des Haupstadtsudios, begrüßt die Bundeskanzlerin persönlich vor der Tür, geleitet sie hinein.
Gegenüber im Bundestag ist der Plenarsaal leer. Der Bundeswahlleiter steht da, es läuft Radio, Deutschlandfunk. Sie spielen "Angie" von den Rolling Stones. Touristen drücken auf dem Weg zur Reichstagskuppel ihre Nasen an die Scheiben. Viele sind es nicht mehr. Das Personal, das die Taschen der Gäste kontrolliert, geht gleich nach Hause. Im Auge des Orkans ist es ruhig, niemand zuhause im Zentrum der Macht.

Aber wo ist die Macht? Und wie kann man sich einen Reim auf ihren Gestaltwandel machen, der sich für einige abrupt, für die meisten bedeutungsschwer vollzogen hat? Am frühen Montagmorgen verkauft ein gut aufgelegter Bote Zeitungen vor dem Lokal "Ständige Vertretung". Er bekommt viel Trinkgeld, denn er hat sich ein holpriges Gedicht ausgedacht, mit dem er seine Ware bewirbt: "Am Sonntag sprang die Merkel aus der Kiste / In der Hand ne dolle Liste. / Macht hier eure Kreuze, sprach sie, bittebitte / Und alle fragten: Wat is'n ditte? / Aber dann gaben wir's Kreuzchen und den Guido noch dazu / Heut' ist die Kiste wieder dicht und für die nächsten Jahre Ruh'."

Hier geht es zur Infostrecke: Bundestagswahl 2009: Reaktionen

(RP)
Mehr von RP ONLINE