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Bundestagswahl 2021in Aachen: Armin Laschet & Angela Merkel - Buh-Rufe & Printen-Herzen

Laschet und Merkel in Aachen : Buh-Rufe und Printen-Herzen

Armin Laschet bekommt auf den allerletzten Wahlkampfmetern noch einmal Schützenhilfe von der Bundeskanzlerin. Die Zuschauerreaktionen in Laschets Heimatstadt Aachen zeigen aber eindrücklich, wie vergiftet das Klima in der Gesellschaft ist.

Vor dem Backwarengeschäft Nobis Printen in der Aachener Kappellenstraße hat sich an diesem Samstagvormittag eine ungewöhnliche Menschenmenge zusammengefunden. Zahlreiche Schaulustige stehen mit einigem Abstand zum Ladenlokal, blicken aber wie hypnotisiert ins Schaufenster. Es wird getuschelt, einige filmen mit ihrem Handy das Printengeschäft. Wer noch Zweifel hatte, dass dort gerade Prominenz weilt, wird spätestens von den grimmig dreinblickende BKA-Beamten und den schwer bewaffneten Polizisten vor der Tür überzeugt, die die Menschen auf Distanz halten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auf den allerletzten Metern des Wahlkampfs in den Heimatort von Kanzlerkandidat Armin Laschet gekommen. Nobis liegt nur einen Steinwurf vom Abteiplatz im beschaulichen Stadtteil Burtscheid entfernt, in dem auch die Familie Laschet lebt. Da lohnt ein Abstecher in ein Geschäft mit der weltberühmten Aachener Spezialität, ehe es zu den Klängen der Black Eyed Peas („I got a feeling that tonight's gonna be a good night“ – „Ich habe das Gefühl, dass heute Abend großartig wird“) auf die Bühne geht. Ganz offiziell hatte die CDU ihren Abschluss ja am Vortag auf dem Nockhernberg begangen. Aber was soll’s? Laschet muss alles versuchen, um das Blatt noch auf den letzten Metern zu wenden. Was käme da gelegener als ein Heimspiel und ein bisschen Sonnen im Schatten der beliebten Kanzlerin.

Doch die Veranstaltung ist alles andere als ein Heimspiel für Laschet. Unter die zahlreichen CDU-freundlichen Besucher auf dem Abteiplatz haben sich politische Gegner gemischt. Klimaschutzaktivisten, die noch in Protestlaune vom weltweiten Aktionstag am Freitag sind, halten Schilder hoch mit Sprüchen wie „Armin, Klimaschutz heißt nicht würfeln“ oder „Wo ist Eure Klimapolitik?“. Genauso sind Mitglieder der Querdenker-Szene und Anhänger der ihr nahestehenden Partei Die Basis da. Dazu noch eine einsame Sozialdemokratin, die wacker eine rote Parteiflagge hochhält – zwischenzeitlich verkehrtherum, weil ein CDU-Anhänger sie erst angeblafft und dann versucht hatte, ihr die Flagge zu entreißen. In der Aufregung steht das SPD-Logo nun also auf dem Kopf.

Merkel lobt in ihrer gut zehnminütigen Rede Laschets Europabegeisterung, spricht über das Gestalten der Zukunft und die Eigenverantwortung der Menschen. Eine ältere Dame, die sich zwischenzeitlich auf ihren Rollator setzt, um den Ausführungen der Kanzlerin zur Klimaneutralität ab 2045 zu lauschen, wirft den Studenten, die laut „viel zu spät“ rufen, Blicke zu, die töten könnten, erhebt sich dann demonstrativ von ihrem Rollator und klatscht besonders laut bei jeder Aussage Merkels, weitere giftige Blicke in Richtung Jugendlichen inklusive.

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Als Merkel auf die Zielgeraden ihrer Rede einbiegt und die Menschen auffordert, ihre Zweitstimme für die CDU abzugeben, „damit Armin Laschet Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden kann“, schallen laute Buh-Rufe und Pfiffe über den Platz. Ein Rentner und augenscheinlich Laschet-Anhänger, der vor einem Café sitzt, attackiert daraufhin ohne aufzustehen eine Frau mit seinem Stock, weil sie es gewagt hatte mit zu buhen. Von sonniger Stimmung an diesem sonnigen Samstag keine Spur.

Laschet, der sonst oft das Etikett Brückenbauer angeheftet bekommt, versucht deshalb gar nicht erst, versöhnlich zu erscheinen. Es gelte, das Erbe von 16 Jahren Angela Merkel fortzuführen, sagt er und deutet es als gutes Zeichen, dass Merkel nach Burtscheid gekommen ist. Sie sei auch am Tag vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten an gleicher Stelle gewesen. Und auch damals seien die Umfragen schwankend gewesen. Dann setzt er zur Attacke an:

Wer könne das Erbe am besten fortführen, will er wissen „Da sage ich Euch klipp und klar: Glaubt jemand, Rot-Rot-Grün wird das können?“ Zahlreiche „Ja“-Rufe schallen daraufhin Laschet entgegen. „Das waren 23 Leute, die das glauben. Der Rest der Deutschen glaubt das nicht.“ Bei jedem europäischen Einigungsschritt hätten die Linken mit nein votiert. „Ich will nicht, dass die Linken in der nächsten Bundesregierung sitzen“, ruft er und jetzt jubelt die CDU-Anhängerschaft. Laschet fordert Scholz erneut auf, ein Bündnis mit der Linken auszuschließen, so wie es die Union mit der AfD tue. „Olaf Scholz eiert da rum. Und Kevin Kühnert ist kein hoher Juso, sondern der stellvertretende Parteivorsitzende der SPD.“ Laschet erinnert an ein Interview Kühnerts mit unserer Redaktion, in dem gesagt hatte, Lindner sei ein Luftikus, das FDP-Programm sei Murks. „Damit ist klar: Der will keine Ampel. Die bereiten andere Bündnisse vor: nämlich Rot-Rot-Grün.“

Laschet verweist auf Kühnerts Vorschlag, die Koalitionsfrage per Mitgliederentscheid zu klären: „Nun weiß Olaf Scholz, was Mitgliederentscheide zur Folge haben können“, giftet Laschet in Anspielung auf dessen Niederlage bei der Bewerbung um den SPD-Parteivorsitz. „Deshalb sage ich, um in deren Sprache zu sprechen: Völker höret die Signale!“ Wer Stabilität wolle, müsse die CDU auf Platz eins wählen.

Vor allem an der SPD arbeitet sich der CDU-Kanzlerkandidat ab. Es ärgere ihn, „wenn man über 50 Jahre lang die Kohlepartei schlechthin ist und jetzt so tut, als sei man an der Spitze der Umweltbewegung. Das ist nicht seriös.“ Doch auch die Grünen bekommen natürlich ihr Fett weg: „Verbote treiben keine Innovationen. Ein Ziel treibt Innovationen. Wir setzen auf kluge Köpfe und nicht auf Bevormundung.“ Sowas kommt in einer Universitätsstadt wie Aachen natürlich gut an.

Zum heftigsten Angriff setzt er zum Ende der Rede an, als er den Attentäter des Berliner Weihnachtsmarktes, Anis Amri, erwähnt: „Ein Mann mit 13 Identitäten reist quer durch das Land, schreibt E-Mails, er wolle im Namen seiner Religion töten.“ Amri sei dauernd vom Verfassungsschutz beobachtet worden. „Jeder kannte ihn, jeder wusste Bescheid über ihn. Und Rot-Grün hat uns erklärt: ,Wir können nichts machen. Der ist ja nur ein Gefährder. Der hat ja noch nichts gemacht.‘ Ja, muss man denn warten, bis ein Terroranschlag passiert?“

Angesichts eines solchen Sounds bleibt bei dem Auftritt das Gefühl zurück, dass er ähnlich rumplig und giftig wie der gesamte Wahlkampf war. Dann wird es aber noch versöhnlich: Während die Junge Union im Publikum zur Melodie des White-Stripes-Songs „Seven Nation Army“ skandiert „Armin Laschet wird Kaaaaaaanzler“ bringen Kinder überdimensionierte Printenherzen für Merkel und Laschet auf die Bühne. Womöglich eine gute Ergänzung zum vorangegangenen Besuch bei Nobis Printen.