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Bundestagswahl 2021: Wahlparty der SPD - „Der nächste Kanzler heißt Olaf Scholz“

Wahlparty der SPD : „Der nächste Kanzler heißt Olaf Scholz“

Erstmals nach 16 Jahren hofft die SPD an einem Wahlabend wieder auf das Kanzleramt. Trotz eines Kopf-an-Kopf-Rennens mit der Union macht Olaf Scholz deutlich, dass er Angela Merkel beerben will. Aber kann er Grüne und FDP dafür gewinnen?

Olaf Scholz lässt sich Zeit. Zu knapp sieht der Abstand zwischen seiner SPD und der Union aus. Der Kanzlerkandidat wartet oben im sechsten Stock der Parteizentrale, bis die ersten belastbaren Hochrechnungen da sind – und sein Konkurrent, Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU), aufgetreten ist. Um kurz nach 19 Uhr ist es endlich soweit. „Olaf, Olaf“-Sprechchöre schallen durch das Willy-Brandt-Haus. Ausgerechnet für den Mann, den die Partei vor zwei Jahren nicht mal als Vorsitzenden haben wollte.

Jetzt steht Scholz mit breitem Grinsen neben seiner Frau Britta Ernst auf der Bühne und wird gefeiert. Scholz winkt, bedankt er sich bei den Wählern, die der SPD ein starkes Comeback beschert hätten. Obwohl der endgültige Wahlausgang offen ist, beansprucht Scholz – wie zuvor Laschet – den Auftrag für eine Regierungsbildung für sich. Die Bürger hätten sich für einen Regierungswechsel entschieden – und „dass der nächste Kanzler dieses Landes Olaf Scholz heißt“, so der 63-Jährige. Die SPD werde mit Pragmatismus, Zuversicht und Geschlossenheit in Sondierungsgespräche gehen.

Nach einem Interviewmarathon gönnt sich Scholz ein paar Schlucke Bier. Danach fährt er ins Studio zur „Elefantenrunde“ von ARD und ZDF. War es ein Fehler, dass Scholz eine Koalition mit der Linkspartei nicht ausgeschlossen hat? Hat das Laschet beim Schlussspurt geholfen? „Glaube ich nicht“, antwortet Scholz knapp. Koalitionsverhandlungen will er nicht im Fernsehen führen. Dass erstmals drei Parteien koalieren werden, findet Scholz nicht so bemerkenswert. Die Verhandlungen will er vor Weihnachten oder früher abschließen: „Mein Ehrgeiz ist, dass wir es schneller hinkriegen.“ Ob er das halten kann? Interessant ist, dass FDP-Chef Christian Lindner nicht auf eine Einladung von Laschet und Scholz für erste Gespräche warten, sondern zuerst mit den Grünen beraten will. 

SPD-Chefin Saskia Esken, die Scholz den Vorsitz wegschnappte, traut dem Kanzlerkandidaten inzwischen viel zu. „Dies ist dein Erfolg, Olaf!“ Für die Sozialdemokratie sei es ein „historischer Abend“, meint Esken. Die Frau, von der Union als linkes Schreckgespenst dargestellt, sieht die Geschlossenheit der SPD maßgeblich als ihr Verdienst. Esken will sich im Machtpoker nicht unter Wert verkaufen. Wird sie Ministerin, bleibt sie Parteichefin?

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Ein Architekt des Erfolgs ist aber auch Generalsekretär Lars Klingbeil. Ihm verdankt die SPD eine Kampagne ohne große Fehler und eine Rückkehr aus der 15-Prozent-Bedeutungslosigkeit. „Wir wussten immer, dass es ein enges Rennen wird. Wir wussten, das wird ein knapper Wahlkampf“, sagt Klingbeil: „Aber ganz klar ist: Die SPD hat den Regierungsauftrag. Wir wollen, dass Olaf Scholz Kanzler wird.“ Nebenbei gewinnt Klingbeil, der einst als Büro-Hiwi bei Gerhard Schröder anfing, in Niedersachsen sein Direktmandat.

Dennoch gibt es auch viele nachdenkliche Gesichter bei der SPD. Viele hatten auf einen größeren Vorsprung zur Union gehofft. Mehrere Jusos auf der Wahlparty sind enttäuscht, dass es für ein Linksbündnis aus SPD, Grünen und Linken wohl keine Mehrheit gibt. Für Scholz ist das strategisch eine Schwächung gegenüber den  Liberalen. Lindner muss keine Sorge haben, dass Scholz ihn mit einem Linksbündnis unter Druck setzen kann.

Für die Sozialdemokratie ist es trotz des knappen Ausgangs auf Bundesebene aber ein durchaus glänzender Wahlsonntag. Im Fußball wäre es ein Triple, wenn auch knapp. Mit den Zugewinnen im Bund, dem schmalen Vorsprung in Berlin und dem fulminanten Sieg in Schwerin zeigt die oft totgesagte Volkspartei, dass sie lebt und gewinnen kann. Olaf Scholz, Franziska Giffey, Manuela Schwesig – alle Drei stehen für einen pragmatischen Mitte-Kurs mit nur moderatem Linksdrall. Das dürfte Parteilinken wie Esken und Kevin Kühnert zu denken geben. Für Scholz wird das in den kommenden Wochen und Monaten in den Koalitionsverhandlungen wichtig werden. Er braucht intern Beinfreiheit, um überhaupt Kanzler zu werden.

Die SPD-Linken haben im Wahlprogramm einige Pflöcke wie höhere Spitzensteuer, Reaktivierung der Vermögensteuer, höhere Erbschaftsteuer und Abschaffung des Soli für Spitzenverdiener eingeschlagen. Soll eine Ampel mit der FDP möglich werden, muss Scholz seine Partei davon überzeugen, dass nicht alles aus der linken Wundertüte Realität werden kann. Esken und Kühnert haben sich im Wahlkampf extrem geschmeidig gezeigt. Lassen sie nun Scholz freie Hand, um den Weg ins Kanzleramt zu bauen? Scholz weiß, dass Lindner hohe Preise für eine Ampel-Koalition verlangen wird. Das Bundesfinanzministerium ist Lindners erklärtes Ziel, doch dabei wird er es nicht belassen. Soviel ist sicher.

Schwesigs Einfluss in der Bundespartei wird mit diesem Traumergebnis indes wachsen. „Dieses Votum ist ein ganz klarer Vertrauensvorschuss für Olaf Scholz als künftiger Kanzler“, sagt sie am Abend in Schwerin. Sie wird bereits als mögliche Parteichefin gehandelt. Schwesig wiegelt derzeit ab. Sie sei eine starke Stimme in der SPD und werde dies auch bleiben.

Um den ersten Spitzenposten geht es bereits an diesem Mittwoch. Dann wird ein Fraktionschef gewählt. Nach Informationen unserer Redaktion zeichnet sich ab, dass Rolf Mützenich wieder antreten will und zunächst wiedergewählt werden könnte. „Rolf Mützenich ist ein großartiger Fraktionsvorsitzender“, sagt Scholz am Abend. Wird die SPD stärkste Kraft, könnte sie außerdem dem Bundestagspräsidenten stellen und Wolfgang Schäuble ablösen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Jubel bei der SPD im Willy-Brandt Haus