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Bundestagswahl 2017 - AfD in Sachsen: Mein Herz blutet

Abschneiden der AfD im Freistaat : Mein sächsisches Herz blutet

Unsere Autorin ist Sächsin und stolz darauf – eigentlich. Doch seit Sonntagabend blutet ihr das Herz. Die AfD ist – wenn auch sehr knapp – stärkste Kraft geworden. Der Rest der Republik fragt sich, was da schief läuft. Ist wirklich alle Hoffnung verloren?

Unsere Autorin ist Sächsin und stolz darauf — eigentlich. Doch seit Sonntagabend blutet ihr das Herz. Die AfD ist — wenn auch sehr knapp — stärkste Kraft geworden. Der Rest der Republik fragt sich, was da schief läuft. Ist wirklich alle Hoffnung verloren?

Ich lebe seit vielen Jahren in NRW, aber meine Heimat trage ich im Herzen. Ich sage voller Stolz, dass ich Sachse bin, spiele gern mit dem ach so häufig belächelten Dialekt oder mit manchem Vorurteil, das es gegen Ostdeutsche gibt. Am Ende habe ich oft die Lacher auf meiner Seite — und hoffe so, ein Stück zu mehr Verständnis beigetragen zu haben. Umgedreht muss ich aber, wenn ich daheim bin, genauso für die Westdeutschen werben.

Was mich traurig macht: Es fällt mir zunehmend schwer, zu erklären, warum Sachsen ein so tolles Bundesland ist. Schließlich bekommen die Menschen hierzulande vor allem dies mit: "Pegida", Fremdenhass in Freital, Clausnitz und Bautzen, nun eine rechtspopulistische Partei, die stärkste Kraft geworden ist. Auf Twitter kursierten am Wahlabend Sprüche wie "Sachsen einmauern" oder abgeben oder sogar abfackeln. Dass meine Heimat so wahrgenommen wird, tut mir in der Seele weh.

Wie soll man dem Rest der Republik erklären, dass da eine Partei stärkste Kraft geworden ist, deren Mitglieder nicht davor scheuen, am Wahlabend davon zu sprechen, die neue Regierung "jagen" zu wollen?

Ja, nicht allein Sachsen hat zum Erfolg der AfD beigetragen. Ja, auch in NRW hat die AfD viele Stimmen bekommen. Doch zwischen 16,9 Prozent in Gelsenkirchen und mehr als 40 Prozent in 24 sächsischen Gemeinden liegt ein himmelweiter Unterschied. Auch der Verweis darauf, dass die Mehrheit eben nicht die Rechtspopulisten gewählt hat, kann dieses Ergebnis nicht schön reden.

Doch die Sachsen deshalb nun zu verteufeln oder auszulachen, führt in die falsche Richtung. Vielmehr sollten wir genauer hinhören. Viele Menschen dort und generell in den neuen Bundesländern mussten nach der Wende den Verlust ihres Arbeitsplatzes hinnehmen, fühlten sich über den Tisch gezogen und nie wirklich in der Bundesrepublik angekommen. Das sitzt bei vielen bis heute tief.

Das zeigte sich auch in den vergangenen Wahlen, als trotz der Erfahrungen mit dem DDR-Regime die Linke von vielen Menschen gewählt wurde. Selbst wenn es heute vielen in Sachsen wirtschaftlich gut geht, sie Urlaubsreisen in ferne Länder unternehmen oder ein Haus gebaut haben, gefühlt hat sich für sie seit der Wende nichts oder kaum etwas verbessert. Dabei hat das Land erst im Mai ein neues Rekordtief bei der Arbeitslosigkeit erreicht (6,6 Prozent). Seit dem Jahr 2000 bis März 2017 ist die Wirtschaft um 26,7 Prozent gewachsen — das zweitstärkste Wachstum unter allen Bundesländern.

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Aber die Menschen fühlen sich immer noch missverstanden. Auch heute, am Tag nach der Wahl. Und genau das macht mich wütend. Sachsen steht gut da, manch anderes ostdeutsches Bundesland hat weitaus schlechtere Daten vorzuweisen. Nicht nur sollten die anderen mehr zuhören, sondern die Sachsen auch aufhören, in der Vergangenheit zu leben. Sie sollten nicht nur die Vorteile der Demokratie annehmen, sondern auch das System akzeptieren, das ihnen genau diese Vorteile gebracht hat.

Warum aber Sachsen und nicht Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern? Seit der Wende haben die Sachsen kontinuierlich CDU gewählt, anfangs sogar mit absoluter Mehrheit. Diese CDU hat rechtsradikale Tendenzen im Land jahrzehntelang unterschätzt und klein geredet, sodass sich diese weiter ausbreiten konnten. So sagte Ministerpräsident Kurt Biedenkopf einst, Sachsen sei gegen Rechtsextremismus immun. Dass dem nicht so ist, wissen wir nicht erst seit Freital, Clausnitz oder Bautzen.

Die CDU mag sich selbst in Sicherheit gewogen haben angesichts der Wahlergebnisse der vergangenen Jahrzehnte. Man hatte sich häuslich im Dresdner Regierungssitz eingerichtet und so die Ängste, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen im Land über Jahre vernachlässigt. Das hat sich nun gerächt. Die AfD stieß genau in dieses Vakuum, mit Parolen, die jeder nachvollziehen kann. Und sie schürte die Angst vor dem Fremden, den Flüchtlingen. In einer Gesellschaft, die eben Multi-Kulti nicht kennt, so gering ist der Ausländeranteil etwa im Vergleich zu NRW.

Der Nährboden für rechtes oder rechtspopulistisches Gedankengut war da schon längst gelegt, und genau deshalb mag es für viele Sachsen völlig normal gewesen sein, aus Protest eine rechtspopulistische Partei zu wählen — auch wenn das in den alten Bundesländern nur schwer zu verstehen ist.

Auch für mich ist das nur schwer zu verstehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen viele Freunde und Bekannte aus Ländern wie der Türkei, Spanien oder Tunesien habe — anders als damals, als ich noch in Sachsen lebte. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon zu lange weg bin von der Heimat.

Und trotz allem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass Sachsen irgendwann nicht mehr als der "rechte Rand der Republik" wahrgenommen wird. Diese Hoffnung machen mir die vielen Freunde in Sachsen, die sich einsetzen gegen Intoleranz und für Flüchtlinge, die vielen Initiativen, die sich für ein weltoffenes Bundesland einsetzen. Und letztlich ist da noch ein Fünkchen Hoffnung, dass die regierende sächsische CDU, die selbst sehr häufig am rechten Rand fischt, endlich aufwacht und nicht mehr weghört, wenn es um Fremdenhass geht. Denn ich möchte auch weiter voller Stolz sagen können: Ich bin Sächsin.

(das)