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Brigitte-Talk mit Annalena Baerbock: Sich nicht beirren lassen

Kanzlerkandidatin beim „Brigitte Talk“ : Annalena Baerbock will sich nicht beirren lassen

Die Grünen-Kanzlerkandidatin verrät beim „Brigitte Talk“ der Frauenzeitschrift viel Privates, doch beim heiklen Thema der jüngsten Plagiatsvorwürfe lässt sie sich nicht auf eine Diskussion ein. Trotz aller Angriffe wolle sie sich treu bleiben, sagt die 40-Jährige.

Liegt Schokolade im Kühlschrank, muss sie einfach zugreifen. Bei Stress bekommt sie manchmal kleine Bläschen an den Fingern. Sie wäre gern ein bisschen größer, deshalb immer die hochhackigen Schuhe. Und mit Schlagern kennt sie sich sehr gut aus. „Atemlos“ von Helene Fischer sei bei ihr zuhause ein großer Hit. Aber sie mag auch „Über sieben Brücken musst du gehen“. Doch hebt sie selbst zu einem Lied an, so rufen ihre beiden kleinen Töchter: „Mama, sing nicht!“ Im Singen sei sie einfach nicht gut.

Man erfährt viel Privates über Annalena Baerbock bei diesem ersten „Brigitte Talk“ am Donnerstagabend vor coronabedingt fast leeren Rängen im Berliner Astor Film Theater. Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ hat die Grünen-Kanzlerkandidatin zu einem einstündigen Gespräch eingeladen, bei dem es vor allem um den Menschen Annalena Baerbock geht, weniger um die Politikerin.

Die Grünen-Vorsitzende hat im weinroten Kleid und hohen Schuhen zwischen Chefredakteurin Brigitte Huber und der Ressortleiterin Zeitgeschehen, Meike Dinklage, Platz genommen. Es ist der erste öffentliche Auftritt der 40-Jährigen nach den Plagiatsvorwürfen eines österreichischen Medienwissenschaftlers in dieser Woche. Baerbock soll in ihrem gerade erschienenen Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ an einigen Stellen abgeschrieben haben. Der Plagiatsjäger hat mithilfe eines Computerprogramms mehrere Textstellen herausgefiltert, in denen Fakten dargestellt werden und die so ähnlich auch bei Wikipedia oder anderen Quellen zu finden sind. Urheberrechtsverletzungen kann er ihr nicht nachweisen, weil sie kein wissenschaftliches, sondern ein politisches Buch geschrieben hat. Die Grünen haben die Vorwürfe scharf zurückgewiesen und von „Rufmord“ gesprochen.

Huber und Dinklage wollen nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und das heikle Thema schon zu Beginn ansprechen. Erst einmal kann Baerbock jeweils zwischen zwei Begriffen wählen, danach richten sich dann die Fragen. Frauen oder Männer? Baerbock entscheidet sich für Frauen, weil sie selbst eine Frau ist. Die Journalistinnen wollen wissen, ob sie Diskriminierung als Frau erfahre, auch jetzt im Wahlkampf. Baerbock will das zwar nicht generell bestätigen, sagt aber: „Ich spüre, dass ich für manche eine Zumutung bin, weil ich als 40-jährige Frau als Kanzlerkandidatin antrete.“ Sie habe damals als 18-Jährige gedacht, die Gleichberechtigung wäre schon erreicht, aber später festgestellt, dass es nicht so war. „Es gibt heftigste Angriffe jetzt auch“, sagt sie. „Bei Frauen gibt es immer noch eine zusätzliche Angriffsebene, da wird plötzlich die Stimme zu schrill oder das Kleid zu lang.“ Das Wichtigste sei ihr trotz alledem, sich selbst treu zu bleiben und sich nicht beirren zu lassen.

Reden oder schweigen, lautet das nächste Begriffspaar der Journalistinnen. Für Baerbock ist klar: Reden! „Kind, rede langsam“ soll ihre Oma zu ihr gesagt haben. Aufgewachsen sei sie mit zwei Schwestern und zwei Cousinen. Wenn alle am Tisch saßen, habe man sich durchzusetzen gelernt. Und ja, nach ihrer Wahl zur Parteichefin vor zwei Jahren habe sie ein Atemtraining gemacht, um besser sprechen zu lernen. Und wer ist Ihr wichtigster Gesprächspartner? „Spontan, mein Mann“, sagt sie. Ehemann Daniel Holefleisch unterstütze sie bei allem. Seit sie kandidiert, kümmert er sich Full Time um Kinder und Haushalt in Potsdam. Hat sie mal Fehler gemacht? Als junge Trampolinspringerin sei sie mal mit Fieber zu einem Wettkampf gegangen und habe sich dann einen Trümmerbruch im Fuß geholt, mit der Deutschen Meisterschaft sei es dann vorbei gewesen, erzählt Baerbock. Heute vermisse sie Sport, komme nicht mehr dazu. Erst einmal habe sie mit einem Standup-Board in Potsdam paddeln können. Hat ihr offensichtlich viel Spaß gemacht.

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Jetzt endlich sind Huber und Dinklage beim heiklen Thema der Plagiatsvorwürfe angekommen. Ob sie beim Buchschreiben zu lässig gewesen sei, fragt Huber. Doch Baerbock will hier gar nichts eingestehen. In die Defensive geht sie nach zugegebenen Fehlern beim Lebenslauf und nicht an den Bundestag gemeldeten Nebeneinkünften nicht noch einmal. In ihrem Buch habe sie darstellen wollen, „was mich antreibt, woher ich komme, was ich verändern will“, sagt Baerbock. „Aber ich habe kein Sachbuch oder so geschrieben, sondern das, was ich mit diesem Land machen will - und auf der anderen Seite die Welt beschrieben, wie sie ist, anhand von Fakten und Realitäten.“ Deshalb gebe es darin auch keine Fußnoten. Ihr sei von Anfang an klar gewesen, dass dieser Wahlkampf hart werden würde, dass alles genau unter die Lupe genommen werde. Aber es würden eben auch böswillig Fake-News verbreitet und dagegen müsse man angehen.

Sie kommt kurz ins Stocken, als sie gefragt wird, ob das jetzt eine Kurskorrektur ihrer Wahlkampfstrategie sei. Baerbock bestätigt, dass die Grünen bei Auseinandersetzungen, die nichts mehr mit Wahlkampf zu tun hätten, jetzt „klare Kante“ zeigen würden.

Die „Brigitte“-Journalistinnen werfen nun mehrere Fotos an die Wand, die Baerbock in verschiedenen Situationen ihres Lebens zeigen. Eines entstand 2019 bei einem Besuch bei den Jesiden im Nordirak. Es gibt Berichte, dass sie dort in Tränen ausgebrochen war, nachdem sie vom Schicksal einer Jesidin gehört hatte, die von IS-Kämpfern gefangen genommen worden war, die später freigelassen wurde, aber ihre beiden Töchter dort zurücklassen musste. „Es gibt keinen Widerspruch zwischen Härte und Empathie bei Politikern“, sagt Baerbock dazu im stärksten Moment dieses Abends. In der Flüchtlingspolitik habe man gesehen, was herauskomme, wenn man nur Politik nach Zahlen machen würde. Sie sei der Meinung, dass eine menschlichere Haltung auch zu einer anderen Art der Politik führen wird. „Politik ist von Menschen für Menschen“, betont die Kandidatin.

Am Schluss wird´s noch mal sehr privat. Das Foto zeigt sie mit ihrem Mann, einem Kommunikationsmanager der Deutschen Post, der auch mal für die Grünen gearbeitet hat. Was sie an ihrem Mann schätze, will „Brigitte“ von Annalena Baerbock wissen. Sie seien sehr unterschiedlich, sagt sie und lässt sich ansonsten nicht in die Karten schauen. Und dann kommt noch eine Lebenserfahrung: „Eine Ehe ist wie Ernie und Bert. Beide müssen bereit sein, mal Ernie oder mal Bert zu sein.“