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Nach Wahlkampffehler zur Europapolitik: Angela Merkel mobilisiert die SPD-Anhänger

Nach Wahlkampffehler zur Europapolitik : Angela Merkel mobilisiert die SPD-Anhänger

Was die CDU unbedingt verhindern wollte, ist laut Befund der Demoskopen eingetreten: Die SPD-Anhänger kämpfen aktiver für den Wahlsieg als die eigene Truppe. Experten sagen voraus, dass es nun "gefährlich" für Merkel werden kann.

So oft die Unionsspitzen in den letzten Wochen hinter verschlossenen Türen die Siegeszuversicht pflegten, trat die Chefin entschieden auf die Bremse: "Das kann noch ganz knapp werden." Angela Merkel scheint Recht zu behalten. Nach dem TV-Streit sind die Werte für SPD-Herausforderer Peer Steinbrück in die Höhe geschossen. Statt 54:28 wie vor dem Fernsehduell steht es nun nur noch 48:45 im Direktvergleich. Der Vorsprung der Amtsinhaberin schmilzt zusammen. Und nun droht auch noch das zentrale Wahlkampfkonzept der Union nach hinten loszugehen.

Über Monate hatte Merkel den Sozialdemokraten systematisch das Wasser abgegraben. Kaum ein griffiges Thema, das sie nicht besetzte. Das Kalkül dahinter: Wenn die potenziellen SPD-Wähler sehen, dass die Dinge auch ohne gestärkte SPD in die richtige Richtung laufen, bleiben die nicht ganz von Steinbrück überzeugten Genossen zu Hause.

"Asymmetrische Demobilisierung"

"Asymmetrische Demobilisierung" heißt diese Art der Einschläferungs-Kampagne. Mit dem Prinzip hat Merkel schon beim letzten Mal gewonnen: Wenn der Wahlkampf so einschläfernd läuft, dass von den Anhängern des Gegners am Ende mehr nicht wählen gehen als von der eigenen Klientel, liegt am Ende die Union vorne.

Nach dem Fehlstart des SPD-Kanzlerkandidaten schien dieses Konzept auch dieses Mal aufzugehen. Doch neueste Befunde des renommierten Allensbach-Instituts dürften in der CDU-Parteizentrale alle Alarmglocken läuten lassen. Danach kämpfen die Anhänger der SPD derzeit aktiver für den Wahlsieg als die Anhänger der Union. 2009 sei dies in der Vorwahlzeit umgekehrt gewesen.

Mit dem ersten kapitalen Fehler hat Merkel selbst dazu beigetragen. Ihre (noch nicht ausgestrahlte) Interview-Kritik, die SPD sei in der Europapolitik "total unzuverlässig", hat nicht nur Kanzlerkandidat, Fraktions- und Parteispitze auf den Baum gebracht. Diese "Sauerei" (O-Ton Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier) trägt zur weiteren Mobilisierung der SPD-Anhängerschaft bei. Denn wenn diese eines ganz und gar nicht leiden kann, dann ist es ein ungerechter Umgang mit der SPD. Schließlich habe sich Merkel bei wichtigen Euro-Entscheidungen auch dann auf die Zustimmung der SPD verlassen können, wenn ihr die eigene Kanzlermehrheit dazu längst abhanden gekommen sei.

  • Die wichtigsten Aussagen aus dem TV-Duell
  • Fotos : Das TV-Duell in Bildern
  • "Kanzlerin von allen guten Geistern verlassen" : Sigmar Gabriel kontert Kritik von Angela Merkel

Politikforscher sieht Gefahr für Merkel

Politikforscher Prof. Karl-Rudolf Korte von der Uni Duisburg-Essen sieht denn auch in der Schlussphase eine "große Gefahr" auf Merkel zukommen. Sie müsse ihre treuen Wähler an die Wahlurne bekommen, obwohl für viele von ihnen der Wahlkampf schon entschieden scheine. "Die Union ist ausmobilisiert, da wird keine Steigerung möglich sein", erläutert Korte im Gespräch mit unserer Redaktion. Angesichts von über 50 Prozent "Spätentscheidern" sei der Ausgang der Wahl immer noch eindeutig offen, zumal alle Umfragedaten auf ein sehr knappes Ergebnis hinwiesen.

Merkel hat das längst gewittert, und so versuchte sie ihre eigene Kritik zu entschärfen. Mit der Unzuverlässigkeit habe sie nicht das Abstimmungsverhalten der SPD im Bundestag bei den Euro-Rettungspaketen gemeint sondern die Position der SPD zur Vergemeinschaftung von Schulden. Doch so einfach lassen die Sozialdemokraten Merkel nicht davonkommen. "Total heißt ja total, und das ist inakzeptabel", erläuterte Steinbrück. Und SPD-Fraktionsgeschäftsführer setzt ebenfalls nach. Er fordert von Merkel eine förmliche Entschuldigung für ihren Vorwurf.

Hier geht es zur Infostrecke: Pressestimmen: Das schreiben die Medien zum TV-Duell

(may)