Analyse zur Bundestagswahl 2017: Die wahrscheinlichste Koalition

Blitzanalyse zur Bundestagswahl : Mach's noch einmal, Merkel!

Laut den ersten Prognosen und auch den Hochrechnungen gibt es eine deutliche Siegerin bei der Bundestagswahl: Angela Merkel. Doch mit wem wird sie koalieren? Reicht es für Schwarz-Gelb? Und wie stark wird die AfD im Bundestag? Eine erste Analyse.

So viel war schon vor den Wahlen irgendwie klar: Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin. Zwar hatte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz einen zuletzt nahezu verzweifelt wirkenden Wahlkampf durchgezogen, doch die letzten Umfragen sprachen eindeutig gegen ihn. Nun ist dieser Vorsprung der amtierenden Kanzlerin von den Wählern bestätigt. Offen sind die Fragen: Mit wem koaliert Merkels Union? Mit welchen Partnern startet die Kanzlerin in ihre vierte Amtszeit?

Und so sah die erste Prognose der ARD von 18 Uhr aus: Merkels Union kommt auf 32,5 Prozent der Stimmen (knapp 2 Prozentpunkte weniger als 2013), die SPD auf nur 20 Prozent. Das wäre ein satter Verlust von mehr als 5 Prozentpunkten. Der potenzielle Koalitionspartner der Union, die FDP, kommt auf 10,5 Prozent. Die Grünen kommen auf 9,5 Prozent, dicht gefolgt von den Linken mit 9 Prozent. Neu in den Bundestag zieht die AfD, auch das war zu erwarten. Mit 13,5 Prozent der Wählerstimmen würden sie aber deutlich im zweistelligen Bereich landen. (Sehen Sie alle aktuellen Hochrechnungen auf unserer Übersichtsseite.)

In den letzten Umfragen vor der Wahl war der Abstand zwischen CDU und SPD zumeist höher ausgefallen. Wie groß er letztlich bleibt, wird sich im Laufe des Abends noch zeigen, sobald die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlkreisen eintreffen. (Lesen Sie alle aktuellen Entwicklungen in unserem Liveblog.)

  • Die Gewinnerin Die eindeutige Gewinnerin des Abends heißt Angela Merkel. Ohne Ecken, Kanten oder erkennbare Neuerungen ging die amtierende Bundeskanzlerin in den Wahlkampf - das hat gereicht. Mit 26,5 Prozent setzte sich ihre CDU laut Prognosen deutlich von der Konkurrenz ab, gemeinsam mit der Schwesterpartei CSU erreichen die Christdemokraten 32,5 Prozent. Das ist ein klares Mandat zur erneuten Regierungsbildung und für eine vierte Amtszeit.
  • Der heimliche Wahlgewinner Die FDP hat ihr Comeback gemeistert. Wir erinnern uns: 2013 scheiterten die Liberalen mit 4,8 Prozent der Wählerstimmen an der Fünf-Prozent-Hürde und verpassten das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland den Einzug in den Bundestag. Nach dieser fatalen Niederlage stellte sich die Partei personell neu auf. Christian Lindner wurde zum - einzigen - Gesicht der Partei. Nach der Landtagswahl in NRW stellte er gemeinsam mit Armin Laschet eine schwarz-gelbe Regierung auf. Nun sorgt er für den klaren Wiedereinzug der Liberalen in den Bundestag. Ob es auch für eine Regierungsbeteiligung reicht? Laut den ersten Prognosen sieht es sehr danach aus. Fest steht bereits, dass Lindner nicht mehr im Düsseldorfer Landtag aktiv sein wird. Das hatte er bereits im Mai mehr als deutlich gemacht.
  • Die wahrscheinlichste Koalition Die FDP ist nicht nur zurück im Bundestag, sie könnte sogar direkt an der Regierung beteiligt sein. Im Vorfeld der Wahl wurde viel über eine Jamaika-Koalition spekuliert. Ein Bündnis aus Union, FDP und Grünen schien lange undenkbar, seit Juni ist es aber auf Landesebene in Schleswig-Holstein installiert. Auch wenn Liberale und Grüne zuletzt im Wahlkampf heftig gegeneinander geschossen hatten, rein rechnerisch scheint es laut Prognosen eine von zwei Optionen zu sein. Und wer weiß, vielleicht reicht es ja sogar noch für Schwarz-Gelb. Im Moment sieht es nicht danach aus. Rechnerisch möglich ist natürlich immer auch die Fortsetzung einer großen Koalition. Gemeinsam kämen CDU und SPD derzeit aber nur auf 52, 5 Prozent. Im Wahlkampf gaben sich die beiden großen Parteien zum Teil so wenig kämpferisch, dass sie mit diesem Schmusekurs zielgerichtet auf eine weitere Zusammenarbeit zuzusteuern schienen. Dafür müssten beide Parteien nun aber auch großzügig darüber hinwegsehen, dass die SPD eine herbe Niederlage einfuhr. Dem Wunsch der Wähler dürfte eine erneute große Koalition eher nicht entsprechen. Und: Direkt nach der Wahl reagierte Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann: Die SPD werde sich nicht an einer Regierungsbildung beteiligen, sagte er. Das klingt eindeutig.
  • Der Verlierer Selten wurde ein SPD-Kandidat von der eigenen Partei so frenetisch gefeiert, erhielt in Umfragen so starken Aufwind - und stürzte dann bei der Wahl so dramatisch ab: Martin Schulz muss eine herbe Schlappe einstecken. Der einstige Präsident des Europäischen Parlaments und diesjährige Hoffnungsträger der Sozialdemokraten konnte nach derzeitigem Stand mit seiner Partei lediglich 20 Prozent der Stimmen erreichen (Ergebnis 2013: 25,7 Prozent). Das gesteckte Ziel der Kanzlerschaft erreicht er bei weitem nicht, auch Rot-Grün ist undenkbar. Ob er so den Parteivorsitz halten kann? Unwahrscheinlich.
  • Die Neuen Vor fünf Jahren gründete sich die Alternative für Deutschland. Nach und nach ließ sich die rechtspopulistische Partei in die Landtage wählen. Das bisher eindeutigste Ergebnis erzielte sie in Sachsen-Anhalt, wo die AfD mit 24,3 Prozent zweitstärkste Kraft wurde. Davon liegt die Bundes-AfD laut Prognosen weit entfernt, könnte aber mit 13,5 Prozent ein deutlich zweistelliges Ergebnis erreichen. Nun sitzen Alice Weidel, Alexander Gauland und ihre Kollegen also auch im Bundestag. Alle Parteien haben im Vorfeld deutlich gemacht - eine Koalition mit der AfD wird es nicht geben. Jetzt - da die Wähler die Rechtspopulisten zur drittstärksten Partei gemacht haben - werden CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke einen Weg finden müssen, mit den Neuen umzugehen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fotos von der Wahlparty der CDU in Berlin

(vek)
Mehr von RP ONLINE